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Dj Shadow im Interview: Ich mag es, wenn etwas einzigartig klingt

DJ Shadow, der bürgerlich Josh Davis heißt, beginnt schon während seiner High-School-Zeit, auf einem 4-Spur-Recorder mit Beat und Breaks zu arbeiten und entdeckt früh den Hip-Hop für sich. Doch in seiner eigenen Musik verarbeitet der DJ weitaus mehr Einflüsse und präsentiert in seinen ab Anfang/Mitte der 90er erscheinenden Singles und Alben einen breiten Stilmix aus Hip-Hop, Jazz, Soul, Funk, Downbeat, Ambient und Trip-Hop, der zunächst ausschließlich aus Samples besteht. Etwa 25 Jahre später – am 15. November 2019 – veröffentlicht der Kalifornier sein sechstes Studioalbum, „Our Pathetic Age“, einen fetten Doppeldecker, der jeweils zur Hälfte aus Instrumentals und Vocal-Features besteht. Und ein Ende der Evolution ist nicht in Sicht. Sascha Blach traf DJ Shadow in Berlin, um mit ihm über seine Produktionen und sein Musikverständnis zu sprechen.

Beat / Wie lief es seit dem letzten Album „The Mountain Will Fall“ (2016)? Drei Jahre scheinen eine kurze Zeit für dich zu sein.

DJ Shadow / Ja, das stimmt. Es war wie ein superschneller Marathon für mich. Das letzte Album erschien im Juni 2016 und dann war ich ein Jahr und vier Monate fast ununterbrochen auf Tour. Ende 2017 nahm ich mir vier Monate Auszeit. Aber ich habe in der Zeit dennoch gearbeitet und andere Dinge gemacht. Im Februar 2018 habe ich mit dem neuen Album begonnen.

Beat / Hattest du zu diesem Zeitpunkt eine konkrete Vorstellung, wie es klingen soll?

DJ Shadow / Ich habe immer auf verschiedenen Ebenen Ziele. Auf Basis des Engineerings oder die Ambition, ein Doppelalbum zu machen. Auf dem letzten Album habe ich mich vor allem in puncto Sounddesign ausgetobt und diesmal ging es zusätzlich mehr um Melodien und einen anspruchsvolleren Umgang mit Synthesizern. Nicht diese typische Spielweise mit einem Finger. Mehr Akkordstrukturen und Gegenmelodien. Solche Dinge. 

Beat / Würdest du von traditionellerem Songwriting sprechen?

DJ Shadow / Es ist schwer zu sagen, ob es traditioneller ist, denn die heutige Technologie erlaubt einem viel mehr Kreativität. Ich habe Samples auf diesem Album auf eine Weise eingesetzt, wie ich es zuvor nicht hätte machen können. Wenn ich – jemand, der seit 30 Jahren mit Samples arbeitet – das sagt, spricht das für die neuen Möglichkeiten innerhalb der DAWs heutzutage, denke ich.

Große Ambitionen

Beat / Du giltst als Pionier im Bereich Sampling. Welche Rolle spielte diese Technik auf „Our Pathetic Age”?

DJ Shadow / Jede Art mit Sounds zu arbeiten, ist wie eine Farbe in meiner Palette. Sampling ist eine davon, andere sind das Arbeiten mit Live-Instrumenten, analogen Synthesizern und Softsynths sowie Plugins. Ich habe Samples und Sounds genommen und sie diesmal nicht so sehr in Modulen manipuliert, sondern in Vintage-Synths. Mein guter Freund Jack Dangers hat eine Reihe seltener alter Synths. Die erste Session für das Album außerhalb meines Hauses diente dazu, Samples durch Vintage-Gear von ihm zu jagen, um so eine neue Sample-Palette zu erstellen. Dann habe ich sie wieder mit nach Hause genommen und dort erneut bearbeitet. Am Ende gibt es nun diverse Schichten an Samples. Früher hätte ich ein Sample einfach verwendet wie es ist. Dieses Mal wollte ich jeden Sound unidentifizierbar machen, dass man sich fragt, was es ist. 

Beat / Würdest du sagen, dass deine Ambitionen heutzutage größer sind?

DJ Shadow / Oh ja.

Beat / Versuchst du etwas Innovatives, Originelles zu erschaffen?

DJ Shadow / Ja, eigentlich immer. Es gibt einen Track namens „Weightless“ und ich habe das Sample auf eine ganz neue Weise bearbeitet. Anstatt es einfach zu loopen, habe ich mit dem Pitch herumgespielt, sodass es Off-Center klingt und ständig die Tonhöhe verändert. Solche Kleinigkeiten versuche ich immer wieder aufs Neue. Und ich denke, es ist offensichtlich, dass mich allerlei junge Kids beeinflussen, die in der elektronischen Musik sehr aktiv sind. In den letzten zwölf Jahren sind aus meiner Sicht sehr viele Innovationen passiert im Bereich Beat-Making und Sound Processing.

Beat / Versuchst du immer auf dem Laufenden zu bleiben, hörst dir viel neue Musik an und analysierst sie?

DJ Shadow / Ja, definitiv.

Beat / Und welche Künstler haben dich in den letzten Jahren am meisten beeinflusst?

DJ Shadow / Man könnte bis ins Jahr 2007 zurückblicken, als ich UK Dubstep für mich entdeckte. Labels wie Hyperdub. Später kamen Künstler wie Flying Lotus und so fluffiger, jazziger Kram hinzu. Außerdem ein Label namens Saturated, die viel Post-Dubstep veröffentlicht. Ich stöberte viel auf Soundcloud und fand darüber zahlreiche interessante Künstler. Irgendwann begann ich, einige davon zu kontaktieren, um ihnen Fragen zu stellen. Ich dachte, sie säßen irgendwo in Deutschland oder Russland. Aber bei einem nach dem anderen stellte sich heraus, dass sie bei mir in der Nähe in Nordkalifornien leben, auch wenn sie auf ausländischen Labels veröffentlichen. So begann ich, mit einigen zusammen zu arbeiten, z. B. mit Bleep Bloop oder Nasty Nasty. Ich mag es, mit Leuten zu arbeiten, die innovative Sachen machen. Mir gefällt am besten ein etwas aggressiverer Sound, etwas mit einer Nähe zum Hip-Hop, wohingegen traditionelle IDM oder Techno nicht so mein Ding sind. 

Beat / Sind das unbewusste Einflüsse oder analysierst du andere Musik im Detail und versuchst die Technik zu kopieren?

DJ Shadow / Ich hoffe, dass ich niemanden direkt kopiere. Die Idee ist, die Technik zu lernen und sie dann auf meine Art von Musik anzuwenden. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich nun plötzlich Dubstep oder Trap mache. Meine Musik fühlt sich immer nach mir an. Aber sie entwickelt sich über die Jahre. Ich wollte wissen, wie Jimmy Jam und Terry Lewis oder Rick Rubin ihre Beats kreieren. Oder später DJ Premier. Aber nicht, um sie zu imitieren oder etwas zu stehlen, sondern um ein Verständnis für ihre Arbeit zu entwickeln. 

Grenzenlos innovativ

Beat / „Our Pathetic Age“ ist extrem vielfältig. Hast du das Gefühl, dass bei DJ Shadow stilistische Grenzen existieren oder machst du, was immer sich richtig anfühlt?

DJ Shadow / Hoffentlich gib es keine Grenzen. Ich wollte schon immer eine Alternative bieten zu der jeweiligen Zeit, in der ein Album erscheint. Das war schon bei meinem ersten Album so. Als es 1996 herauskam, wollte ich nicht klingen wie G-Funk oder Mobb Deep, was ich damals viel gehört habe. Ich wollte mich zwar davon inspirieren lassen, aber ich denke, meine Aufgabe als Künstler ist es, ich selbst zu sein und etwas anderes zu tun. Ich habe das Gefühl, in der Musik bewegt sich alles in Gruppen weiter, weil jede gute Idee sofort zigfach kopiert wird. So klingt schnell alles gleich. Insbesondere Rap habe ich in den letzten Jahren als sehr formelhaft empfunden, da die meisten Artists denselben Stil und ähnliche Beats und Tempi verwenden. Ich mag es, wenn etwas einzigartig klingt. Das sind übrigens auch die Sachen, die ich als DJ spiele. 

Beat / Gab es spezielle Techniken, die du auf dem neuen Album verwendet hast?

DJ Shadow / Man lernt mit jedem Song etwas Neues. Neulich habe ich beispielsweise einen Freund gefragt, wie er seinen Subbass so voll hinbekommt, ohne dass der Limiter auf der Summe alle anderen Signale mit wegdrückt. Seine Antwort war, den Sub in mono zu mischen und über einen Sidechain ein bisschen Fuzz hinzuzufügen, sodass Hörer auch auf einem Handy merken, dass dort ein starker Bass ist, obwohl er nicht dargestellt wird. Das sind Dinge, auf die ich alleine nicht kommen würde. Also muss ich viele Fragen stellen. Es macht keinen Unterschied, ob man 16 oder 47 ist, wie ich. Man sollte immer dazu lernen. 

Beat / Gab es neues Equipment oder Plugins, die du für „Our Pathetic Age“ verwendet hast?

DJ Shadow / Ich produziere meine Musik in Ableton Live, verwende aber auch noch Pro-Tools zum Editieren, vor allem für Samples. Ich möchte auf dem Laufenden bleiben und nicht irgendwann die ganzen Shortcuts vergessen. Neulich habe ich in Fruity Loops einen Beat programmiert, einfach um zu verstehen, wie die jungen Rap-Produzenten arbeiten. Ich denke, es ist gesund, wenn man in so vielen DAWs wie möglich fitt ist. Aber es gibt keine Geheimnisse hinter meinem Sound. Mir geht es mehr um die Ideen. Die Plugins, die mit Ableton geliefert werden, haben alles, was ich brauche. Ich verwende beispielsweise Drum Rack sehr viel, habe aber auch rund ein Dutzend Plugins gekauft. Sachen wie Vintage-Synths von Korg. Es kommen immer wieder welche dazu, aber es gibt nicht die eine Geheimwaffe für meinen Sound. 

Beat / Was prägt deinen Sound aus deiner Sicht?

DJ Shadow / Es ist eher so, dass ich diesmal extrem viel Zeit in die Post-Production investiert habe und bei jedem Sound so viel Variation wie möglich hinzufüge. Nehmen wir eine Hi-Hat als Beispiel. Früher hätte ich einfach eine Hi-Hat eingetippt und etwas Hall und EQ dazugepackt. Heute kommen subtile Pitch-Veränderungen dazu, Automationen im Reverb, damit sich die Distanz ändert, Volume-Changes und so weiter. Zehn Effekte nur auf einem Sound, sodass dieser sich den Song hindurch nie zu roboterhaft anfühlt. Ich orientiere mich daran, wie Leute echte Instrumente in einem Studio spielen würden. Eine Kick kann durchaus aus sieben bis acht Ebenen bestehen, damit das Frequenzspektrum komplett ausgefüllt ist. 

Beat / Das klingt, als würdest du heute viel mehr Zeit in deine Musik investieren?

DJ Shadow / Ja, definitiv. Ich bin sehr fokussiert, packe dieses Ding beiseite (zeigt auf sein Handy), damit ich nicht gestört werde, und arbeite täglich acht Stunden an der Musik. 

Kooperationen durch die Genres

Beat / Lass uns über die Feature-Tracks sprechen. Sind die Sänger und Rapper alle Bekannte von dir?

DJ Shadow / Es ist eine Kombination aus alten Freunden, Künstlern, mit denen ich schon immer zusammenarbeiten wollte, und Leute, die ich zuvor nicht gekannt habe. Der Track mit Run The Jewels hat eine Hookline mit einem Chor-Part. Das ist ein Freund von mir, den ich 15 Jahre lang nicht gesehen hatte. Ich wusste nicht so recht, was ich will. Also kontaktierte ich ihn. Ich mag den Gedanken, dass es für jede neue Stimme auch eine alte gibt, die mir etwas bedeutet.

Beat / Nicht erwartet hätte man Paul Banks von Interpol.

DJ Shadow / Das war ein Name, der in einem Gespräch mit meinem Manager fiel, als wir über neue Sänger nachdachten. Mir war sofort klar, dass ich ihn in einen Track packen will, der untypisch für ihn ist. Die Nummer ist eher von zeitgemäßem Rap inspiriert. Ich mag es, Leute in Situationen zu werfen, die ungewohnt für sie sind. Daher wollte ich ihn mit einem Rapper zusammenbringen. Und ich denke, Leute wie Paul schätzen es, wenn sie nicht gefragt werden, dasselbe wieder und wieder zu machen. Zumindest geht es mir so. Wenn mich jemand fragt, ob ich etwas Ähnliches wie „Endtroducing“ machen könnte, weil es so cool sei, verneine ich, denn das ist 24 Jahre her. Ich weiß gar nicht mehr, wie das geht [lacht].

Beat / Warst du mit allen Gästen zusammen im Studio?

DJ Shadow / Nein. Leider sieht die Realität so aus, dass Flugtickets nun fünfmal so teuer sind wie früher und die meisten Sänger lieber in ihrem gewohnten Umfeld aufnehmen. Daher ging etwa 90 Prozent über E-Mail oder Telefon – so auch bei Paul Banks. Mit Run The Jewels war ich im Studio, weil sie Freunde von mir sind. Auch Ghostface Killah habe ich getroffen, um Ideen auszutauchen. Aufgenommen hat er seinen Part dann aber ein paar Tage später alleine. 

Beat / Gibst du den Gästen Anweisungen mit auf den Weg?

DJ Shadow / Ja. Ich finde, das ist mein Job als Produzent, einen Rahmen zu geben, denn am Ende reflektiert der Song auch mich. Es ist wie bei einem Regisseur und einem Schauspieler. Manche geben sehr exakte Vorgaben, andere lassen es die Schauspieler auf ihre Art probieren. Ich gebe den Sängern ein paar Ideen, aber am Ende sollen sie dennoch sie selbst sein. Solange ich nicht ein Liebeslied zurückbekomme, wenn es ein ernster Track sein soll, ist alles in Ordnung. Am meisten hin und her ging es bei Sam Herring, weil ich für den Track die klarste Vorstellung hatte. Glücklicherweise hatte er kein Egoproblem damit.

Beat / Macht es für dich einen Unterschied, ob du ein Instrumental oder einen Track mit Vocals schreibst?

DJ Shadow / Oh ja, sehr. Die instrumentale Seite gibt mir die Möglichkeit, mich selbst zu einhundert Prozent auszudrücken, da ich ohne Kollaborationen komplett machen kann, was ich will und mich nicht an bestimmte Tempi oder Strukturen halten muss. Ich kann so progressiv und kreativ sein, wie ich möchte. Bei den Kollaborationen ist das aus naheliegenden Gründen schwieriger.

www.djshadow.com

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