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Autotune - Der neue Standard

Autotune – manchen wird alleine schon beim Lesen des Wortes schlecht. In aktuellen Veröffentlichungen ist der Effekt nahezu allgegenwärtig, schafft neue Genres, definiert alte um und spaltet die Szene: In den richtigen Händen liefert Autotune hochspannende Ergebnisse. In den falschen trägt er zu Entfremdung und globaler Gleichschaltung bei – klingen wir bald alle gleich?

Es wirkte wie ein Befreiungsschlag, als die JUICE, Deutschlands wichtigste Hip-Hop-Zeitschrift, bekannt gab, man stelle „redaktionsübergreifend die Berichterstattung über alle Rapper ein, die Autotune in ihrer Musik verwenden“: „Oftmals täuschen mit Autotune verfremdete Hooks und Verses über die Sinnentleertheit der Texte hinweg“, so das Magazin, das zudem feststellte: „Bedingt durch den vermehrten Einsatz von Autotune ist eine Abgrenzung des Genres Deutschrap zu Schlagermusik heute oftmals kaum noch möglich.“ Wie jeder gelungene Aprilscherz hatte auch dieser ein gutes Gespür für den Zeitgeist. In den letzten zwanzig Jahren hat Autotune einen Siegeszug angetreten, der im Musikbusiness seinesgleichen sucht. Manche Experten gehen davon aus, dass die Software inzwischen in 99% aller Studioproduktionen zum Einsatz kommt – ob man es nun hört oder nicht. Der Kritiker Jonathan Bogart hat Autotune deswegen als einen Wendepunkt in der Popgeschichte bezeichnet, mit dem eine neue Zeitrechnung beginnt. Jenseits dieses Punktes liegt wortwörtlich eine Welt mit ihren eigenen Gesetzen. Und nicht jeder findet sich in ihr noch zurecht.

Kein Mangel an Talent

Manche vermuten immer noch, der Grund für diesen Umschwung bestehe vornehmlich darin, das Singen nicht mehr zu den Schlüsselqualifikationen eines Pop-Stars gehöre. Mangelndes Talent jedoch ist eher ein Nebenargument. In einem Artikel für die amerikanische Wirtschaftszeitschrift Forbes hat der Musiker und Journalist Nick Messitte darauf hingewiesen, dass sogar stimmgewaltige Vokalistinnen wie Ariana Grande nicht mehr ohne Autotune auskommen. Hatte sie einen schlechten Tag im Studio? Wollte sie keine weiteren Takes mehr aufnehmen? Der Bassist und Produzent Jayme Silverstein bezweifelt das. Im Gespräch mit Messitte meint er: „Wenn ein Produzent gut genug ist, um mit Ariana Grande zu arbeiten, dann hat er auch keine Angst davor, sie anzurufen und einen neuen Studiotermin an zu setzen. Ich gehe also davon aus, dass sie bei den Takes freie Wahl hatten. Das heißt, sie haben sich für genau diesen Take entschieden und dann Autotune darüber gelegt.“ Der Produzent Bob Rock, der sogar den Autotune-Skeptiker Michael Bublé von den Vorzügen der Software überzeugen konnte, meint dazu schlicht: „Es ist zu einem Standard im Pop geworden. Es fühlt sich fast so an, als ob du es verwenden musst.

Nun sind es eher weniger die übermenschlich perfekten Aufnahmen von Künstlern wie Grande und Bublé, die so viele zum Verzweifeln bringen. Den wahren Hass schüren vielmehr all die Tracks, in denen Autotune hörbar zu einem musikalischen Element gemacht wird und die Stimme vollkommen überlagert. Keiner weiß das besser, als die Hamburger Rapperin Ronja Zschoche alias Haiyti, die Autotune auf ihrem Album „Montenegro Zero“ mehr feiert als ihren eigenen Geburtstag. Wie Zschoche in einem Interview praktisch zugegeben hat, ist Autotune ihre Standard-Einstellung für Gesangsaufnahmen, während ihre Naturstimme fast schon die Ausnahme darstellt. So ist „Montenegro Zero“ schrill, künstlich und laut – und polarisiert wie keine andere Veröffentlichung dieses Jahr. Die Kommentare zu ihren Videos bringen die Vorbehalte der Gegner dabei trefflich auf den Punkt: „Ear-Rape vom Feinsten“, heißt es da, oder „Wegen diesem Autotune-Müll geht die ganze Szene unter“ während manche mutmaßen: „Ist das die Rache der Musikindustrie fürs illegale Herunterladen von Musik?" Wohl kaum. Denn Autotune hat bereits eine zwanzigjährige Geschichte auf dem Buckel, in der die Software ebenso leidenschaftlich bewundert wie verachtet wurde.

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Harte Korrekturen

Ihren Anfang nimmt diese Geschichte im Jahr 1998 mit einem weltweiten Hit, der Autotune über Nacht zur Sensation macht: Cher's „Believe“. Auch wenn das italienische Produzentenkollektiv Eiffel 65 mit den millionenfach verkauften, nervtötenden Songs „„Blue“ und „Too much of Heaven“ den Effekt sogar noch ein wenig früher nutzten, ist es doch das hymnische Arrangement von „Believe“, welches Autotune zum globalen Durchbruch verhilft. Zwar war zu diesem Zeitpunkt Autotune bereits seit über einem Jahr frei erhältlich. Doch hatte bisher noch keiner die Anwendung so eingesetzt wie die Produzenten Mark Taylor und Brian Rawling. Statt die Übergänge von einer gesungenen Note zur nächsten möglichst fließend verlaufen zu lassen, entschieden sie sich stattdessen dafür, jede Note unmittelbar „hart zu korrigieren“. Das Ergebnis ist ein pixelhaftes Schimmern, das vor allem in den hohen Registern unwirkliche, androide Züge annimmt. Der Musikjournalist Simon Reynolds hat zurecht darauf hingewiesen, dass die Wahl der Interpretin für den Erfolg des Songs eine entscheidende Rolle spielte: Mit seiner klinischen Künstlichkeit gab der Effekt Cher genau die Stimme, die man von einer auf dem Operationstisch neu zusammengesetzten und in einem überbelichteten Video zu absurder, porenreiner Perfektion getrimmten Sängerin erwarten würde. Taylor und Rawling wussten, dass sie eine Goldader erwischt hatten, und versuchten so lange wie möglich, das Geheimnis ihres Sounds zu verschleiern. Wie zu erwarten gelang ihnen das nicht sehr lange.

Ich selbst war einer von denen, die in diesem Jahr viel über die Stimmproduktion von „Believe“ sprachen, die ja nicht nur aus Autotune bestand. Nichts klang wie dieser Song, der zugleich befremdlich und betörend wirkte. Zugleich aber hätte ich niemals erwartet, dass die Idee über die ersten Hits und den mit ihnen verbundenen Überraschungseffekt hinaus eine langfristige Zukunft haben könnte. Tatsächlich verschwand das plakativ eingesetzte Autotune in Pop- und Dance-Produktionen zumindest für einige Jahre nahezu vollkommen von der Bildfläche und wurde stattdessen zu einem reinen Studio-Tool, mit dem sich Stimmaufnahmen kunstvoll und in minutiöser Feinarbeit bearbeiten ließen. Chris O’Ryan ist einer derjenigen, die mit dem an Autotune angelehnten Melodyne an die Grenzen des Vorstellbaren – und gelegentlich auch darüber hinaus – gehen. Der australische Engineer hat sich vollkommen auf Vocal-Bearbeitungen spezialisiert und ist dabei in nur wenigen Jahren zur Weltspitze vorgestoßen. Heute vertrauen unter anderem David Guetta, Justin Bieber und Major Lazer auf seine Dienste. Dabei geht O’Ryan so tief in die Arrangements, wie kaum ein anderer, feilt und poliert jede einzelne Phrasierung, nimmt Melodien auseinander und setzt sie neu zusammen, überträgt den Performance-Stil einer Aufnahme auf eine andere. Was auch immer im Studio eingesungen wurde – mit dem Endresultat hat es nach einer seiner Bearbeitungen oftmals nur noch wenig zu tun. Melodyne wird dabei an der Oberfläche nicht offen erkennbar. Im Redaktions-Prozess jedoch wird der Produzent zum Co-Komponisten, der das Material schon einmal umdeutet und in eine komplett neue Richtung biegt.

Im Hip-Hop lebt das bereits totgesagte Autotune weitaus offensiver weiter. Zunächst vor allem in einem einsamen Pionier: T-Pain, der jahrelang ausschließlich mit Autotune rappt und aus dem Tool jede nur erdenkbare Nuance herauskitzelt. Als seine Single „Buy U a Drank (Shawty Snappin')“ 2007 auf der Nummer 1 Position der amerikanischen Charts landet, ruft der Erfolg Scharen an Imitatoren auf den Plan. Wie T-Pain in Interviews jedoch immer wieder betont hat, sah er in der Software niemals nur einen Marketing-Gag. Vielmehr bietet ihm Autotune komplett neue Ausdrucksmöglichkeiten. Vor allem, als neue Versionen es erlauben, Bearbeitungen in Echtzeit vorzunehmen, erlebt die Software einen zweiten Frühling. Der Live-Modus gilt heute als der Regelfall: Bei aktuellen Produktionen wird Autotune nicht erst nachträglich über die bereits eingesprochenen Vocals gelegt, sondern ist von Anfang an auf der Stimme. Das legt es weitaus näher, kreativ mit dem Effekt umzugehen. Mit „808s and Heartbreak“ verlieh Kanye West Autotune dann endgültig den Ritterschlag und wurde zum geistigen Wegbereiter der neuen Generation von Trap-, Cloud- und Mumble-Rappern. Man tut dieser Bewegung Unrecht, wenn man in ihr nur einen Triumph der Talentlosen sieht. Denn Autotune ist tatsächlich etwas Neues.Während der Vocoder – und auch die „Talk Box“, die beispielsweise auf 2Pac's „California Love“ zum Einsatz kam – die Formanten verändern, schmiegt sich Autotune eher an die Stimme wie ein eng anliegender Latexanzug. Der sich dabei einstellende Klang ist noch immer weitgehend einer menschlichen Person zuordenbar, wirkt aber androidenhaft-androgyner. Genau in diesen Parametern sehen einige auch Gründe für ihren Erfolg: Denn was passt besser in eine Zeit, in der das Androgyne im Rampenlicht steht und die Verschmelzung von Mensch und Maschine zur Realität wird, als androgyne, androidenhafte Musik?

Kreative Gründe

Es gibt auch kreative Gründe: Wie Reynolds darlegt, waren die 90er und frühen 00er noch vor allem von rhythmischen Innovationen geprägt: Drum n Bass, IDM, Dubstep, Jungle, Breakbeat, Big Beat, Techno, House, Garage und 2Step waren allesamt Genres, die sich über eine eigenständige Beat-Matrix definierten. Bereit seit einigen Jahren hat sich dieser Fokus verschoben und steht vielmehr die Stimme im Mittelpunkt. Autotune ist nur eine von vielen Bearbeitungsmöglichkeiten, die für das Editieren der Vocals zur Verfügung stehen. Sogar, wenn einem die Allgegenwärtigkeit der Anwendung schon einmal auf die Nerven gehen kann, wird man kaum bestreiten können, dass dabei immer wieder höchst einfallsreiche Ergebnisse zustande kommen. Auch die Songs von Haiyti gehören zum radikalsten, was im Radio aktuell zu hören ist. Auf Tracks wie „Gold“ oder „Mafioso“ dreht das Producer-Trio Kitschkrieg die Regler sogar dermaßen hoch, dass der Autotune zu verzerren scheint – eine 180-Grad-Wende zur ursprünglichen Intention. Angesichts solcher Experimente wirkt das Argument, Autotune ermögliche unbegabten Sängern das Singen, eher überholt. Ähnliches hat man in den 70ern über Synthesizer und in den 90ern über PCs gesagt, die dann aber eher die Palette an Ausdrucksmöglichkeiten erweiterten und eine eigene Form der Virtuosität förderten.

Problematisch ist am Autotune eher der gewollte, freiwillige Verlust der Identität, die ja so eng mit der eigenen Stimme verbunden ist. Bestes Beispiel: Wenn in einem Track zwei oder mehr KünstlerInnen Autotune nutzen, sind ihre Vocals praktisch nicht mehr auseinanderzuhalten – Duette werden zu Collagen, alles darüber hinaus zu einem Chorgesang. Autotune mag es zwar jedem ermöglichen, so zu singen wie die Stars. Doch wenn alle Stimmen gleich klingen, wird sich erfahrungsgemäß eben nicht der sympathische Rapper von nebenan durchsetzen – sondern vielmehr der von einem großen Label-Apparat finanziell geförderte Star.

Es ist deshalb wohl kaum ein Zufall, dass sich langsam aber allmählich eine Gegenbewegung bildet. Brandon Flowers, Sänger der Rockband The Killers, hat bereits zu Protokoll gegeben, er habe auf dem ersten Album unter anderem deshalb noch Autotune eingesetzt, weil er sich damit schlicht sicherer gefühlt habe. Inzwischen aber benötige er die Software nicht mehr und komme auch ohne sie aus. Damit allein wird er wohl keine Kehrtwende einläuten – für Autotune-Hasser gibt es aber immerhin Grund zur Hoffnung.

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