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Report: Bei Moritz Simon Geist machen Roboter die Musik

Roboter träumen nicht nur von elektrischen Schafen, sie machen auch gerne Musik. Zumindest bei Moritz Simon Geist. Der Robotik-Spezialist und Produzent legt mit „Robotic Electronic Music“ das erste Album vor, auf dem ausschließlich Maschinen Hand anlegen. Das ist kein Novelty-Gag. Geist hat jahrelange Erfahrung mit Robotern – und mit ihnen Großes vor.

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Beat / Eines deiner ersten Projekte war die MR-808, eine Installation, in der jeder 808-Sound von Roboterhand auf einem echten Schlagzeug gespielt wird. Was für Gedanken gingen dir dabei im Kopf herum?

Moritz Simon Geist / Seit ich mit 12 angefangen haben, Musik zu machen, hat mich immer das “Dazwischen” interessiert: Das Brummen beim Stecker-Reinstecken, das Skippen von kaputten CDs oder der falsche Griff auf der Gitarre. Ich hatte irgendwann eine lose Anzahl von Experimenten herumliegen: Modifizierte Schallplattenspieler, kaputte, aber gut klingende Effektgeräte, kleine Mini-Robots, Tape Loops. Deswegen suchte ich etwas, das all meine “Experimente” umklammert – und kam auf die 808 als ikonisches Musikinstrument. Ich wollte aus meinen Experimenten etwas Funktionierendes machen und kam so auf die Idee mit der robotischen 808. Während der drei Jahre Bau kamen dann noch viele Layer hinzu: Dass es cool ist, Robotern beim Spielen zu zusehen und hören. Wie mechanische Musik immer etwas neben der Spur klingt, aber dadurch extra funky ist.

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Beat / Pat Metheny hatte ein Projekt namens „Orchestrion“, das auf den ersten Blick der MR-808 sehr ähnlich sieht, und das auf selbstspielenden Instrumenten basiert. Worin besteht aus deiner Sicht der Unterschied?

Moritz Simon Geist / Die MR-808 spielt mit der Ikonografie und ist eine Verbeugung vor dem berühmtesten Drum Computer aller Zeiten. Eric Singer, der mit seiner Gruppe LEMUR die Instrumente für Metheny baute, hat in einem Aspekt einen ähnlichen Ansatz wie meine MR-808, nämlich die Roboterisierung von bestehenden Instrumenten. Singer ist der Pate der neuzeitlichen Robotermusik und hat viele Techniken und Instrumente erfunden. Metheny / Singer haben viele klassische Instrumente wie Glockenspiele, Marimbas, Klaviere als Roboter nachgebaut. Da gibt es also schon eine Gemeinsamkeit. Irgendwann war mir dieses Referenzielle bei der MR-808 aber auch zu viel, und meine neueren Instrumente sind futuristischer und loten eher aus, wie man mechanische Musik mit unbekannten Methoden in der Zukunft spielen könnte.

Beat / Das Interessante ist, dass zur Zeit ja gerade das umgekehrte Konzept Konjunktur hat: Techno und House von Orchestern und akustischen Ensembles spielenzulassen.

Moritz Simon Geist / Für mich ist das dieselbe Entwicklung: raus aus dem Computer. Die meisten elektronischen Musiker*innen haben leider noch keine Roboter an der Hand um damit Musik zu machen, also müssen sie auf andere Klangquellen in der realen Welt zurückgreifen: Sampling oder echte Instrumente. Durch Software ist in den letzten Jahrzehnten im Bereich 10 Hz bis 22 kHz einfach alles schon getestet worden. Das interessante passiert wieder außerhalb vom Rechner, die Ungenauigkeit, das Organische.

Ich möchte noch auf einen anderen wichtigen Punkt hinweisen. Als Ende der 90er alle angefangen haben mit Laptops Musik zu machen, fehlte plötzlich in Performances ein wichtiges Element: das Visuelle, was bei akustischen Instrumenten schon da ist – nämlich: Es passiert etwas auf der Bühne, was den Fokus des Publikums auf sich lenkt und die visuellen mit den akustischen Eindrücken verbindet. Viele Laptop-Künstler*innen setzen deswegen Visuals ein. Ohne ein visuelles Element auf der Bühne fehlt einfach etwas. Das klappt meist auch ganz gut. Aber was auch gut klappt, sind wiederum mehr Menschen, Orchester oder: Roboter!

Beat / Deine Roboter haben sehr genau definierte Spielerpersönlichkeiten und Bewegungsabläufe. Warum interessiert dich nicht so sehr die Schiene, bei der Roboter kreativen Freiraum haben oder das Komponieren eigener Werke durch eine künstliche Intelligenz?

Moritz Simon Geist / Das interessiert mich total, ist bloß nicht so einfach umzusetzen. Ich bin Musiker und spiele viele Konzerte. Genauso wie bei Bands gibt es einen Kompositions- und Live-Prozess, und hier setze ich aus eher praktischen Gründen eher darauf, alles vorherbestimmt und „geplant“ zu spielen. Eine Band würde zum Beispiel auch eher nicht die ganze Zeit nur improvisieren – beziehungsweise das ist schwierig und eine eigene Gattung für sich. Ein weiterer Aspekt ist, dass meine DIY-Roboter trotz Tausender Kilometern auf Tour und langer Erfahrung oft kaputt gehen, auch auf der Bühne. Wenn ich dann noch zusätzlich anfange, mehr zu improvisieren ist das für mich einfach zu stressig.

Hacker-Spirit

Beat / Was waren konkrete Herausforderungen bei der Umsetzung der Roboter?

Moritz Simon Geist / Als ich mit der MR-808-Installation anfing, hatte ich weder Geld, Konzerte, Werkstatt noch anderweitige strukturelle Hilfe und wusste auch nicht, wo das alles endet. Deswegen hab ich nach gutem Hacker-Spirit alles genutzt, was mir Leute geschenkt oder was ich gefunden oder bei ebay gekauft habe. Es ging mir auch viel um Recycling. Ich habe in der 808 ein halbes Klavier – auseinandergenommen – verbaut. Die Materialkosten der Original-808 waren nur wenige 1000 Euro, Werkzeug inklusive, dafür drei Jahre Bauzeit.

Dann fing ich an, Konzerte zu spielen und auf Tour zu gehen, und ich hatte weniger Zeit. Ich habe mehrere 3D-Drucker gekauft und mit der Zeit sind meine Roboter immer besser geworden. Inzwischen arbeiten 3-6 Leute in Teilzeit bei mir, wir machen Aufträge für andere Künstler*innen und ich lasse auch viel fertigen, Schweißarbeiten, Lackieren, große CNC Holzarbeiten oder Elektronik Platinen. So habe ich mehr Zeit mich auf Musikmachen und crazy Ideen umzusetzen.

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Beat / Was würdest du sagen, wo die Ideen für die einzelnen Roboter herkommen?

Moritz Simon Geist / Viel aus dem Klangbereich. Ich denke oft “ich hätte gerne einen Track mit dem und dem Klang”, und versuch dann, den mit Robotern umzusetzen. Ich habe neulich zum Beispiel eine Muschel geschenkt bekommen, die beim Drehen so ein cooles Techno-Glucksen von sich gibt. Das wird ein tolles neues Instrument! Wie beim Field-Recording oder Sampling versuche ich, mit offenen Ohren durch die Welt zu gehen und Geräusche zu finden, die ich dann mit Robotern automatisiere. Wie meine automatische Techno-Muschel!

Beat / Die Roboter spielen letzten Endes deine Musik. Was ist an diesem Prozess für dich persönlich spannend und befriedigend? Fühlt es sich immer noch an wie deine eigene Musik?

Moritz Simon Geist / Obwohl meine Roboter für mich spielen, ist meine Performance stark mit mir verbunden, mit all den ästhetischen und kompositorischen Problemen die es da gibt. Ich manipuliere die Instrumente ja auch live auf der Bühne. Meine Instrumente sind auch nicht autonom, sondern werden wie ein Drumcomputer oder Syntheziser über MIDI gesteuert. Für mich ist das alles schon zu so einer Alltäglichkeit geworden, dass ich das nicht mehr als besonders sehe. Klar: Techno mit Robotern – warum nicht? Erst wenn ich dann auf Leute treffe, die das noch nie gesehen haben, wird mir manchmal bewusst, wie ungewöhnlich das vielleicht auch ist.

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Techno verstanden

Beat / Du hast gesagt, dass einer der Gründe für deine Arbeit mit Robotern darin besteht, dem Hörer eine andere Art anzubieten, mit der Musik zu interagieren. Was genau meinst du damit?

Moritz Simon Geist / Das hat erst mal bei mir selbst angefangen. Ich mag dieses Gefühl, ein sich bewegendes Wesen zu haben, mit dem ich zusammen Musik mache. Ich sehe die Bewegungen und höre, wie gleichzeitig etwas passiert. Eigentlich sind meine Robots noch viel zu klein, übersichtlich und verständlich. Mir schwebt da ein richtiger großer robotischer Organismus vor. Aber, was ich jetzt schon sehe, ist, dass die Verbindung von Bewegung und Sound sehr stark ist. Ich begreife Klang dadurch anders, wie beim Klavierspielen. Und durch Gespräche mit Menschen aus dem Publikum weiß ich, dass das anderen auch so geht. Neulich kam eine Frau auf mich zu und sagt, dass sie das erste mal Techno richtig verstanden hätte. Das ist doch toll!

Beat / Das Visuelle ist ein ganz wichtiger Teil des Ganzen. Was bleibt von dem Projekt auf dem Album „Robotic Electronic Music“?

Moritz Simon Geist / Eigentlich alles in der Medienkunst und auch einige Musikrichtungen (zum Beispiel Improvisation, Noise, und einige Jazz Richtungen) sind in Verbindung von Klang und Bild also live oder Video besser zu begreifen. Bei Roboter-Musik gilt das auf jeden Fall auch. Deswegen habe ich zu dem Album auch mehrerer Videos veröffentlicht. Und ein Album ist trotz sterbender Musikindustrie immer noch ein anerkanntes Werk, ohne das mir persönlich ein wichtiges Ziel fehlen würde. Für mich ist Technik letztendlich nur Werkzeug und sollte in einer künstlerischen Arbeit nie Selbstzweck sein. Es geht mir nicht darum zu zeigen: „Schaut her, was ich für crazy Technik bauen kann. Ach ja … und Musik mach damit ich auch.“ Das wäre ein sehr kurzfristiges Konzept und würde die lange Arbeit überhaupt nicht rechtfertigen. Meine Robots stellen zwar etwas Besonderes dar. Am Ende geht es aber darum, überzeugende Musik zu spielen. Wenn das Publikum nicht abgeht, habe ich etwas falsch gemacht.

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Beat / Du hast zurecht gesagt, dass Roboter oftmals mit unserer Idee der Zukunft verbunden sind. Wohin könnte die Reise deiner Meinung nach in den nächsten paar Jahren gehen?

Moritz Simon Geist / Ich hab mich lange mit dem Bereich des „Speculative Design“ beschäftigt, einer Richtung im Design, wo man Zukunft entwirft. Manchmal als Konzept, manchmal konkret. Da steckt sehr viel Science-Fiction drin, aber vor allem wird die Zukunft als Feld von möglichen Szenarien gemalt. Der Warp-Drive? Eventuell! Proteinreiches Essen aus Insekten? Wahrscheinlich! Kleine portable Nuklearreaktoren im Handyformat? Vermutlich eher nicht.

Ich sehe meine Arbeit in diesem Bereich so: Ich glaube nicht, dass in 20 Jahren alle mit Robotern Musik machen. Aber es ist doch eine mögliche Art dies zu tun und wird hoffentlich andere Themengebiete beeinflussen. Science-Fiction ist ja auch deswegen so schön, weil es einen anderen Blick auf heutige Entwicklungen malt, und zwar aus der Zukunft. Einer Zukunft, die hoffentlich doch schöner wird, als wir sie uns gerade ausmalen.

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