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Hælos​ im Porträt: Mensch vs. Maschine

Die Londoner Band Hælos hat mit ihrer Debüt-EP „Earth Not Above“ (2015) und dem fulminanten ersten Longplayer „Full Circle“ (2016) viel Staub in der elektronischen Musikwelt aufgewirbelt und sich schnell eine große Fangemeinde erspielt. Mit „Any Random Kindness“ legt das Quartett dieser Tage ein überzeugendes Zweitwerk zwischen Trip-Hop, Dance und Electronica nach, das insbesondere bei intensivem Hören über Kopfhörer eine liebevolle, detailreiche Analog-Produktion erkennen lässt, über die wir uns mit Synthesizer-Fetischist und Produzent Dominick „Dom“ Goldsmith ausführlich unterhalten haben.

Beat / Dom, wie bist du persönlich zur Musik gekommen?
Dom / Ich habe mit zehn Jahren begonnen, Gitarre zu spielen. Mit zwölf bekam ich ein Phrase-Trainer-Pedal. Dadurch bin ich in den Recording-Bereich gekommen. Ich habe mit einem Mini-Disc-Recorder und eben dieser Loop-Station gearbeitet und mein Gitarrenspiel aufgenommen. Es war zunächst sehr elementar. Aber dadurch erwuchs mein Interesse, Sounds aufzunehmen.

Beat / Hattest du jemals eine professionelle Ausbildung?
Dom /
Nein, ich habe mir das Produzieren und Aufnehmen selbst beigebracht und mir viel von anderen Engineers im Studio etwas abgeschaut, da ich mit vielen guten Leuten zusammenarbeiten durfte. Das gilt auch für Matt Wiggins und Orlando Leopard bei diesem Album. Ich achte beispielsweise genau drauf, wie sie etwas mikrofonieren. Vieles lernt man beim Machen.

Beat / Welche Bands haben dich geprägt?
Dom /
Talk Talk zum Beispiel. Radiohead waren meine Lieblingsgitarrenband. Als „Kid A“ erschien, wurden sie meine liebste elektronische Band und ebneten mir den Weg in diese Musik. Als Thom Yorke begann, in dieser Ära ein Kaos Pad zu verwenden, erwuchs auch mein Interesse an Techno. Aber auch Björk, Sigur Ròs und diverse Jazz-Platten.

Beat / Hattet ihr im Vorfeld des neuen Albums „Any Random Kindness“ eine Vision, wie es klingen soll?
Dom /
Wir hatten definitiv Absichten. Unser erstes Album „Full Circle“ war komplett studiobasiert. Als wir damit tourten und es auf die Bühne brachten, hat das etwas in uns verändert, was die neue Scheibe geformt hat. Wir haben viel vor Publikum ausprobiert und die Reaktionen beobachtet. Die Grenzen sind nun weiter gesteckt als beim ersten Album und es gibt mehr Live-Parts im Vergleich zu programmierten Sounds. Ich mag nach wie vor die Verbindung von elektronischen Momenten und einer Live-Instrumentierung. Es ist ein schöner Gedanke, dass unsere Musik eine Kollaboration von Mensch und Maschine ist.

Beat / Wurden die Songs auf akustischen Instrumenten komponiert?
Dom /
Die Songs entstehen immer auf einer einzigen Soundquelle in Verbindung mit dem Gesang. Ich nehme beispielsweise mein Eurorack-Synth und erzeuge schnell ein paar Spuren, damit ich etwas habe, womit ich jammen kann. Oder es beginnt mit dem Gesang und einem Piano oder einer Akustikgitarre. Der Gesang muss schon am Anfang funktionieren. Wenn das nicht der Fall ist, verwerfen wir eine Songidee schnell wieder.

Beat / Also eher ein Singer/Sonwriter-Ansatz statt dem einer elektronisch geprägten Band?
Dom /
Das würde ich nicht sagen. Die Produktion spielt auch sehr früh eine Rolle. Ich treibe die anderen manchmal zur Verzweiflung (lacht). Für mich sind die Instrumentierung und die Produktion dasselbe. Wenn wir eine Idee haben, entstehen die Tracks meist innerhalb kurzer Zeit. Anschließend packen wir sie erstmal zur Seite, sodass wir später drauf zurückkommen und die Produktion weiter ausarbeiten können. So geht man immer wieder durch die Demos. Es ist ein permanenter Prozess der Neubewertung, bis man den Punkt erreicht hat, an dem es fertig ist.

Beat / Du meintest, du treibst die anderen manchmal in den Wahnsinn. Bist du ein Perfektionist?
Dom /
Ja, ich bin bekannt dafür, dass ich schon mal sieben Stunden an einem dreisekündigen Audioschnipsel sitzen kann. Beispielsweise der Bassteil in „Kyoto“. Wir verwendeten Make Noise Maths und es dauerte lang, bis die grundlegenden Function Generators gestimmt haben, aber es gab noch einen zweiten Trigger, der das Timbre der Envelopes steuert. Wichtig ist mir, dass wir keine Presets nutzen. Der Computer hat bei uns die Funktion einer Bandmaschine. Wir versuchen, uns beim Schreiben unserer Musik komplett von Maus und Tastatur fernzuhalten. Einige der Soundquellen sind schon digital, beispielsweise ist Braids in meinem Eurorack-System ein digitaler Oszillator. Dennoch sind sie keine Computertechnik.

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Beat / Kannst du mehr über euer Setup bei der Albumproduktion erzählen?
Dom /
Für diese Scheibe habe ich mein Eurorack-System ordentlich aufgerüstet und mir etwa 15 neue Module besorgt. Ich habe ja schon Maths von Make Noise erwähnt. Der Function Generator gibt uns extrem viele Möglichkeiten und es macht Spaß, es zu verwenden. Oder von Mannequins das Modul Just Friends, das man als Oszillator einsetzen kann. Es klingt wirklich fett und kam in vielen Tracks zum Einsatz. Als Effektprozessor verwendeten wir Erbe-Verb von Make Noise recht häufig. Außerdem haben wir viele Delays aus dem Eurorack auf Arthurs und Lottis Vocals verwendet, um sie möglichst analog klingen zu lassen.

Beat / Ist es eher der Sound oder die Haptik, die dich an analogen Geräten begeistert?
Dom / Ich habe diese Welt vor zwölf Jahren für mich entdeckt, als ich den Korg MonoPoly in die Finger bekam. Ich schätze, es ist der Prozess, der mich fasziniert. Ich liebe es, verschiedene Parameter mit unterschiedlichen Spannungen zu kontrollieren. Ich finde es aufregend, wenn zig analoge Geräte gleichzeitig an einem Mischpult anliegen. Eine Drummaschine oder ein paar Drumstimmen aus dem Eurorack, ein Synthesizer für Pads, einer für den Bass, ein Noise-Generator, der noch etwas Chaos in den Modulationen erzeugt. Dabei entstehen immer ein paar Ungenauigkeiten, die am Ende kleine Details erzeugen. Es ist unbestreitbar, dass jedes Gerät seine Eigenheiten hat, wodurch kleine Variationen entstehen, die es eigentlich nicht geben sollte. Das sind genau diese Feinheiten, die man mit einem Computer nicht erzielen kann. Mir ist es noch nicht gelungen, mit einem Software-Synth eine ähnliche Beziehung aufzubauen wie zu Hardware.

Beat / Würdest du dich als Equipment-Nerd bezeichnen?
Dom /
Oh ja, ich bin süchtig und das ist sehr teuer (lacht).

Beat / Ihr seid derzeit in den USA auf Tour. Besteht auf Tour nicht mal die Verlockung, am Laptop an neuen Ideen zu arbeiten?
Dom / Ich nehme immer wieder Sprachmemos auf. Insbesondere, wenn unser Gitarrist und Drummer beim Soundcheck jammen und all diese coolen Licks spielen. Ich werfe dann gerne mal ein paar modulare Drums ein. Wir spielen viel herum, nehmen aber auf Tour nichts auf.

Beat / Wie sieht euer Tour-Setup aus?
Dom /
Ich habe ein Modular-Rig mit, über das ich Bass und Drums kontrolliere. Unser Live-Drummer Matt spielt zu einem Klick-Track. Die Modular-Clock kommt aus demselben Gerät, aus dem der Klick-Track kommt. So können wir auch mit modularen Drums jammen.

Beat / Aber ihr könnt sicher nicht euer komplettes Studioequipment mit auf Tour nehmen. War es schwer, sich zu entscheiden?
Dom /
Das ist richtig. Ich habe den Prophet 6 mit, obwohl er klanglich nicht mein absoluter Favorit ist. Doch er ist außergewöhnlich aufgrund seiner Vielseitigkeit. Er hat eine interne Clock und ist gut für Arpeggios. Die Mono-Sounds klingen zwar alleine nicht so toll, fügen sich aber gut in unser Live-Setup ein. Wir müssen viel fliegen. Daher reichen das Modular-Rig und der Prophet 6. Wir nehmen außerdem eine SD11-Konsole und ein D-Rack-mit, sodass wir in den Clubs möglichst unabhängig sind. Weitere Live-Instrumente sind das Rhodes-Piano, das durch einen Roland JC-120 Amp läuft. Es prägt unseren Sound sehr. Daniel nutzt live eine Bariton-Gitarre, sodass seine tiefste Saite ein H statt einem E ist. So kann er auch coole Bass-Sounds produzieren. Er verwendet einen Fender Bass Amp.

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Beat / Spielt ihr alles live oder kommen auch Playbacks zum Einsatz?
Dom / Es gibt auch Playback. Zum Beispiel haben wir für das neue Album einen Gospel-Chor aufgenommen, den wir dezent mit in die Lead Vocals mischen. Wir wollen nicht zu viele Playback-Elemente verwenden, aber es ist ein Produktionselement, das helfen kann. Es soll sich wie eine Live-Interpretation anfühlen. Da wir zu einem Klicktrack spielen, sind unsere Arrangements weitgehend festgelegt, aber wir versuchen, immer etwas zu variieren. Und zusätzlich kommen einige Bass-Sounds vom Playback, denn es bräuchte mein komplettes Modular-Rack, um diese zu erzeugen.

Beat / Für den Mix zeichneten Matt Wiggins und Marta Salongi verantwortlich. Wie wurde das Album abgemischt? Im Rechner oder analog?
Dom / Es war eine Kombination aus beidem. Aufgenommen haben wir alles über eine G-Series-Konsole. Es war solch eine Freude, diese Preamps nutzen zu können. Die EQs in „ARK“, einem meiner Lieblingssongs des Albums, fügen der Bassdrum ein bisschen was zwischen 75 und 80 Hertz hinzu. Sie haben einen sehr weiten Cue. Das war alles, was nötig war. Marta hat eine Studer-Konsole. Ein sehr cooles Gerät, das ich noch nie zuvor gesehen hatte. Und Matt verwendet das Beste aus beiden Welten. Er nutzt eine Art virtuelles Pult, mit dem er Elemente an andere Processing-Stellen in seinem Studio routen kann. Er hat zum Beispiel ein Eurorack-System für Parallel Effects.

Beat / Waren auch Plug-ins involviert?
Dom / Ich mag die Fabfilter-Plug-ins gerne. Sie sind sehr akkurat, aber ich nehme nur Frequenzen weg und füge keine hinzu, wenn möglich. Ich versuche, mich auch generell von Visualizern fernzuhalten. Die Soundtoys-Plug-ins sind ebenfalls sehr gut. Und gegen Ende der Produktion habe ich auch die Sachen von Universal Audio für mich entdeckt. Es gibt ein spezielles Envelope/Gate-Plug-in namens Oxford Envolution, das ich sehr mag, da es einem erlaubt, die Transienten sehr dezidiert zu verändern. Nicht zu vergessen das Culture Vulture-Plug-in. Es klingt sehr ähnlich wie das Original, nur dass es nicht so leicht kaputtgeht (lacht). Die Hardware-Geräte, mit denen ich gearbeitet habe, waren alle sehr fragil.

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Beat / Habt ihr auch analog gemastert?
Dom / Ja. Wir haben bei Black Saloon gemastert mit Martin Korth, der dort mit Mandy Parnell zusammenarbeitet. Mandy ist zwar ein paar Mal reingekommen, aber es war Martin, der das Album gemastert hat. Es war unsere erste Zusammenarbeit. Das Album wurde zwei Mal gemastert. Es war eigentlich schon 2018 fertig und dann fielen uns noch Dinge auf, die wir ändern wollten. Daher mussten wir einige Tracks noch mal neu mastern lassen. Sie haben ein altes EMI-Pult und sind etwas limitiert in ihren Möglichkeiten. Es ist nicht das passende Mastering-Studio, wenn man seine Mixe retten muss. Aber wenn man einen guten Stereomix anliefert, können sie noch extrem viel rausholen.

Beat / Empfiehlst du entsprechend, das Album auf Vinyl zu hören?
Dom /
Ja, wir haben vor Kurzem die Testpressung erhalten. Ich höre zu Hause sehr gerne Musik auf Vinyl, weil es taktiler ist. Und ich mag es gerne, außerhalb des Studios mal nicht Musik über Kopfhörer hören zu müssen. Ich habe ein Plattenspieler-Deck und mache zusammen mit meiner Frau auch DJing. Was andere Leute angeht, empfehle ich, dass sie sich zumindest die 24-Bit-Wave-Files holen oder eben Vinyl, da das immer noch die beste Kompressionsrate hat. Aber egal, wie sie es hören, ich hoffe, sie genießen es.

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