Ratgeber

Druck, Transparenz und maximaler Pegel: Alles zum Thema Kompression

So ziemlich jeder Musiker kommt irgendwann mit Kompression in Berührung und sieht erstmal nur große Fragezeichen. Während schnell klar wird, was die Geräte eigentlich tun – meist wird der Sound „irgendwie“ laut und fett – bleiben Begriffe wie Ratio, Threshold oder Soft-Knee erstmal theoretische Grauzonen. Also reden wir nicht drum herum, sondern sorgen für Klarheit!

Doch was steckt dahinter? Welche Kompressoren sollte man benutzen und wie werden sie eingestellt? Auf den folgenden Seiten voller Tipps und Workshops liefert Beat die Antworten auf (fast) alle Fragen rund um Kompressoren. Viel Spaß!

Die wichtigsten Begriffe

Kompression macht ein Signal prinzipiell erst einmal leiser, Peaks werden heruntergedrückt. Dadurch entsteht mehr Headroom und der Gesamtmix kann lauter gemacht werden, ohne zu übersteuern.
Threshold bestimmt, ab welcher Lautstärke der Kompressor greift. Die Werte liegen immer im Minusbereich, 0 dB ist die maximale Lautstärke. Die Kompression greift also um so früher, je niedriger Threshold ausfällt.
Ratio legt fest, um welchen Faktor die Lautstärke reduziert wird. Stellen Sie sich eine Blechdose mit geöffnetem Deckel vor, aus der Musik kommt. Je höher der Ratio-Wert, desto mehr schließt sich der Deckel. In vielen Plug-ins wird Ratio als Diagramm angezeigt, das ähnlich „den Deckel zumacht“. Brickwall Limiter arbeiten mit unendlich hoher Ratio, denn die Lautstärke, die höher als der Threshold liegt, wird nicht gedrückt, sondern schlichtweg abgeschnitten.

Attack ist die Geschwindigkeit, mit welcher der Kompressor einsetzt. Möchten Sie beispielsweise bei einem Drumloop das Klicken der Kick unkomprimiert lassen, sollte Attack 5 – 10 ms betragen. Klingt der Sound nach der Kompression verwaschen oder verliert er an Druck, stellen Sie Attack noch höher ein.

Release wiederum ist die Zeit, in welcher der Kompressor seine Arbeit sozusagen wieder niederlegt. Bei extrem niedrigen Werten hört er sofort mit dem Komprimieren auf, wenn die Lautstärke unter den Threshold fällt. Das führt meist zu Verzerrungen und Artefakten, daher empfehlen sich wenigstens 5 – 10 ms. Manche Kompressoren bieten eine „Auto“-Funktion, welche den Release automatisch regelt.

Gain Reduction (GR) ist kein einstellbarer Wert, aber ein wichtiger Indikator für die Intensität der Kompression. GR steht für die Lautstärke in Dezibel, um welche das originale Signal reduziert wurde. Als Faustregel können Sie speichern: Umfasst dieser Wert mehr als 10 dB, wird die Kompression mit großer Sicherheit zu hoch sein und wahrscheinlich nicht mehr gut klingen. Beim Mastering eines Tracks sollte GR die 5 dB an der lautesten Stelle nicht überschreiten. Je nach Kompressor sind die Maximalgrenzen verschieden.

Die bisher genannten Parameter werden Ihnen in fast jedem Kompressor begegnen. Die folgenden wiederum sind nicht alltäglich: Knee, gern auch Soft-Knee oder Hard-Knee genannt, ist eine Pufferzone um den Schwellenwert (Threshold) herum. Innerhalb dieses Puffers ist die Kompression weniger stark als ab dem Schwellenwert. Eine Art weicher Übergang zur Kompression also. Input, Make-up (Gain) und Ceiling beziehen sich allesamt auf die Lautstärke. Input verstärkt das Eingangssignal, Make-up erhöht die Lautstärke nach der Kompression und Ceiling legt eine Obergrenze für die Ausgangslautstärke fest. Dieser Parameter ist meist in Limitern zu finden.

Sidechain ist Ihnen vermutlich schon ein vertrauter Begriff. Per Sidechain-Eingang können Kompressoren mit einem Steuersignal versehen werden (meist eine Kick), welche die Kompression auslöst. Je lauter das Signal, desto heftiger die Kompression. Die typischsten Einsatzgebiete sind das sogenannte Ducking von Bässen und Pads oder auch eine Voice-Over-Funktion bei Mischpulten für Durchsagen per Mikrofon.

Reine Typsache

Die bekanntesten Kompressor-Typen sind VCA-, Opto- und FET-Kompressoren, wobei Erstere dank ihrer präzisen Technik die gängigste Form darstellen. Diese Voltage Controlled Amplifier Kompressoren arbeiten extrem linear und bringen eher wenig Eigenklang mit. Sie können aber dank ihrer Geschwindigkeit enorm für Druck sorgen.
Bei der Opto-Gattung werden Leuchtdioden zur Steuerung eines Fotowiderstandes eingesetzt, der je nach Helligkeit seinen Widerstand vergrößert oder verringert. Durch die relativ träge Änderung des Widerstandes reagieren Opto-Kompressoren langsamer und werden deswegen oft musikalischer empfunden. Kurze Attack-Zeiten sind also nicht möglich. Der berühmteste seiner Gattung ist der Teletronix LA-2A (später Urei).

Bei FET-Modellen kommen sogenannte Feldeffekt-Transistoren zum Einsatz, die das Verhalten einer Röhre emulieren. Das Audiosignal wird stark gedämpft, um keine Übersteuerungen zu verursachen. FET-Kompressoren bringen dank der Röhre viel Charakter mit und können schnell reagieren, weswegen sie auch gern als Limiter eingesetzt werden. Der Klassiker schlechthin ist Urei's 1176LN Peak Limiter.

WORKSHOP: VCA-KOMPRESSION

GRUNDLAGEN: GESANGSKOMPRESSION

BÄSSE KNACKIG KOMPRIMIEREN

MEHR HEADROOM, MEHR LAUTSTÄRKE

VOLLE BREITE IM PANORAMA

MIT EFFEKT-KOMPRESSION ZU WUCHTIGEN INDUSTRIAL-GROOVES

FETTE TRAP-DRUMS MIT PARALLELKOMPRESSION

VOCALS OHNE ZISCHLAUTE

SOUNDS RICHTIG GROSS MACHEN

HARDWARE KOMPRESSOR EINBINDEN

DRUMS WIE AUS EINEM GUSS

PUMPENDE BÄSSE UND PADS MIT SIDECHAIN KOMPRESSION

KRACHENDE DRUMS MIT PARALLEL KOMPRESSION

PREMASTERING FÜR LIVE & CO.

DIE KÖNIGSDISZIPLIN: MULTIBAND-KOMPRESSION

Zwölf essenzielle Tipps zur Kompression

1 Signal entrumpeln
Bevor Sie das Audiosignal durch einen Kompressor schicken, sollten Sie es mit einem Equalizer bearbeiten. Wichtig ist, dass Sie tiefe Frequenzen unterhalb von 20 Hz mit einem steilen Hochpassfilter beseitigen. Insbesondere virtuelle Instrumente gehen teilweise auch in diesen Frequenzbereich, aber zwar unbemerkt. Denn für das menschliche Gehör sind diese Frequenzen nicht mehr wahrnehmbar. Ein Kompressor dagegen reagiert besonders auf die energiereichen tiefen Frequenzen und macht den Mix damit im schlimmsten Fall unkontrollierbar.

2 Bassbereich mono
Achten Sie bereits beim Mix darauf, dass Sie den Bassbereich mono auslegen. Tiefe Frequenzen können vom menschlichen Ohr kaum räumlich geortet werden und müssen daher nicht im Stereobild verteilt werden. Dies birgt im Gegenzug eher die Gefahr eines schwammigen und undurchsichtigen Bassbereichs, nimmt anderen Stereosignalen bei der Komprimierung den Raum und kann bei einer Vinylpressung für Probleme sorgen. Schleifen Sie zur Sicherheit einen Equalizer mit Mid/Side-Bearbeitung vor den Kompressor und filtern die Frequenzen unter 40 Hz im Seitensignal steilflankig heraus.

3 Extrem niedrige Schwelle
Um Ihren Kompressor kennen zu lernen, empfiehlt sich die Einstellung eines extremen Wertes für den Threshold. So hören Sie die Auswirkungen der anderen Parameter am deutlichsten. Wenn Sie auf diese Weise eine Einstellung gefunden haben, die Ihren Vorstellungen ungefähr entspricht, drehen Sie die Threshold wieder soweit zurück, dass der gewünschte Effekt noch ausreichend zu hören ist. Nehmen Sie dann falls nötig noch Feineinstellungen der anderen Parameter vor.

4 Ratio & Threshold
Wichtig ist es, ein Gefühl für das Zusammenspiel zwischen Ratio und Threshold zu bekommen. Grob zusammengefasst erreichen Sie mit niedrigen Ratio- und Threshold-Werten eine allgemeine Verdichtung des Klangs. Mit einer niedrigen Threshold und hoher Ratio halten Sie einzelne Instrumente oder Gesang auf einer relativ konstanten Lautstärke, um sie besser in den Mix integrieren zu können. Ein mittlerer Threshold-Wert und eine niedrige Ratio empfehlen sich zur Bearbeitung eines Summensignals. Hoher Threshold zusammen mit hoher Ratio begrenzt den Gesamtpegel ihres Signals und wirkt wie ein Limiter.

5 Attack & Release
Auch die anderen beiden wichtigen Parameter Attack und Release haben großen Einfluss auf das Klangbild. Möchten Sie eine unauffällige Kompression, wählen Sie eine mittlere Attack-Einstellung und verringern diese, bis Sie auffällige Effekte wie Pumpen oder Zerren wahrnehmen. Dann drehen Sie den Regler wieder etwas zurück. Eine längere Attackzeit betont die Einschwingphase eines Instrumentes. Wählen Sie sehr lange Attack- und Releasezeiten, reagiert der Kompressor kaum auf kurzfristige Pegelschwankungen und sorgt für eine dauerhafte gleichmäßige Anpassung (Levelling).

6 Multiband
Bei einem Multiband-Kompressor empfehlen sich meist unterschiedliche Attack- und Release-Zeiten für die verschiedenen Frequenzbänder. Während Sie sich für das mittlere Frequenzband an den empfohlenen Einstellungen für einen Singleband-Kompressor orientieren können, sollten Sie den tiefen Frequenzen etwas längere Attack- und Releasezeiten spendieren. Bei den hohen Frequenzen dagegen funktionieren meist kürzere Attack- und Release-Zeiten besser.

7 Weniger ist mehr
In der Regel werden Sie den Kompressor nutzen, um Audiosignale im Mix weiter nach vorne zu holen. Logischerweise funktioniert das nur für einzelne Spuren, denn wenn Sie jede Spur so bearbeiten, sind alle ähnlich präsent und der Effekt geht verloren. Es ist also in kaum einem Fall sinnvoll und erforderlich, auf jede Audiospur einen Kompressor zu legen. In Zeiten analoger Studiotechnik wäre dies ohnehin an mangelnder Hardware gescheitert, im virtuellen Studio mit leistungsfähigem Rechner sollten Sie sich bewusst beschränken.

8 Mehrere Kompressoren
Hilfreich kann auch sein, statt einer starken Kompression auf einer Spur, einer Gruppe oder dem Masterkanal mehrere Kompressoren mit moderaten Einstellungen an verschiedenen Stellen des Signalpfades zu platzieren. Wenn Sie eine Einzelspur leicht komprimieren, diese auf eine Gruppe routen und diese Gruppenspur mit einem weiteren Kompressor ebenfalls etwas komprimieren, erhalten Sie einen ähnlichen Dynamikeffekt wie mit einer starken Kompression der Einzelspur, oftmals aber mit einem etwas natürlicherem Klang.

9 Als Effektgerät
Je kürzer die Zeit für Attack und Release, umso deutlicher hören Sie den Kompressor arbeiten. Kurze Werte lassen den Kompressor hörbar pumpen, was in modernen Produktionen durchaus erwünscht sein kann.  Mit einer niedrigen Attack-Zeit in Verbindung mit einer hohen Ratio von 10:1 oder mehr können Sie den Kompressor quasi als Tongenerator nutzen und Instrumente mit einem kurzen perkussiven Kick am Anfang versehen.

10 Laut ist nicht besser
Auch wenn es eine der ältesten Tontechniker-Weisheiten ist, lassen wir uns doch noch immer gerne von höherer Lautstärke überlisten. Achten Sie daher peinlich genau darauf, dass bei einem A/B-Vergleich zwischen komprimiertem und unkomprimiertem Signal beide in der selben Lautstärke erklingen. Nur so können Sie wirklich vergleichen und unnötig extreme Einstellungen des Kompressors vermeiden. Vertrauen Sie hierbei nicht allein auf Ihr Gehör, sondern verschaffen Sie sich visuelle Unterstützung in Form einer analogen oder virtuellen Meter-Anzeige.

11 Nicht quetschen
Den Anfang und den Einschwingvorgang von Instrumenten und gesungenen Wörtern sowie die Änderungen in der Lautstärke eines Audiosignals nimmt das menschliche Gehör besonders bewusst wahr. Genau in diese beiden sensiblen Bereiche, nämlich Transienten und Dynamik, greift der Kompressor aber auch vorrangig ein. Achten Sie darauf, einzelne Spuren nicht zu glatt zu bügeln und zu quetschen und lassen Sie dem gesamten Song genug Luft zum Atmen.

12 Hören und Fühlen
Bei der Einstellung des Kompressors sollten Sie sich in erster Linie auf Ihr Gehör und Ihr Gefühl verlassen, daher ist eine gute Abhörsituation unabdinglich. Jede Stimme und jedes Instrument benötigt je nach Kontext, Spiel- und Ausdrucksweise etc. eine individuelle Bearbeitung. Daher verbieten sich auch zu pauschale Empfehlungen. Allerdings haben sich in der Praxis gewisse Regelbereiche eines Kompressors herausgearbeitet, die Sie zumindest als Ausgangspunkt für Ihre eigenen Einstellungen nutzen können. Unsere Empfehlungen haben wir in der nachfolgenden Tabelle zusammengefasst. 

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