Test

Test: Behringer Odyssey

Nahezu monatlich bringt Behringer derzeit neue Klangerzeuger heraus und macht damit seine Ankündigungen wahr. Nach dem Minimoog-Klon Model D und den in den letzten beiden Ausgaben getesteten Nachbauten des Roland VP-330 und SH-101 haben wir eine weitere Kopie eines Synthesizer-Klassikers ins Testlabor bekommen, den Behringer Odyssey. Und auch Behringers Varianten von Rolands Kult-Drumcomputer TR-808 und dem Korg MS-20 sind bereits in der Auslieferung.

Nachbau des ARP Odyssey

Beim Behringer Odyssey handelt es sich um einen Nachbau des ARP Odyssey. Das Original kam 1972 als abgespeckte Version des ARP 2600 auf den Markt und wurde im weiteren Verlauf der Geschichte der meistverkaufte Synthesizer der Firma und wohl der härteste Konkurrent des Minimoogs. Ganz so einfach ließ sich dieser komplexe Ausnahmesynthesizer wohl nicht klonen, denn gut fünf Jahre und diverse Designänderungen liegen zwischen dem Beginn der Entwicklung und der endgültigen Auslieferung durch Behringer. Ohnehin waren nicht nur wir verwundert, dass Behringer den Odyssey nachbauen will, schließlich gibt es von Korg schon eine durchaus gelungene und bezahlbare Neuauflage. Deshalb haben wir es uns natürlich auch nicht nehmen lassen, die Modelle der beiden Hersteller im Test zu vergleichen. Der Behringer Odyssey ist übrigens im Gegensatz zum Korg-Nachbau aktuell nur im REV3-Design erhältlich.

Robuste Fullsize-Version

In Bezug auf die Qualität der Verarbeitung fährt der Behringer Odyssey gleich die ersten Punkte im Duell mit dem Korg und auch dem ARP-Original ein. Das gesamte Gehäuse ist aus robustem Metall. Selbst bei der dreimal so teuren Fullsize-Version von Korg wurde dagegen teilweise Plastik verbaut. Die überstehenden Tasten des Originals mit der akuten Abbruchgefährdung wurden glücklicherweise auch nicht übernommen. Die verbaute Tastatur entspricht vom Spielgefühl dem oberen Durchschnitt, die Tasten in voller Größe sind ein großer Vorteil gegenüber den Minitasten des einfachen Korg Odyssey und ebenbürtig mit dem Keyboard des limitierten großen Korg Odyssey FS. Im Vergleich zum letztgenannten zeigt sich der Behringer insgesamt aber etwas kompakter, da ein ganzes Stück an Tiefe eingespart wurde. Dennoch sind die Fader nahezu gleich lang und der Regelweg ist ein gutes Stück länger als beim kleinen Korg Odyssey bzw. dem Korg Module. Bei der komplexen Klangerzeugung des Odyssey können Änderungen von einem Millimeter bereits deutlich hörbare klangliche Änderungen zur Folge haben, weshalb die längeren Fader für Feineinstellungen ein großer Vorteil sind. Praktischerweise besitzen die Fader eine eingebaute weiße LED an der Spitze, sodass Sie auch in dunkler Umgebung die aktuellen Einstellungen ablesen können. Mit einem Regler auf der Rückseite lässt sich die Leuchtstärke anpassen und bei Bedarf auch ganz herunterregeln. Die Haptik der Fader ist gut, im Direktvergleich mit dem Korg Odyssey FS fanden wir dessen Fader allerdings einen Tick wertiger.

Kein Speicher, spartanisches MIDI
Die Tastatur ist zwar anschlagdynamisch spielbar und der Sequenzer nimmt auch Velocity-Informationen mit auf, allerdings nützt Ihnen dies nur etwas bei der Ansteuerung externer Klangerzeuger. Denn die Klangerzeugung des Behringer Odyssey kann Anschlagdynamik nicht verarbeiten, da die MIDI-Implementation extrem spartanisch ist und sich auf Tonhöhe, Notenlänge und Pitchbend beschränkt. Hier hätten wir uns sehnlichst die Velocity-Out Modifikation des Behringer MS-101 gewünscht, um über den Pedaleingang z. B. die Filterfrequenz per Anschlagdynamik zu modulieren. Einzelne Parameter lassen sich nicht per MIDI fernsteuern, eine Speichermöglichkeit für Sounds gibt es ebenfalls nicht. Der Einbau dieser Funktionen hätte aber auch zwangsläufig eine digitale Reglerabfrage und damit eine Quantisierung der Werte zur Folge gehabt, was auch Auswirkungen auf den Sound haben kann. Insofern halten wir diese Entscheidung für richtig, zumal auch der günstige Preis nicht möglich gewesen wäre.

Drei unterschiedliche Filterschaltungen integriert
Die Klangerzeugung und das Layout der Bedienelemente sind unverändert vom Original übernommen. Herzstück des Odyssey sind zwei Oszillatoren mit Sägezahn- und Puls-Wellenformen, ergänzend sind ein Ringmodulator und weißes oder pinkes Rauschen an Bord. Es folgen das Tiefpassfilter mit Auswahlschalter für die drei Revisionen des Originals, ein einfacher Hochpass und ein Verstärker. Von Korgs Nachbau übernommen wurde der Wahlschalter, um das Tiefpassfilter zwischen den verschiedenen Schaltungen der drei Odyssey-Revisionen umzuschalten. Variante 1 ist ein 12dB-Tiefpass in Anlehnung an den Oberheim SEM und besitzt den aggressivsten Klang, vor allem bei hoher Resonanz. Variante 2 ist ein 24dB-Tiefpass mit etwas mehr Bass, Wärme und Sättigung im Moog-Stil. Variante 3 hat ebenfalls eine Flankensteilheit von 24dB und bietet den saubersten Klang der drei Kandidaten, ist also am Besten für transparente Sounds geeignet. Höhere Resonanzwerte dünnen den Bassbereich allerdings deutlich mehr aus als bei den anderen beiden Filterschaltungen. 

Flexibles Routing, Duophonie
Als Modulatoren gibt es zwei Hüllkurven mit ADSR- und AR-Charakteristik sowie einen LFO, der Sinus-und Rechteck-Schwingungen erzeugt. Erwähnenswert ist auch das Sample-&-Hold-Modul, dem R2D2 seine „Stimme“ verdankt. Eine Besonderheit des Odyssey ist sein Routing-Konzept. Die Wellenformen der VCOs und des LFO werden nicht in ihren Bediensektionen, sondern bei den Zielen ausgewahlt. So können Sie beispielsweise für Tonhöhen- und Filter-Modulationen verschiedene LFO-Wellen heranziehen. 
Eine weitere Eigenheit des Odysseys ist seine Duophonie. Wenn Sie zwei Noten gleichzeitig spielen, verteilt der Odyssey die beiden Oszillatoren auf die zwei Notenwerte. Gerade in Verbindung mit dem guten Ringmodulator lassen sich auf diese Weise sehr spannende und interessante Ergebnisse erzielen. Da der VCA bei Bedarf auf Dauersignal geschaltet werden und der LFO auch die Hüllkurven triggern kann, ist der Odyssey in Verbindung mit dem Sample&Hold-Modul eine wahre Spielwiese für alle Arten von Drones und gehaltenen rhythmischen Ambientklängen.

MIDI, USB oder CV/Gate
Sämtliche Anschlüsse sind auf der Rückseite angesiedelt. Zur Verbindung mit analogem Equipment dienen 6 Miniklinke-Buchsen für Gate, Trigger und Pitch IN/OUT. Der Audioausgang ist als XLR- und Klinkenbuchse ausgelegt. Es empfiehlt sich die Nutzung des symmetrischen XLR-Ausgangs, da der Klinkenausgang deutlich weniger Pegel bietet. Der Eingang für externe Signale kann mit dem Kopfhörerausgang verbunden werden, um die vom Minimoog bekannte Feedbackschleife und die dadurch entstehende Sättigung zu erzielen. Mit dem Lautstärkeregler für den Kopfhörerausgang steuern Sie dann nuanciert die Stärke des Feedbacks bis hin zum „Kippen“ des Audiosignals. Da dem Behringer Odyssey zudem mit dem vom Korg-Nachbau bekannten Drive-Gain auch eine interne Übersteuerungsmöglichkeit spendiert wurde, lassen sich so jede Menge satte und fette Analogsounds erzeugen. Über einen zusätzlichen Eingang regeln Sie mit einem Pedal oder einer anderen CV-Quelle die Tonhöhe von VCO2 oder die Filterfrequenz, ein Fußschaltereingang für Portamento ist ebenfalls vorhanden. Digital angesteuert wird das Modul per MIDI oder USB, die Stromversorgung übernimmt leider ein externes Steckernetzteil.

Stepsequenzer und Arpeggiator
Ein großer Vorteil gegenüber dem Original und der Korg-Version ist der eingebaute Stepsequenzer des Behringer Odyssey. Es ist das gleiche Modell verbaut wie im MS-1(01). Die Länge eines Pattern beträgt maximal 32 Steps, 64 Pattern lassen sich speichern. Sequenzen können über das Keyboard eingespielt oder Step-by-Step eingegeben werden. Pausen, Accents, Glides und Notenlänge sind für jeden Schritt individuell programmierbar, es gibt sogar eine Ratchet-Funktion für schnelle Wiederholungen der Note eines einzelnen oder aller Steps. Einfache Sequenzen lassen sich schnell und intuitiv erstellen, die zusätzlichen Funktionen wie Ratchet erfordern etwas Einarbeitungszeit. Die 8 Sequenzerbuttons sind beleuchtet und dienen bei laufendem Sequenzer als Lauflicht, die Sequenz lässt sich per Keyboard transponieren. Auch ein Arpeggiator mit elf verschiedenen Abspielmustern ist an Bord. Mit dem Temporegler lässt sich ein Swing-Faktor einstellen.

Digitales Effektgerät
Wer aufgrund des eingebauten Displays Hoffnung auf eine Speicherbarkeit oder tiefer gehende Menü-Einstellungen gehegt hat, wird leider enttäuscht. Der Bereich oben links ist allein für die Bedienung des integrierten Effektgerätes von Klark Teknik reserviert. Es handelt sich um einen Send-Effekt, per Taster lässt das Effektgerät sich auch komplett aus dem Signalweg entfernen. Und das ist auch gut so, denn die Qualität der digitalen Effekte ist bestenfalls mittelmäßig und erinnert an die in günstigen Mischpulten verbauten Universal-Multieffekte. Zur Auswahl stehen verschiedene Hallräume, Tempo- und Modulationseffekte, Verzerrer sowie Kombinationen daraus wie Chorus mit Hall. 
Nicht nur optisch wirkt der Effektbereich wie ein Fremdkörper, insgesamt finden wir die Integration nicht ganz stimmig. Das fängt schon damit an, dass es sich offensichtlich um einen Stereo-Effekt handelt, der Odyssey aber nur über einen Monoausgang verfügt. Selbst über Kopfhörer wird der Effekt nur in Mono ausgegeben. Dennoch gibt es einen Panning-Effekt oder Spread- und Ping-Pong-Delay, was aber nur in Stereo Sinn machen. Auch der Chorus macht in Mono wenig her.

Pitch-Effekt für Akkorde 
Um testweise den erstellten Klang mit ein wenig Hall oder Delay zu versehen, ist das Effektgerät aber dennoch nützlich. Und auch für das kleine Live-Setup kann dadurch zusätzliche Gerätschaft sowie Verkabelung eingespart werden. Im Studio wird das Effektgerät aber wohl meist deaktiviert sein. Den Pitch-Effekt wollen wir aber schon würdigen, denn er reagiert relativ schnell und genau. Unter anderem ermöglicht er auch das Spielen von Akkorden mit nur einer Taste, wenn Sie z. B. den Grundton um vier und sieben Halbtöne erhöhen und dies hinzumischen.

Mehr HiFi, weniger Punk!
Der Behringer Odyssey hat ohne Frage die Klangcharakteristik des ARP Odyssey. Der durchsetzungsfähige, mittige Sound hebt sich deutlich vom Klang eines Moog- oder Roland-Analogsynthesizers ab. Ob cremige Leads, metallische und glockige Sounds, funky Bässe, schräge paraphone Ambientklänge oder treibende und aggressive Basslinien und Sync-Sequenzen, all dies beherrscht der Behringer-Klon problemlos. Auch den Klang der drei verschiedenen Filter hat Behringer passend nachgebildet, dennoch hat uns die Filtersektion beim Korg etwas besser gefallen. Insgesamt klingt der Korg etwas unsauberer, roher und irgendwie mehr Vintage, während der Behringer klanglich mehr Richtung HiFi-Sound geht. Die ungestüme Punk-Attitüde des ARP-Originals können aber beide Nachbauten nicht komplett einfangen, wobei wir den Korg noch einen Tick dichter am Original sehen. Dies hört man gut bei der Oszillator-Synchronisation bei gleichzeitiger Modulation der Tonhöhe des Slave-Oszillators durch die Hüllkurve. Der Original-Odyssey war der erste Kompaktsynthesizer, der dieses Feature integriert hatte, und der charaktervolle Syncsound ist durchaus Erkennungsmerkmal dieses Synthesizers. Auch der Sync vom Behringer klingt sehr gut, vor allem in Verbindung mit dem Ringmodulator. Im Vergleich zum Korg fehlen diesen Sounds aber – salopp gesagt – ein wenig die „Eier“, und der Korg wiederum klingt zahmer als der rohe, ungeschliffene und rotzige Sound des Originals von ARP. Da aber nicht jedem dieser Charakterzug des Odyssey gefällt, wird auch der modernere neo-analoge Klang des Behringers seine Anhänger finden.

Bewertung
Name
Behringer Odyssey
Pro
  • Sehr gute Verarbeitung
  • Flexible Klangerzeugung
  • Drei Filtervarianten
  • Stepsequenzer
  • Arpeggiator
  • Effektgerät
  • Günstiger Preis
Contra
  • Der rohe Charme des Originals fehlt
  • Mono-Ausgang
Preis
449 EUR
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