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DJ-Interview: Paul Oakenfold

Die Geschichtsschreibung elektronischer Musik ist gerade eine angesagte Disziplin. Auch Paul Oakenfold orientiert sich auf „Trance Mission“ zurück zu seinen Wurzeln und interpretiert die größten Trance-Hymnen neu. Nichts jedoch läge ihm ferner, als sich im Schein der goldenen Zeiten zu sonnen – auch nach 30 Jahren im Geschäft blickt Oakenfold stets nach vorne.

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Die Rolle, die Paul Oakenfold für elektronische Musik gespielt hat, wird gerne unterschätzt. Dabei ist seine Erfolgsgeschichte, die sich inzwischen über drei Jahrzehnte erstreckt, geradezu sensationell. Oakenfold kam als Hip-Hop-DJ nach Ibiza und verließ die Insel als bekehrter Trance-Fan, der sich in nur wenigen Jahren zum größten DJ und Club-Produzenten der Welt entwickelte. Als einer der Ersten trug er den Club-Sound in die Charts, verkaufte millionen CDs seines Debüt-Albums „Bunkka“, lebte mit Perfecto den Traum eines eigenen Labels vor und infizierte auch die USA mit dem Techno-Virus. Wenn sich Oakenfold nun mit „Trance Mission“ an Klassiker wie „Cafe del Mar“, „Madagascar“, „Toca me“ oder seinem eigenen „Not Over Yet“ wagt, mag das nach außen wie Nostalgie aussehen. Doch ist es noch immer dieselbe Leidenschaft, die ihn nach all diesen Jahren treibt: Die Tänzer auf dem Dancefloor in den Wahnsinn zu treiben.

Beat / Wie stehst du zu der aktuellen Hinwendung vom DJing in Richtung Stadion-Entertainment, gerade in den USA?

Paul Oakenfold / EDM hat die USA wirklich im Sturm erobert. Die erfolgreichsten Künstler dieser Erfolgswelle – Leute wie Guetta, Hardwell oder Aviici – würde ich aber nicht unbedingt als DJs bezeichnen. Eher sehe ich sie als Pop-Stars, die das DJing als Ausgangspunkt und Ausdrucksform für ihre Performance nutzen. In den frühen Jahren, als ich selbst meine ersten Schritte auf dem amerikanischen Markt getätigt habe, war die Szene kleiner und mehr auf den Underground konzentriert. Das Internet hat dann alle miteinander verbunden. Seitdem hat sich die von dir angesprochene Entwicklung stets weiter beschleunigt, wie eine Lawine.

Beat / In deiner eigenen Karriere als DJ und Produzent hast du auch einige Veränderungen erlebt. Gerade in technologischer Hinsicht.

Paul Oakenfold / Ich habe in den späten 80ern mit dem DJing angefangen. Ich war inspiriert von meinen Trips nach Ibiza, wo ich DJs wie Alfredo im Amnesia auflegen gesehen habe. Dank Alfredo habe ich verstanden, wie wichtig es ist, für die Tänzer auf dem Dancefloor eine Reise zu erschaffen. Diese Begeisterung ist über die Jahre nicht geringer geworden – es gibt immer noch genug unglaubliche Musik von spannenden Produzenten und Crowds, die dich durch ihre Lebendigkeit mitreißen. Dabei ist mein Ansatz immer derselbe geblieben. Ich spiele auch heute noch mit zwei Decks und einem Mischpult. In den frühen Jahren habe ich vornehmlich ein Paar Technics verwendet und dann allmählich den Übergang zu CDs vollzogen. Heute nutze ich die CDJ 2000er in Kombination mit USB-Sticks. Auf den Sticks ist meine Musik in Ordner aufgeteilt – 70% davon sind spezielle Edits – und ich verwende Record Box, damit ich alles schnell finde.

Beat / Warum haben dich ein Laptop-Ansatz und die den damit verbundenen Bearbeitungsmöglichkeiten nie gereizt?

Paul Oakenfold / In Sachen Bearbeitungsmöglichkeiten kommen in meinen Sets durchaus Effekte aus dem Pioneer-Mixer zum Einsatz. Aber darüber hinaus mische ich tatsächlich einfach nur einen Track in den nächsten. Es ist nicht so, als würde ich technologische Fortschritte nicht befürworten. Alles, was eine Performance erweitern kann und es einem DJ ermöglicht, die Musik frischer und spannender zu präsentieren, ist erst mal eine gute Sache. Außerdem hat jeder seine persönlichen Präferenzen. Ich mag es einfach lieber, Platten recht traditionell ineinander zu mixen, deswegen kommen ein Laptop und Ableton für mich nicht so schnell infrage. Aber ich lehne diesen neueren Ansatz deswegen nicht ab. Klar machen die meisten aktuellen DJs selbst kein Beatmatching mehr. Dafür aber übernehmen sie eine Menge anderer Aspekte. Es steht mir nicht an, darüber zu urteilen.

Trance-Fan

Beat / Auf deinem neuen Album „Trance Mission“ nimmst du eine Bestandsaufnahme des Trance-Genres vor. Wie siehst du die Entwicklung bis heute und für die Zukunft?

Paul Oakenfold / Ich war schon immer ein großer Trance- Fan. In der zweiten Hälfte der 90er ist die Szene geradezu explodiert. Ich gehörte damals zu der Speerspitze der Bewegung und London war auf jeden Fall ein sehr wichtiger Knotenpunkt. Aber man darf nicht vergessen, dass Frankfurt schon davor eine Schlüsselstellung eingenommen hat. Es kamen damals sehr viele sensationelle Trance-Scheiben aus Deutschland. Sie haben das, was in den späten 90ern passierte, erst möglich gemacht. Trance hat sich seitdem immer weiter entwickelt und ist stets spannend und frisch geblieben. Klar, mir gefällt nicht alles gleich gut. Aber das liegt eben genau daran, dass sich die Szene so verzweigt und so viele Untergruppierungen herausgebildet hat, dass die Unterschiede zwischen den individuellen Spielarten gelegentlich extrem ausfallen. Es gibt auch einige tolle Formen von melodischem Trance und eine interessante neue Trance-Schule, die Elemente von EDM integriert. Mich persönlich aber fasziniert derzeit vor allem, was im Bereich Psy / Goa-Trance passiert. Künstler wie Astrix, Simon Patterson, Vertical Mode, Neelix und Symbolic definieren dabei gerade die Grenzen dieser Musik neu.

Beat / Wie respektvoll bist für „Trance Mission“ an die Originale herangetreten?

Paul Oakenfold / Ich habe zunächst einmal Wert darauf gelegt, keine Remixe, sondern Cover-Versionen zu produzieren. Bei einem Remix nutzt du ja Teile des Originals, entweder Audio oder Midi. Ich fand es für dieses Album hingegen interessanter, komplett neue Arrangements zu erstellen. Das hat sich für mich deutlich weniger einengend angefühlt. Grundsätzlich habe ich einen immensen Respekt für die Tracks, die ich neu aufgenommen habe. Aber ich finde auch, dass jeder Künstler das Recht hat, sich frei auszudrücken. Ich bin mir sicher, dass einige Leute das Projekt dafür kritisieren werden, dass hier Stücke bearbeitet wurden, die man überhaupt nicht anfassen sollte. Aber für mich ist das eine falsche Sichtweise. Dies sind meine Interpretationen meiner Lieblings- Tracks. Ich hoffe, sie gefallen dir. Aber wenn nicht, geht das auch in Ordnung.

Beat / Wie sind die Produktionen entstanden?

Paul Oakenfold / Mein Studio befindet sich in meinem Haus in LA. Die Umgebung ist entspannt und die Location ist voll mit interessanten Instrumenten, die ich auf meinen vielen Reisen über die Jahre angehäuft habe. Ich habe die meisten Tracks von den Drums her aufgebaut. Es ist wichtig, dass der Groove passt. Daraus entwickelt sich dann von selbst, wie du das Haupt-Thema angehst und in die Musik einbindest.

Intensive, druckvolle Sounds

Beat / Einer der enthaltenen Tracks ist dein eigenes „Not Over Yet“. Das Stück hat inzwischen schon eine bemerkenswerte Geschichte …

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Paul Oakenfold / Den Track habe ich ursprünglich mit Steve Osborne und Dominique Atkins aufgenommen für unser Grace-Projekt. „Not Over Yet“ war unser größter Hit. Auf der ersten Version, die wir unter dem ursprünglichen Namen A State of Grace produziert haben und die 1993 auf meinem Label Perfecto erschienen ist, hat noch Patti Low gesungen. Als wir die Musik für das Grace-Album neu aufgenommen haben, hat dann Dominique selbst die Lead-Melodie eingesungen, während wir einige Stellen von Patti‘s Vocals als Hintergrund-Vocals und Ad-Libs beibehalten haben. Seitdem hat es immer wieder großartige Remixe gegeben, darunter der Breeder-Mix aus 1999 oder der aktuellere Protoculture-Mix. Für mich selbst war der Anspruch ein anderer. Ich habe bereits sehr viel Zeit im Studio mit diesem Stück verbracht, deswegen wollte ich einfach nur einen intensiven, druckvollen Trance-Track machen mit einer moderneren Produktion und aktuellen Sounds.

Beat / Wie wichtig ist dir dieser Aspekt, modern zu klingen, in deinen eigenen Produktionen generell?

Paul Oakenfold / Equipment ist schon wichtig. Aber es ist niemals so wichtig wie die Person, die es bedient. Du kannst tolle Musik auf deinem Laptop mit den verschiedenen Software-Tools machen, die dir zur Verfügung stehen. Aber es sind die Ideen in deinem Kopf, die einen Song erst zum Leben bringen. Trotzdem gibt es auch in diesem Bereich so etwas wie Fortschritt. Die Originale der Tracks auf „Trance Mission“ klangen zwar auf jeden Fall sehr gut zu dem Zeitpunkt, als sie erschienen sind. Aber inzwischen hat der Zahn der Zeit doch ein wenig an ihnen genagt. Heute ist es beispielsweise sehr beliebt, beim Mastering wirklich alles herauszuholen und die Dynamik dafür etwas einzuschränken. Solange es im Club gut klingt und die Leute zum Ausrasten bringt, geht das für mich auch in Ordnung. Ich bin mir sicher, dass es auch weiterhin Entwicklungen geben wird und sich unsere Möglichkeiten erweitern werden. Tracks, die heute fantastisch klingen, wird man in sechs Jahren für veraltet halten. Das ist die Konsequenz von Verbesserungen. 

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