Cyclone Analogic TT-606 & TT-78 im Test: Besser als das Original?

Quelle: https://www.beat.de/test/cyclone-analogic-tt-606-tt-78-test-besser-original-10072272.html

Autor: Jan Wilking

Datum: 28.08.17 - 15:23 Uhr

Cyclone Analogic TT-606 & TT-78 im Test: Besser als das Original?

Die beiden Drumcomputer TT-606 und TT-78 bieten analoge Drumsounds, inspiriert von Rolands Klassikern TR-606 und CR-78 – ergänzen aber einige sinnvolle Extras.

Features:

  • analoge Drumcomputer
  • Nachbau der TR-606 und CR-78
  • 9 bzw. 13 Instrumente
  • 7 Einzelausgänge
  • Step-Sequenzer
  • mit Flam, Roll, Accent
  • 64 Pattern je 64 Steps

Nachdem Cyclone Analogic mit dem TT-303 Bass Bot bereits einen Klon der legendären Roland TB-303 präsentiert hat, bringt das Unternehmen jetzt zwei Nachbauten klassischer Roland-Drumcomputer auf den Markt. Der TT-606 Drum Drone kommt dabei nicht unbedingt überraschend, denn schließlich handelt es sich um eine von der Roland TR-606 inspirierte Drummaschine. Und die TR-606 wurde ursprünglich parallel zur TB-303 veröffentlicht und sollte den als Bassisten-Ersatz geplanten Synthesizer um einen virtuellen Schlagzeuger ergänzen.

Für etwas Verwunderung hat dagegen der TT-78 Beat Bot gesorgt. Er orientiert sich an der Roland CR-78, die wenige Jahre vor der TR-606 erschienen ist und neben Preset-Pattern erstmals auch die Programmierung eigener Rhythmen erlaubte. Trotz ihres prägnanten Klanges hat der CompuRhythm nie den Kultstatus der TransistorRhythm-Serie (TR-808, TR-909 etc.) erreicht und es gibt unseres Wissens nach bisher auch noch keinen kommerziell vertriebenen Nachbau dieser Maschine. Sowohl bei der TT-606 als auch der TT-78 werden alle Klänge analog erzeugt und keine Samples oder eine digitale Nachbildung genutzt.

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TT-606

Beide Drumcomputer teilen sich die Gehäuseform mit der Neuauflage der TT-303 und weichen damit ein wenig vom Original ab. Ob hinter der Änderung des Designs die Firma Roland steckt, die wohl zur Unterstützung der Veröffentlichung eigener Neuauflagen ihrer Klassiker auch das ehrwürdige Rebirth von Propellerheads (Urvater aller Software-basierten TB/TR-Klons) aus dem AppStore gedrängt hat, ist nicht bekannt. Das Kunststoffgehäuse mit den stark abgerundeten Ecken ist auf jeden Fall etwas gewöhnungsbedürftig und erinnert auf den ersten Blick ein wenig an eine Sardinen- oder Pausenbrotbüchse. Passend dazu gibt es einen durchsichtigen Schutzdeckel, und auch eine Transporttasche befindet sich im Lieferumfang. Auch die mehrfarbig beleuchteten Taster sind nicht originalgetreu. Die silberne Oberfläche und die Regler erinnern dagegen deutlich an die TR-606.

Einzelausgänge

Die Rückseite bietet neben Mono-Ausgang und Kopfhöreranschluss auch sieben als Miniklinke ausgelegte Einzelausgänge für jede Instrumentengruppe: Bassdrum, Snare, Toms, Cymbal, Hi-Hats, Rimshot und Clap. Ein wichtiges Feature, da analoge Drumsounds in der Regel deutlich mehr von einer externen Nachbearbeitung durch Dynamikprozessoren und andere Effekte profitieren als digitale Klänge. Wenn Sie einen Einzelausgang verkabeln, wird der hier anliegende Drumsound automatisch aus der Summe genommen. Sie müssen sich also nicht wie z.B. bei der ADX-1 entscheiden, ob Sie den Masterausgang oder die Einzelausgänge benutzen, sondern können nur die Bassdrum durch einen Kompressor oder die Snare in ein Hallgerät schicken und die verbleibenden Sounds weiterhin gemeinsam über den Master-Ausgang abnehmen. Die Einzelausgänge haben auch den Vorteil, dass sie nahezu nebengeräuschfrei arbeiten, während sich im Master-Ausgang doch ein gewisses Grundrauschen aufsummiert.

MIDI-Steuerung

Es folgen zwei DIN-Buchsen für MIDI-IN und -OUT, Letztere lässt sich per Schalter zum Durchschleifen auch auf THRU stellen. Über MIDI lässt sich die TT-606 nicht nur synchronisieren, sondern die einzelnen Sounds lassen sich auch per Notenbefehl direkt triggern. Zudem sind die Klangparameter per MIDI-Controller automatisierbar, sodass Sie die TT-606 auch als reines Drum-Modul nutzen und über Ihre DAW oder einen anderen Sequenzer steuern können. Ein USB-Anschluss ist nicht vorhanden. Die Stromversorgung erfolgt per externem Netzteil, wobei der Ein-/Ausschalter etwas zu klein ausgefallen ist. Batteriebetrieb ist leider nicht möglich.

Zusätzliche Instrumente

Kenner werden es schon bei der Beschreibung der Einzelausgänge bemerkt haben: Cyclone Analogic hat sich beim TT-606 Drum Drone nicht auf einen reinen Nachbau beschränkt, sondern das Drumkit mit Rimshot und Clap sinnvoll ergänzt. Die Instrumente lassen sich über die im oberen Bereich platzierten Regler in der Lautstärke anpassen, zudem lässt sich der jeweils ausgewählte Sound mit dem Tone-Regler in einem Klangparameter ändern. Bei Bassdrum, Toms, Hi-Hats und Cymbal haben Sie damit Zugriff auf die Tonhöhe. Für die Open Hi-Hat und Cymbal lässt sich zusätzlich die Abklingzeit ändern, und bei der Snare können Sie den Rauschanteil regeln. Clap erlaubt eine Anpassung in der Geschwindigkeit der Wiederholungen und damit der Dichte des Sounds. Rimshot variieren Sie mit dem Tone-Regler von einem kurzen Klicken bis hin zu einem typischen analogen Percussion-Klang ohne direktes akustisches Vorbild. Der Tone-Parameter lässt sich auch modulieren. Hierzu dient die NUANCE-Funktion, die einen temposynchronen LFO mit den Wellenformen Sägezahn, Dreieck und Rechteck zur Verfügung stellt. Auch eine zufällige Veränderung je gesetztem Step ist möglich. Haben Sie die Sounds nach Ihrem Bedarf mit Tone und Nuance angepasst, können Sie das Ergebnis als Drumkit auf einem der 32 eingebauten Speicherplätze sichern.

Sequenzer mit neuen Features

Auch der Sequenzer bietet mehr Möglichkeiten als das Vorbild. Zwar besitzt die TT-606 die klassische TR-X0X Lauflichtprogrammierung über 16 beleuchtete Taster, erlaubt aber auch ein Einspielen des gewählten Sounds in Echtzeit. Sogar Note Repeat ist integriert. Ein Pattern kann bis zu 4 Takte (=64 Steps) lang sein, zusätzlich können Sie ein Fill-In programmieren. Zur weiteren Auflockerung des Grooves dienen neben dem bewährten Accent zur Betonung einzelner Steps die Roll- und Flam-Funktionen für Doppelschläge und schnelle rhythmische Wiederholungen des Sounds. Mit Mutate findet sich auch hier eine Zufallsfunktion, die die Positionen gesetzter Steps einer Instrumentenspur durcheinanderwürfelt. Verschiedene rhythmische Auflösungen und einstellbares Shuffle runden die gelungene Sequenzerprogrammierung ab. Eine Besonderheit der TR-606 wurde übernommen: Triggert man Closed und Open Hi-Hat gleichzeitig auf einem Step, erklingt eine Art Zwischenton, quasi eine halb-offene Hi-Hat – ein nettes Feature für groovende Hi-Hat-Linien.

Mehrere Pattern können zu einem Song zusammengesetzt werden. Hilfreich sind hierbei zahlreiche Copy/Paste-Funktionen, die sogar auf einzelne Spuren anwendbar sind sowie die Möglichkeit, den Pattern unterschiedliche LED-Farben zuzuordnen. Einzelne Instrumente lassen sich im Live-Betrieb über die Taster stumm schalten.

Klanglich nicht ganz am Original

Die TR-606 fristete bisher eher ein Dasein im Schatten der TR-808 und TR-909, trotz der großen Beliebtheit des Schwestermodells TB-303. Die TR-606 hatte weder den Punch der 909 noch war sie so „deep & smooth“ wie eine 808. Die TR-606 klingt eher nach Vintage-Synth-Pop oder Elektro, immer ein bisschen rau, leicht angezerrt und mit einem gewissen LoFi-Charakter. Die letztgenannten Attribute fehlen der TT-606 leider ein wenig, sie klingt zahmer und sauberer, dafür aber ohne entsprechende Nachbearbeitung aber auch etwas langweiliger als das Original. Die Hi-Hats und Cymbal sind aufgrund wählbarer Oszillator-Mischverhältnisse zwar flexibler, erreichen dabei aber nie ganz die Dichte des Originals.

Glücklicherweise gleichen die Modulationsmöglichkeiten und die zusätzlichen Instrumente dies ein wenig aus. Insbesondere das relativ flexible Rimshot mit seinem sehr speziellen Sound wird Freunden der Minimal-Musik gefallen. Und bei kompromissloser Programmierung mit voll aufgedrehtem Accent lässt sich die TT-606 auch in eine interne Sättigung fahren, was einen kompakteren Klang zur Folge hat.

TT-78

Die TT-78 Beat Bot sieht der TT-606 zum Verwechseln ähnlich. Design, Regler und Taster sind identisch, weisen also keinerlei Ähnlichkeit zum Vorbild CR-78 auf. Die Anschlussmöglichkeiten von TT-606 und TT-78 stimmen grundsätzlich überein. Da die TT-78 aber insgesamt 13 Instrumente zur Verfügung stellt, sind einige der sieben Einzelausgänge mit mehreren Sounds belegt. Nur Bassdrum, Snare und Maracas haben einen eigenen Ausgang, die weiteren vier Ausgänge teilen sich Conga/Bongos, Cowbell/Clave, Hi-Hat/Cymbal/MetalBeat sowie Guiro/Tambourine. Vor allem durch den vierfach belegten Ausgang mit Conga Hi/Low und Bongo Hi/Low sind die Nachbearbeitungsmöglichkeiten hier doch ein wenig eingeschränkter. Da einige Sounds auch nicht über den Tone-Regler geändert werden können, bleiben Sie auf den vorgefertigten Klang festgelegt.

In der Sequenzer-Sektion gibt es keine Unterschiede zwischen TT-78 und TT-606. Leider wurden die kultigen Preset-Rhythmen des CR-78 nicht in die TT-78 übernommen, darüber hätten sich bestimmt nicht nur Vintage-Fans gefreut.

13 Instrumente

Die Bassdrum geht zwar nicht so tief wie bei einer 808, sie lässt sich mit dem Tone-Regler aber schön in die Länge ziehen. Die Snare klingt relativ ähnlich zur TT-606, Tone regelt auch hier den Rauschanteil. Die analogen Bongos lassen sich in der Tonhöhe verändern, bei den Congas ist dies leider nicht möglich. Beide Instrumente teilen sich eine Sequenzerspur, können also nicht gleichzeitig genutzt werden. Auch Clave und Cowbell stehen nur alternativ zur Verfügung, und nur Clave lässt sich mit dem Tone-Regler stimmen. Wie das Original verfügt auch die TT-78 nur über eine geschlossene Hi-Hat, für eine offene Variante muss die Cymbal zweckentfremdet werden, deren Sound ohnehin von der nächsten getriggerten Hi-Hat abgeschnitten wird. Beide Sounds bestehen allein aus gefiltertem Rauschen, für den metallischen Klanganteil wird wie bei der CR-78 ein zusätzlicher Klang namens Metal Beat erzeugt. Vergleichbar mit der TT-606 stehen hierfür verschiedene Varianten zur Auswahl.

Die Maracas hat wie beim Original einen sehr spitzen Klang und ergänzt sich damit gut mit den Becken. Tone regelt die Abklingzeit, auch sehr kurze Sounds sind möglich. Es verbleiben Guiro und Tambourine, die sich ebenfalls eine Spur teilen, sich aber nicht gegenseitig im Klang abschneiden.

Moderne CR-78

Die CR-78 hat einen sehr eigenen Sound mit hohem Wiedererkennungswert. Vielen wird der Klang vor allem aus Klassikern wie Phil Collins „In the Air Tonight“ oder Visages „Fade to Grey“ bekannt sein. Ähnlich wie bei der TT-606 trifft auch die TT-78 grundsätzlich den Klangcharakter des Vorbilds, klingt dabei aber etwas moderner und sauberer und lässt ein wenig den speziellen Charme vermissen. Während die Bassdrum ein ordentliches „Boom“ erzeugen kann und auch die Snare schön schnappig klingt, lassen die anderen Klänge etwas Fülle und den speziellen Sound vermissen, der die Rhythmen des CR-78 einzigartig gemacht hat. Gut zu hören ist dies vor allem bei Claves und Cowbell, die einfach nicht ganz so markant tönen wie beim Original. Das heißt aber beileibe nicht, dass die TT-78 schlecht klingt. Die Drumsounds sind gut aufeinander abgestimmt und sorgen für jede Menge Vintage-Feeling, der modernere Sound erlaubt sogar eine einfachere Einbindung in aktuelle Produktionen und durch externe Nachbearbeitung oder interne Sättigung lässt sich der Klang noch näher an das Original heranbiegen.

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Fazit

Die analogen Drumcomputer TT-606 und TT-78 überzeugen mit gut aufeinander abgestimmten Drumsounds sowie einem einfach bedienbaren Sequenzer mit interessanten Extras. Der Klangcharakter der Vorbilder TR-606 und CR-78 ist durchaus hörbar, allerdings klingen die Nachbauten von Cyclone Analogic etwas zahmer und nicht ganz so prägnant. Dafür bieten sie interessante zusätzliche Features wie einen LFO zur Modulation der Klangparameter und eine Zufallsfunktion. Während der TT-606 sich mit dem Acidlab Drumatix messen muss, der klanglich etwas dichter am Original ist, gibt es für Liebhaber der CR-78 mit dem TT-78 erstmals eine moderne Variante. Alternativ bieten auch Arturia DrumBrute und MFB Tanzbär markante analoge Vintage-Drums abseits der bekannten 808/909-Klänge.

Dieser Artikel ist in unserer Heft-Ausgabe 141 erschienen.