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Deephouse: Chasing Kurt

Ihre Hit-Single „From The Inside“, zwei bis drei Tracks auf Mini-Labels und ihr gleichnamiges erstes Album haben Chasing Kurt weit gebracht. Mit Musik, die Soul und Elektronik zwischen Downbeat und Deephouse so eng verknüpft, dass kaum zu sagen ist, was zuerst da war. Nun sitzen sie am zweiten Album und warten entspannt darauf, welches Label zugreift, nachdem der UK-House-Riese Defected auf sie aufmerksam wurde und ihre Single samt Remix von Henrik Schwarz zum Jahresbeginn neu auflegte. Eine echt verrückte Geschichte, in der trotzdem alles real zugeht, wie unser Autor Frank Eckert belegt!

Wenn es ein Projekt im elektronischen Zirkus heute innerhalb von nur drei Jahren schafft, nahezu den Globus zu umrunden, ist das durchaus eine gängige Entwicklung. In einer Zeit, in der längst nicht mehr Radio-Airplays und Video-Kanäle, sondern Clicks entscheiden, wer und wo du bist und stehst. In einer Zeit, in der nicht nur das Produkt, sondern vor allem der Marketing- Apparat über den Erfolg entscheidet. Gelegentlich verglühen Projekte in diesem Hype, oder werden so in die Maschinerie der Labels und Majors eingebettet, dass sie Gefahr laufen, schnell fallengelassen zu werden. Dann endet der Trend des Produkts erst einmal.

Vom Tagtraum zum Album

All das ist nicht passiert beim dynamischen Dreier namens Chasing Kurt. Warum, das liegt seit ihrer ersten Single auf der Hand. Bei Chasing Kurt ist von der Verpackung zum Inhalt und zum Gefühl alles echt und nachhaltig. 2010 erreicht die Clubs und Sofas der House-Welt das Stück „Daydream“. Für Chasing Kurt geht alles mit einem Zufall los: Nach einem Bar-Abend, an dem der Sänger ungefragt zum DJ improvisierte, ist man sich einig, ins Studio zu wollen. So entsteht „Daydream“. Zeitgleich ist nach langen quälenden Minimal-Jahren Deephouse wieder in aller Munde. Und auch unsere drei Helden aus der mitteldeutschen Provinz bedienen den Sound, als hätten sie nie etwas anderes getan.

Nicht mit Kalkül, sondern mit einer Tiefe und Soul, die dem, was einst als Deephouse verstanden wurde, ganz nahe kommt und die Matrix dezent in einen Jungbrunnen wirft. Als ich das Stück auf Vinyl vom Labelmacher erhalte, bin ich positiv geschockt. Pascal Blanché ist der Studio-Mastermind, Wojtek Kutschke ist der DJ im Projekt, man kennt sich. Und der Sänger Lukas Poloczek (aka Lukas Love). Er lässt das Herz on top zur Musik direkt so hoch hüpfen, als sängen Robert Owens oder Romanthony (R.I.P.) höchstpersönlich. Ein Pole, der klingt, als hätte es nie eine andere Sprache als englisch für ihn gegeben? Da musste eine hörbar interessante Chemie herrschen bei diesen Dreien!

Der Tagtraum der ersten Single ließ Chasing Kurt eine Weile von mehr träumen, doch bald schon schlug von überall das reale Feedback zurück. Der Track und die Nachfolgesingle „In The Air“ für das kleine Vinyl-Label „We Carry On“ machten nicht zuletzt dort Lust auf mehr, wo elektronisches Songwriting nächtlich in Wechselwirkung mit Club- Beats passiert, und wo exakt diese Mischung die Nacht vertieft. In Berlin! Die Berliner Macher des Suol-Labels, auf dem auch Fritz Kalkbrenner seine Mischung aus Club und Song bietet, die es bis in Charts und Radio-Listen schaffte, wurden aufmerksam. Und so erschien nach ausführlicher Produktion zunächst die Single „From The Inside“ und dann das gleichnamige Album folgenschwer auf Suol. Zwischen gefühlten 100 und 120 bpm gibt es hier musikalisches Soulfood vom Feinsten! Dem oftmals dunkel- melancholisch schimmernden After-Hour-Sound der Republik setzen Chasing Kurt im Slo-Mo-Verfahren upliftende Momente entgegen.

Die Single lief in cooleren Jugendradios ebenso auf und ab wie im Club. Und so wurde auch der UK-House-Gigant Defected aufmerksam und rereleaste „From The Inside“ mit einem dicken Remix- Paket, angeführt von Live-Legende Henrik Schwarz. Derweil sitzen Chasing Kurt am zweiten Album, das so gut wie fertig ist.

Der nächste Schritt

Chasing Kurt haben heute zwei Jahre hinter sich, in denen der Katalysator alles brutal anzog. Von London nach Berlin oder Paris und bis Moskau haben sie ihren Sound als Live-Act präsentiert und bespielen in diesem Sommer unzählige Festivals, um Herzen höher schlagen zu lassen. Mit Musik, die ganz aus dem Innersten kommt und auf die Gesetze funktionaler Clubtools verzichtet, um sie dann eben doch zu beherrschen.

Die Tiefe und Dichte der Beats und Soundscapes reißt Lukas jeweils in höchst euphorische Höhen herauf mit seinem Gesang. Die mit relativ überschaubaren Mitteln entstehenden Beats und Synthiedoch ohne jegliche Überheblichkeit, als er seine Producer-Bio in vier bis fünf Sätzen summiert: „Ich habe ja auch alleine Tracks rausgebracht, meist auf Vinyl, und nach dem Album mit Chasing Kurt weiß ich jetzt einfach, wie es im Studio zu laufen hat, das ist heute ‚standing ground’!“ Aus dem Englischen übersetzt heißt das, er schießt seine Sounds aus gesicherter Position ab. Das System steht!

Beat / Wie wird produziert, wenn House und Full-Vocals auf Albumlänge aufeinandertreffen? Was ist zuerst da, oder sind ohnehin immer alle am Prozess beteiligt?

CK / Zunächst entstehen meist Beat-Skizzen oder Sound-Skizzen, die wiederum viel Freiraum für das Vocal lassen. Auf die Skizze wird dann von Lukas gejammt und geschrieben und dann schaukelt sich das irgendwann hoch bis zum fertigen Song. Schritt für Schritt!

Beat / „From The Inside“ ist euer großer Hit. Ist der Titel auch sprichwörtlich das System eurer Musik, also dass alles von innen kommt?

CK / Ja, irgendwie schon. Für uns ist es absolut wichtig, dass die Tracks oder Songs alle ihren eigenen Charakter und vielleicht sogar ihre eigene Seele haben. Jeder von uns gibt da ja einen Teil von sich rein, da kommt das dann zwangsläufig so.

Beat / Wie kommt man mit den relativ übersichtlichen Mitteln in eurem Studio zu einem super Sound, der so analog und eben „From The Inside“ und so „deep“ kommt?

CK / Wir suchen, denken wir, generell schon viel nach Sounds, die sich auch gut ergänzen. Unser Virus trägt da natürlich viel bei zum runden, deepen Sound. Allerdings ist das auch immer alles ein bisschen das „Weniger ist mehr“-Prinzip bei uns. Es ist auch wichtig, letztlich die fertigen Produkte sauber abzumischen.

Beat / Studio-Mastermind ist, von außen betrachtet, Pascal, zumindest, was den Gerätepark angeht. Funktioniert das Projekt und System Chasing Kurt ansonsten als totale Demokratie?

CK / Auf jeden Fall. Wir machen uns schon Gedanken, was wir machen können, damit Chasing Kurt am Ende so klingt, dass alle happy sind, aber es kann auch schon mal ein 2:1 geben.

Beat / Wie wird bei euch aus einem Track ein Song, der aber doch auch oft als (Club-) Track funktioniert? Was ist das Geheimnis von Chasing Kurt oder ein Teil dessen, was ihr preisgeben möchtet …

CK / Puh, das ist gar nicht so einfach zu sagen. Möglicherweise liegt das daran, dass wir nicht direkt mit dem Beat anfangen, sondern meistens die melodischen und stimmlichen Elemente erst einmal zusammenlaufen lassen. Der Beat muss sich da genau so einfügen und darf dabei kein Fremdkörper sein. Die Harmonie ist am Ende das Wichtigste … und die fließt dann komplett zusammen im Arrangement.

Beat / Zitat von Euch: „Wir machen Musik, die älter ist, als wir selbst“. Ist das gut so?

CK / Nicht ganz, in Griechenland wurde uns das so mitgeteilt: „Slow-House wäre ja doch recht erwachsene Musik, dafür, dass wir noch so jung wären.“ Im Durchschnitt sind wir zwar auch schon über dreißig, aber das passt ja auch ganz gut irgendwie, oder?

Beat / Nennt einige Lieblingsgeräte und Plug-ins und was ihr mit ihnen macht, um den Chasing-Kurt-Sound zu kreieren, der ja durchaus ein paar Trademarks hat …

CK / Unser absoluter Liebling bei den Hardware-Geräten ist der Access Virus B. Der ist unser Muss für Pads, Leads und alles Warme, Deepe. Da bekommen wir nicht genug davon. Bei den Plug-ins nutzen wir viel Native Instruments, die Komplete- Classics-Abteilung: NI Acoustik Piano, B4II, Elektrik Piano, PRO 53. Die Sounds hier haben sich bewährt für den organischen Faktor. Vor allem die Orgel flasht total. Für die Beats können wir empfehlen: D16 Drumazon und Nepheton, also die Polska-Style 808- und 909-Clones für die Portion alte Schule im Sound!

Beat / Welches sind eure wichtigsten Tipps an Produktions-Einsteiger?

CK / Hört auf eure Ohren!

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