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Studioreport: Kefaya & Elaha Soroor – So klingt Widerstand

Das multinationale Trio Kefaya und die afghanische Vokalistin Elaha Soroor verbinden schmerzhafte Erfahrungen und persönliche Reflektionen über die politische Weltlage zu einer kathartisch-harten, befreiend-ekstatischen Musik zwischen Rock und Elektronik.

Eine meiner liebsten Routen für einen schnellen Spaziergang führt, kurz bevor sie in einen Grünstreifen übergeht, über eine gewundene Betonbrücke. Auf ihr ist mit blauer Sprühfarbe und entschlossenen, die gesamte Breite des Weges einnehmenden, Buchstaben, die Forderung “Death to the IDF!” aufgetragen. Eher ein Ausdruck der eigenen Hilflosigkeit im Angesicht unmenschlicher Konflikte als konkrete Drohung verdeutlicht der Satz, wie nah wir den militärischen Auseinandersetzungen der Gegenwart in einer vernetztenWelt zu jedem Zeitpunkt sind. 

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Während die Buchstaben unter meinen Füßen hinweggleiten, läuft auf meinen Kopfhörern  die neue Kefaya und Elaha Soroor LP, die  sich ebenfalls aus einer politisch motivierten Leidenschaft speist. Doch handelt es sich dabei um eine gänzlich andere Form des Protests: eine, die von einem sehr direkten und persönlich gelebten Kontakt mit Gewalt, Tod und Unterdrückung geprägt ist. Eine, die noch daran glaubt, dass Musik Teil jeder erfolgreichen Revolution war und der richtige Song zum richtigen Zeitpunkt die Welt verändern kann. 

Die Lieder von “Our Freedoms Must Be Won” haben das Zeug dazu. Schon der Opener/Titeltrack rollt mit einem pulsierenden, an Bladerunner gemahnenden Bass-Sequencer heran, der sich von den tiefsten Tiefen in den Treble-Bereich emporschwingt, ehe ein hypnotischer Drumbeat die Tore in eine kosmische Trance aufreißt.

“Coo of the Pigeon, Song of the Willow - Cococo Barge Chenar” wiederum ist tonnenschwerer Dub, der von brutalen Synths und betörendem Noise aufgebrochen wird. Man hört die Dringlichkeit der Texte auch ohne die im Booklet mitgelieferten Übersetzungen mühelos heraus: “Bei Kefaya ist Politik nicht etwas, das wir der Musik erst nachträglich hinzufügen”, erklärt Gitarist Giuliano Modarelli, “Sie ist bereits in den Geschichten, Sprachen und Lebenserfahrungen des Projekts enthalten.”

Alleine schon die Multinationalität der Band ist ein Statement

Modarelli selbst ist Italiener, Schlagzeuger Joost Hendrickx hat Britisch-Niederländische Wurzeln, Keyboarder Al MacSween studierte unter anderem in Indien. Schon auf ihrem ersten, noch als Duo aus Modarelli und MacSween realisierten und bezeichnend “Radio International” benannten, Album unter dem Kefaya-Banner reichten sich unter anderem noch der Hindustanische Vokalist Deborshee Bhattacharjee, die aus Apulien stammende Alessia Tondo und der Spanier Chico Pere die Klinke in die Hand.

Das Album, dessen Recordings in Leeds beginnen und schließlich auf verschlungenen Pfaden und unzähligen Reisen unter anderem in Kalkutta und auf palestinensischem Boden vollendet werden, sprang wie ein außer Kontrolle geratener Weltempfänger durch eine Vielzahl lokaler Stilistiken, reicherte diese aber immer wieder um erdende Elektronik an. Nicht ohne Grund waren Kefaya zu diesem Zeitpunkt, wie es Giuliano trefflich auf den Punkt bringt, weniger eine Band als ein Forschungsprojekt, das die Rolle von Musik in sozialen- und Freiheitsbewegungen untersuchen sollte.

Dann jedoch stieß die Sängerin Elaha Soroor dazu und aus ihren Experimenten wurden emotionale Explosionen. 

Wenn man die Initialzündung bedenkt, welche aus dem Zusammentreffen der ursprünglichen Kefaya-Mitglieder mit ihrer aktuellen Frontfrau entstand, mag man kaum glauben, dass es sich bei letzterer um die selbe Person handelt, die in dem sonnigen Clip zu “Charsi”, der Reggae-infizierten Single aus dem ersten gemeinsamen Album “Songs of our Mothers”, in einem rumpelig-gemütlichen Garten verträumt und wie in Zeitlupe zu einem wohligen Backbeat tanzt und dabei die vielleicht längste Zigarette der Welt raucht.

Da passt es schon eher, dass Elaha in einer scheinbar fernen Vergangenheit nach einem zum Skandal erklärten Fernsehauftritt als Popsängerin in Afganistan – eine Frau warnte sie kurz davor noch ausdrücklich vor den Konsequenzen, sie trat trotzdem vor die Kamera – und der anschließenden Auswanderung, Sätze wie “Die Taliban fürchten mich mehr als ich sie” zu Protokoll gab. Ganz offensichtlich hat der schmerzhafte Abschied eine Energie freigesetzt, die sich gleichermaßen aus dem Wunsch nach Veränderung und Heimweh speist.

Das Singen bildete für sie viele Jahre lang den Draht, der sie mit ihrer Heimat verbindet. Das war schon als kleines Kind so, nachdem sie mit ihren Eltern übergangsweise  in den Iran umgezogen war. Dort kaufte ihr Vater auf dem Markt Tapes mit Hazara-Musik, die für sie mehr waren als Songs, “ein Akt des Widerstands und ein wichtiger Teil meiner Identität. Wenn man wegen der ethnischen Herkunft mit Diskriminierung und Verfolgung aufwächst, muss man die eigene Kultur bewahren und feiern.”

Die Hazara sind eine ethnische Minderheit Afghanistans, die aufgrund ihrer religiösen und kulturellen Eigenständigkeit seit langem immer wieder mit der Zentralgewalt in Konflikt gerät. Am augenscheinlichsten wurde dies bereits Ende des 19. Jahrhunderts, als Emir Abdur Rahman Khan, ein grausamer Alleinherrscher, nahezu die gesamte Hazara-Bevölkerung ermorden liess und viele ins pakistanische Asyl zwang.

Auch wenn sich seitdem die Wogen ein wenig geglättet haben, geriet die Situation spätestens durch die Machtübernahme der Taliban erneut in eine Schieflage. Für die Islamisten sind die Hazara zum einen aus dogmatischen Gründen – sie gehören weitestgehend der Shiitischen Konfession an – als auch aufgrund ihrer langen Geschichte des Widerstands seit jeher ein Dorn im Auge. Die Rechte von Frauen wurden seit vielen Jahren dratisch eingeschränkt. “Die Taliban sind sich der Kraft von Kunst und Musik bewusst, weshalb sie versuchen, Künstler zu unterdrücken”, meint Elaha, “Kunst vermittelt Ideen und Geschichten.

Wenn die Kunst verschwindet, können Menschen aus der Geschichte ausgelöscht werden.” Dass Soroor den offenen Aufstand probt und in ihren Liedern wider das Vergessen singt, machte sie somit zwangsläufig zur Feindin eines auf Konformität und Gehorsam ausgelegten Staats. 

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Als sie in den frühen 2010ern nach London kam, das seit dem Brexit immer mehr zu einer freien Insel im Stile des alten Berlin heranwuchs, wollte sie diese Tradition des Erinnerns zwar nicht aufgeben, sich aber auch nicht vor neuen Einflüssen verschließen: “Ich habe hier eine unglaubliche Vielfalt an Kulturen kennengelernt. Von Musik und Essen über Sprache und Mode bis hin zu unterschiedlichen Lebensweisen – London bietet ständig Gelegenheiten, Neues zu lernen und sich inspirieren zu lassen”, fasst sie ihre neue Basis zusammen, “Gleichzeitig bin ich der Meinung, dass traditionelle Musik lebendig bleiben und sich weiterentwickeln muss, sonst wird sie nur noch in Museen zu finden sein.Mit Kefaya wollten wir uns nie von den Erwartungen der Leute daran einschränken lassen, wie „Weltmusik“ klingen sollte. Wir wollen lauter, mutiger und experimentierfreudiger sein.”

Auch Giuliano Modarelli und Al MacSween haben aus dieser Vielfalt geschöpft, sich intensiv mit klassischer indischer Musik beschäftigt sowie nichtwestlichen Konzepten von Zeit und Rhythmus, dem erweiterten harmonischen Kosmos von Jazz und der Verschmelzung von Improvisation und Komposition. Über einen afghanischen Bekannten, den Rubab(Lauten)-Spieler Milad Yousufi, kommt Elaha anlässlich des Afghanistan-Festivals in Kontakt zu dem Ausnahmeschlagzeuger Sarathy Korwar, Bassist Domenico Angarano und Giuliano.

Mit letzterem bleibt sie über den Auftritt hinaus verbunden und so entsteht die Connection zu Kefaya. Ihre gemeinsamen Gespräche, unter anderem über das revolutionäre Potential von Musik und ihre Rolle in sozialen und politischen Bewegungen, bilden den Anfang des Prozesses, der 2019 zu “Songs of Our Mothers” führt, einem über weite Strecken eher introvertierten Werk, dessen Texte sich aus dem reichen Folk-Erbe ihrer Heimat speisen. Später stößt noch Joost hinzu, der ein tiefes Verständnis globaler Musiktraditionen mitbringt und durch den, wie Guliano es ausdrückt, ein Raum für kollektives, kreatives Denken entsteht. 

Revolutionäres Rot

Ohne in Slogans oder leere Parolen zu verfallen - “Wir wollen Texte, die gleichzeitig Poesie, Widersprüchlichkeit, Zärtlichkeit, Wut und Komplexität in sich vereinen”, fasst Guliano ihr Ideal zusammen – wird auf den neuen Songs das revolutionäre Potential um einiges weiter in den roten Bereich verschoben. Die Musik wurde sogar gezielt um den Titel und die damit verbundene Einstellung, dass Freiheit niemals etwas sein darf, das wir bequem von früheren Generationen vererbt bekommen, herum aufgebaut und erstreckte bis hin zu dem begleitenden Artwork der Fotografin Angela Christofilou.

Seit Jahren reist diese um die Welt um internationale Protestbewegungen einzufangen. Aus ihren Bildern wird die Vielschichtigkeit dieser Zusammenkünfte deutlich, die Verbundenheit zwischen den TeilnehmerInnen sowie die unzähligen Gemeinsamkeiten, welche DemonstrantInnen, trotz möglicher ideeller Unterschiede, miteinander teilen. Statt heroischer Gesten finden sich hier eher intime Momente und spontane Ausbrüche von Kraft und Selbstwusstsein, die verdeutlichen, dass Proteste nicht etwas sind, das mit dem Browsen nach Nachrichten im Netz oder Graffitis auf Fußgängerbrücken aufhören muss.

Christofilou sieht ihre Arbeit als eine Form der Wissensvermittlung, weswegen die Fotos nicht nur in Gallerien und Museen einen Platz gefunden haben, sondern auch in Schulen, Universtäten und Bibliotheken. Als die Mitglieder von Kefaya ihre Bilder von Protesten aus London und anderen Teilen des vereinigten Königreichs sehen, sind sie sofort davon überzeugt, dass Angela ihre musikalischen Vorstellungen auf der visuellen Ebene eingefangen hat: “Es sind keine abstrakten Symbole, sondern gelebte Realitäten”, so Guliano, “Sie stehen für Kampf, aber auch für Solidarität und für die Kraft, die Menschen entfalten, wenn sie sich gemeinsam gegen Kontrollsysteme zur Wehr setzen.”

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Im Studio bilden unterdessen freie, von Erwartungen losgelöste Improvisationen, in denen sich die Band über Stunden in einen Rausch, beziehungsweise einen Zustand tiefer Meditation, spielt, den Ausgangspunkt. “Wir waren zeitlich nicht eingeschränkt”, so Joost Hendrickx über ihre Jams, die sich bis tief in die Nacht hinziehen, “also haben wir einfach immer weiter gemacht.

Die Einflüsse reichen von der treibenden Magie des Qawwali, über die bereits genannte indische Klassik, bis hin zu afrikanische Trances und psychedelischen Klängen. Gegenüber dem Vorgänger fällt aber vor allem die deutlich prägnantere elektronische Palette des Albums auf, die von einer Konzentration auf analoge Synths geprägt ist.

Al MacSween dazu: “Das Herzstück meines Setups bildeten drei Instrumente: ein Moog Subsequent 37 für die Leads und ein Sequential Prophet-6 für die Harmonien, Sequenzen, Pads und Drones. Für den Bass kamen entweder ein Minimoog oder ein Moog Sub-Phatty zum Einsatz. Bei einigen Tracks habe ich auch einen Roland Juno-60 für Arpeggios verwendet.” Man hört in vielen der Tracks immer wieder traditionelle afghanische Sounds heraus, die Al seinem Moog entlockt  (“nasale, oft doppelrohrblattige Blasinstrumente, insbesondere Dudelsäcke, Zurna und Shehnai”), während dere Prophet, dick aufgetragen und verzerrt, den Charakter von Gitarren annimmt. Über MIDI wurden diese Quellen miteinander verzahnt und übereinander geschichtet, sowohl um die ohnehin schon dichte Wand aus Sound noch dicker und druckvoller zu machen, als auch um zusätzliche Effektbearbeitungen zu ermöglichen. 

Im Hintergrund nehmen die Drums eine besonders wichtige Rolle ein. Als ich Joost darauf anspreche, dass er mit seinem Spiel eine Art Mitte zwischen natürlichem Fluss und menschlichem Drumcomputer trifft, freut er sich besonders: “Genau das war meine Absicht! Ich wollte den transzendentalen Charakter von Musikrichtungen wie Gnawa oder elektronischer Tanzmusik einfangen und ihn in das organischere Setting einer „Rockband“ einbringen.”

Viele der Schlagzeugparts auf der Platte wurden direkt von afghanischen Rhythmen inspiriert. Mehrere Titel basieren auf dem afghanischen Moghuli-7/8-Rhythmus, einem sehr markanten Muster traditioneller afghanischer Musik. “Ich finde ihn besonders interessant, weil er fast nahtlos in ein geradlinigeres 6/8-Feeling übergehen kann und rhythmische Phrasierungen aus diesem Taktgefühl übernimmt”, schwärmt Joost. 

Schon auf “Songs of Our Mothers” gab es ein paar Tracks, aus denen eine gewisse Wut sprach

Das neue Material aber ist im direkten Vergleich noch um einiges aggressiver ausgefallen. Als die Band den Song “Cold & Heavy”, der vier Minuten lang auf einem einzigen Riff und einem stoisch-unbeweglichen Akkord reitet, bis jeglicher Widerstand zusammenbricht, als Single auskoppeln, schreibt einer ihrer Facebook-Fans überrascht: “Klingt wie Heavy Metal” - und hat damit auch noch recht.

Hintergrund, so erklärt Al, war ihr Anspruch, dass das Material seine Punk-Qualität behalten und jeder Part der Arrangements auch live reproduzierbar bleiben sollte. Auf exzessive Dopplungen in den Instrumentaltracks verzichteten sie ebenso wie auf Harmoniegesang und machten nur für die iranische Perkussionisten Sara Fotros eine Ausnahme: “Sie hat auf einigen Stücken Daf-Spuren hinzugefügt. Das ist eine wunderschöne, komplexe Rahmentrommel, die in Afghanistan sowie in Zentral- und Westasien verwendet wird. Sie hat einen ätherischen, hypnotischen Klang, den ich wirklich liebe.”

Dass das neue Album zwar einige englischsprachige Titel, aber weiterhin keine englischen Lyrics enthält, ist ebenfalls ein gezielter Schritt, sich von den Zwängen der Industrie zu befreien, so Guliano: “Wir leben in einer Welt, in der Englisch oft als Standardsprache vorausgesetzt wird. Das geschieht aus einer anglozentrischen Perspektive, die nicht der Realität um uns herum entspricht. Für uns ist die Arbeit in Farsi eine Möglichkeit, dies in Frage zu stellen und den Wert, die Schönheit und die Komplexität anderer sprachlicher und kultureller Realitäten zu betonen.”

Die Botschaft, so sind die vier überzeugt, werde auch ohne das Verständnis jedes einzelnen Worts deutlich. Elaha erinnert sich, dass sie immer wieder nach Konzerten darauf angesprochen werde, dass die Emotion ihrer Worte einen tiefen Eindruck hinterlassen habe. Kritik vielmehr kam aus einer gänzlich anderen Ecke. Nach der Veröffentlichung von “Songs of Our Mothers” musste sich Soroor in einem Interview kritischen Stimmen aus ihrer eigenen Community stellen, die unter anderem ihre Aussprache des verwendeten Dialekts hinterfragten.  

Es wäre ein Leichtes, Kefaya als ein Fusion-Projekt misszuverstehen, bei dem die unterschiedlichen Einflüsse einfach wie in einem Eintopf zusammengerührt werden. Oder als moderne Weltmusik, die sich global mit Elementen eindeckt, die klanglich nett nebenander anzuhören sind. Stattdessen geht es hier immer um, wie es Elaha auf den Punkt bringt, eine Darstellung einer erlebten Realität, deren Intensität Hörer zum Nachdenken und Handeln zwingt. Oder darum, nicht einfach die Hände in den Schoß zu legen, wie Guliano betont: 

“Ich glaube, dass jede Kunst politisch ist, ganz gleich, ob die Künstler dies beabsichtigen oder nicht – sich dafür zu entscheiden, nichts zu sagen, ist immer noch eine Entscheidung. In einem Klima, in dem so vieles rückschrittlich wirkt und offen feindselig gegenüber den Menschen ist, über die wir schweigen würden, ist das aber keine Entscheidung, die wir treffen wollen. Sich zu Wort zu melden, war noch nie so notwendig wie gerade jetzt.”

Diskographie:

  • Radio International // 2016
  • Songs of Our Mothers // 2019
  • Our Freedom must be Won // 2026

www.kefaya-music.com

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