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DJ-Interview mit dem House-Guru Roger Sanchez

Roger Sanchez und House – diese beiden Begriffe lassen sich nicht trennen. Seit fast 40 Jahren legt Sanchez nun schon auf und ist für seinen dynamischen, zupackenden Stil bekannt. Langweilig wird es bei ihm nie – und keine Reise ist jemals dieselbe, wie er Tobias Fischer darlegte.

Beat / Viele kennen dich vor allem von deinem Hit „Another Chance“ aus dem Jahr 2001. Du warst aber schon lange davor aktiv …
Roger Sanchez / Bei mir hat alles schon mit 13 angefangen.

Beat / Also kurz vor Anfang der 80er.
Roger Sanchez / Ja. Zuerst war ich noch ein Breakdancer. Irgendwann habe ich mich dann aber in die Vorstellung verliebt, die Tänzer zu kontrollieren, statt selbst einer von ihnen zu sein.

Beat / DJing war damals noch eine technisch anspruchsvolle Kunst. Was hat dir in dem jungen Alter das nötige Selbstbewusstsein gegeben?
Roger Sanchez / Ich konnte mich schon immer gut mit Musik in andere hinein versetzen. Ich liebe Kunst im Allgemeinen. Salvador Dali's „Galatea der Sphären“ beispielsweise ist ein Gemälde, zu denen ich mich immer wieder hingezogen fühle.

Beat / Wie hast du konkret angefangen?
Roger Sanchez / Ich habe mir einen Technics Sb 100, einen Rotel Plattenspieler und ein Gemini-Mischpult besorgt – und losgelegt.

Beat / Nicht gerade ein Standard-Setup.
Roger Sanchez / Es war halt, was mir zur Verfügung stand. Dass die Dinge aus dem Stehgreif kamen, hat mir später geholfen, mit verschiedenen Equipment-Konstellationen in den Clubs umgehen zu können. Heute sind ein CDJ Nexus 2 und ein Nexus 2 DJM 900 Mixer meine Standard-Geräte.

Beat / Haben sich die Dinge deiner Meinung nach in technischer Hinsicht verbessert?
Roger Sanchez / Mit meiner Technics/Rotel/Gemini Kombination waren die Möglichkeiten natürlich eingeschränkter. Aber genau das hat dazu geführt, dass ich mich mehr auf die kreative Seite konzentriert habe. Mir standen weniger Optionen zur Verfügung, also musste ich mit den Turntables und den wenigen Synths und Samplern, die ich mir später geholt habe, Ideen generieren. Die digitale Welt hat alles kompakter und einfacher gemacht – jeder kann jetzt Musik machen.

Beat / Du hast davon gesprochen, dich mit der Musik aus zu drücken. Was genau kann man als DJ kommunizieren
Roger Sanchez / Du kannst zwei Dinge tun. Erstens: Die Gäste auf eine Reise nehmen. Darum ist es für mich auch optimal, wenn ich so lange auflegen kann, bis ich musikalisch alles gesagt habe und die Geschichte zu Ende erzählt habe. Das klappt freilich nicht immer. In der Praxis beendet oftmals der Veranstalter das Set, wenn Feierabend ist.

Beat / Und zweitens?
Roger Sanchez / Mit den Tänzern eine Verbindung aufbauen. DJing ist immer eine Kombination aus Improvisation und Struktur. Ein guter DJ versteht die Bedeutung von Timing. Alles hängt davon ab, wo sich das Publikum gerade befindet und wohin du es emotional führen möchtest. Die Erfahrung sollte jedes Mal anders sein. Deswegen remixe ich alles, während ich spiele – kein einziger Auftritt ist jemals gleich.

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Beat / Es ist eine Kombination aus fremden Inspirationen und deinem eigenen Stil.
Roger Sanchez / Kann man so sagen. Mir ging es darum, Grooves und Beats aufzulegen, die sonst keiner hatte. Gleichzeitig war ich mir meiner Einflüsse bewusst: Latin Rhythmen, Hip-Hop und Disco. Ich habe die Beats und Bässe gesampelt und sie dann umgebaut, um ihnen einen persönlichen Vibe zu verleihen. Dabei schichte ich verschiedene Loops, Acapellas und Tracks aufeinander und verteile sie über mein Set.

Beat / Wie laufen deine Entscheidungsprozesse beim Auflegen im Club ab?
Roger Sanchez / Die Dinge fangen schon zu Hause an!

Beat / Bei der Recherche …
Roger Sanchez / Genau, ich lasse die Ideen einfach kommen und schaue was funktioniert. Daraus entsteht dann ganz oft neue Musik, die ich wiederum in meine Sets einbauen kann, um sie zu erweitern. Im Club probiere ich sie dann vor einem Publikum aus und kann meine Auswahl noch genauer einengen. Ich sehe mir genau die Tänzer direkt vor mir an und versuche mich in sie hinein zu versetzen. Das gibt mir Hinweise darauf, welchen Track ich als nächstes spielen möchte.

Beat / Man muss dafür sehr genaue Antennen haben.
Roger Sanchez / Ich kann es fühlen, wenn die Energie im Club ihren Höhepunkt erreicht und wann sie abfällt. Wenn ich auflege, bin ich ganz darauf gepolt, diese Stimmungen zu empfangen.

Beat / Kannst du kurz zusammenfassen, was dir Musik bedeutet?
Roger Sanchez / Für mich ist Kunst wie Nahrung. Sie ist wunderbar und wir können ohne sie nicht leben. Sie ist Ausdruck und Kommunikation und für mich ist es essentiell, das zu tun, was sich im Augenblick ehrlich anfühlt – ganz egal, ob ich auflege, einen Track produziere oder einfach nur Hintergrundmusik beisteuere.

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​Dieser Artikel ist in unserer Heft-Ausgabe 153 erschienen.

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