ASMR​ - Die Droge im Ohr

Quelle: https://www.beat.de/news/asmr-droge-ohr-10071930.html

Autor: Tobias Fischer

Datum: 26.06.17 - 12:26 Uhr

ASMR​ - Die Droge im Ohr

Das neue Trendwort im Netz lautet ASMR – die Attraktivität besonders leiser, sanfter Töne und flüsternder Stimmen. Während viele Wissenschaftler noch darüber schmunzeln, begeben sich andere auf die Suche nach den Wurzeln des Phänomens – und fördern dabei faszinierende Erkenntnisse zutage.

Liebe geht durch den Magen, Sex durch die Ohren? Was zunächst wie eine recht gewagte These klingt, gewinnt rasch an Zulauf. Immer öfter finden sich Beschreibungen wie diese aus einem Online-Forum: „Vor Jahren hatte ich mal einen Arzttermin. Die Ärztin hatte eine leichte Erkältung, weshalb sie ein Bonbon lutschte. Jedes Mal wenn das Bonbon gegen ihre Zähne klackte, löste es bei mir immer mehr aus. So unglaublich schön für mich dieses Gefühl auch war, ich musste aus Anstand und Respekt vor ihr das Arztzimmer verlassen, bevor es das finale Peng bei mir auslöste.“ Nicht jedem fahren solche Geräusche gleich zwischen die Beine. Doch entdecken immer mehr „ganz normale Leute“, dass sie eine besondere Sensibilität für feine, dezente Klänge haben. Die Gemeinschaft, die sich um diese stillen Genießer gebildet hat, mutet wie ein perfektes Gegenbild zur lauten, rohen, nach Aufmerksamkeit heischenden Welt an, die uns umgibt – und wirft dabei faszinierende Fragen auf, wie Musik und Klang in uns ihre einzigartige Wirkung entfalten.

Das Kind hat einen Namen

Der Fortschritt unseres Verständnisses eilt dabei mit Siebenmeilenstiefeln voran. Noch vor wenigen Jahren gab es für das im Forum berichtete Erlebnis nicht einmal einen Namen. Erst 2013 setzte sich der Begriff ASMR – Autonomous Sensory Meridian Response – durch, der die vielen subtil differenzierten Varianten der Erfahrung abdeckt. Die Mehrheit der dafür Empfänglichen empfindet dabei angenehme Schauer, die vom Hinterkopf aus über das Rückgrat und manchmal bis hin zu den Schultern laufen, bei stärkeren Reizen sogar bis an das Becken und in die Beine. Typische Auslöser für ASMR sind Flüstern, sanfte, knisternde Geräusche oder Wasserklänge, doch die Palette möglicher Trigger ist noch weitaus länger und umfasst beispielsweise, in einem oft zitierten Beispiel, auch das sanfte Flattern eines Handtuchs, das von einem Fön angeblasen wird. Nachdem das Kind endlich einen Namen bekommen hatte, explodierte die ASMR-Community geradezu. Es bildeten sich waschechte Stars heraus, die Millionen treuer Fans mit Videos beglückten, in denen Sie sanft ins Mikrophon sprachen, minutenlang Alufolie durchkneteten oder sogar Rollenspiele durchführten, wie einen Besuch beim Friseur, mitsamt des sinnlichen Schnipp-Schnapps der Schere sowie zärtlich durch die Haare streichenden Fingern. Den obengenannten Kopf-Orgasmus bekommen dabei nur wenige. Vielmehr ist die häufigste Reaktion eine tiefe, glücklich machende Entspannung. Die russische ASMR-Pionierin „Maria Gentle Whispering“ entdeckte ihr Talent, während sie noch als Verkäuferin arbeitete. Dabei fiel ihr auf, dass viele Kunden sich von ihr extrem lange beraten ließen und ihr wie in einer Trance dabei zuhörten, wie sie mit ihrer weichen Stimme durch den Produktkatalog blätterte [Aus der Washington Post: „A whisper, then tingles, then 87 million youtube views – meet the star of ASMR“, 12.12. 2014]. So fing sie an, in ihrer Freizeit ASMR-Videos zu produzieren, deren Wirkungen sich wie Wunderheilungen lesen: Traurige werden getröstet, Rastlose kommen zur Ruhe, Schlaflose können wieder friedlich träumen.

Reich werden will Maria von ihrem Hobby nach eigener Aussage nicht, doch die Professionalisierung der Szene ist unverkennbar. Gute binaurale Mikros gehören inzwischen zur Grundausstattung der ASMR-Künstler und manche von ihnen verkaufen auf iTunes Sampler ihrer besten Sessions. Das immer für eine unkonventionelle Geschäftsidee gute Forbes-Magazin wundert sich bereits, wann wohl der erste Flüsterer mit einem Album oder einer Knister-Single die Charts anführen werde. ASMR als Musik zu deuten ist gar nicht so seltsam, wie es zunächst klingen mag. Bereits vor knapp 15 Jahren nämlich standen ganz ähnliche Sounds schon einmal im medialen Fokus. Mit seiner Veröffentlichung „Forms of Paper“ trat der amerikanische Künstler Steve Roden 2001 gänzlich unbeabsichtigt eine der radikalsten Underground-Bewegungen der vergangenen Jahrzehnte los – eine aus dem Punk geborene Ästhetik, die alle ursprünglichen Erkennungsmerkmale des Punk verneinte, wie er selbst einmal beschrieben hat. Das Stück war eine fast einstündige Installation, die gänzlich aus den Klängen von Papier gewonnen und von einer Bibliothek in Auftrag gegeben worden war. Die Örtlichkeit bedingte naturgemäß ein extrem dezentes Geräuschniveau und so schwebten die ohnehin schon fragilen Klänge entlang der Wahrnehmungsschwelle durch einen weit offenen, freien Klangraum. In einem Interview bezeichnete Roden seine Absicht als „Lower Case“ – als „Kleinbuchstaben“, die er der schreierischen Kapitalisierung der Radio-Playlists gegenüberstellte. Folgerichtig entwickelte das Album eher abseits der konventionellen Pfade eine eingeschworene Fangemeinde und inspirierte die Gründung einer Vielzahl spezialisierter Labels. Deren Musik widmete sich oftmals mit geradezu akribischer Sorgfalt der grundsätzlich selben Klangquellen, mit denen heute ASMR-Künstler ihr Publikum in einen Rausch führen. Der feine Unterschied: Während Rodens gerade neu aufgelegter Klassiker auch heute nur Eingeweihten bekannt ist, generieren die selben Sounds unter dem Stichwort ASMR plötzlich Millionen Hits. Und das, obwohl das Phänomen nicht einmal wissenschaftlich anerkannt ist.

Minimale Erkenntnisse

Neue Studien werden das zweifelsohne schon recht bald ändern. Zwar sind die Erkenntnisse der Forscher bislang eher minimal, unter anderem auch deswegen, weil es sich aktuell noch als schwer und kostspielig erweist, die körperlichen Reaktionen von ASMR zu dokumentieren. Doch ist auffällig, wie nahe das Phänomen zwei anderen Grenzerfahrungen steht, die ebenfalls lange von der wissenschaftlichen Gemeinde belächelt wurden, ehe man geeignete Methoden fand, sie eindeutig zu belegen: Synästhesie und Frisson (musikalischer Schauer). Bei Ersterer werden durch akustische Reize andere Sinneswahrnehmungen aktiviert, darunter visuelle Wahrnehmungen oder Gerüche. Der musikalische Schauer wiederum, der dem Gefühl einer ASMR-Episode sehr nahe kommt, aber deutlich spezifischer ist und andere Auslöser hat, ist nur bei oberflächlicher Betrachtung weniger komplex. Der Psychologe David Brian Huron hat sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und die beiden typischen Trigger in dem Buch „Sweet Anticipation“ identifiziert [David Huron: „Sweet Anticipation“, Bradford Book, 2008]: Erstens Entwicklungen, die den Erwartungen des Hörers widersprechen – ein überraschender Akkord oder eine leicht rhythmisch versetzte Note zum Beispiel. Zweitens besonders laute Geräusche, sehr hohe Töne oder basslastige Passagen. Der zweite Trigger lässt aufhorchen, handelt es sich doch dabei um eben jene akustischen Merkmale, die den Körper in einen Alarmzustand versetzen und eine nicht intellektuell gesteuerte Schockreaktion auslösen (siehe Beat #120). Hurons Theorie: Der alte, instinktivere Teil unseres Gehirns erkennt die Trigger zunächst als Bedrohung und reagiert mit erhöhtem Puls, sensiblerer Haut, erweiterten Pupillen und angespannten Muskeln. Danach erkennt unser logisches Gehirn die Harmlosigkeit der Situation und gibt das Signal zur Entwarnung. Die Differenz zwischen An- und Entspannung, so Huron, wird als angenehm empfunden, der Schauer als ein verstörend schöner Nervenkitzel.

Spannend wird es nun, wenn man die chemischen Prozesse betrachtet, die bei einem musikalischen Schauer im Gehirn ablaufen. In der Phase, die auf den Schlüsselmoment hinführt und ihn ankündigt, beginnt der Körper bereits damit, Dopamin auszuschütten, ein Vorgang, der beim Eintreten der Schauer-auslösenden Stelle dann seinen Höhepunkt erreicht. Dopamin ist ein biogenes Amin und das zentrale Element des körperlichen Belohnungs-Systems, welches die Suche nach Überlebensfaktoren wie Nahrung oder Sex vorantreibt. Vereinfacht lässt sich sagen: Wenn einem Endorphine Schmetterlinge im Bauch bereiten, dann entspricht Dopamin dem Wunsch und der Suche nach diesen Schmetterlingen. Eine extrem starke Ausschüttung interpretiert der Körper als eine Glückssträhne und setzt alles daran, diesen Zustand erneut zu erreichen – die Folge kann ein Suchtverhalten sein. Man kann also zurecht behaupten: Die effektivste Musik spricht die selben Zentren an wie eine Sahnetorte oder ein Orgasmus und sie löst qualitativ vergleichbare Abhängigkeiten aus wie eine Droge. Tatsächlich wird jeder Musikbegeisterte das Gefühl kennen, einen Lieblings-Song immer wieder hören und stets aufs Neue dem euphorisierenden Refrain entgegenfiebern zu wollen. Sogar nach mehrfachem Genuss stellt sich weniger ein Abnutzungseffekt als eine Konditionierung ein – der Pawlowsche Hund reagiert mit Speichelfluss, der leidenschaftliche Hörer mit einem Schauer.

Gezielte Unterdrückung

Wie sieht die Situation nun auf der Seite des Ausführenden beziehungsweise Komponierenden aus? Dass bei einem Live-Konzert neben den auditiven Zentren auch motorische und visuelle Teile des Gehirns beansprucht werden, versteht sich nahezu von selbst. Gleiches gilt auch für einen Komponisten, der für ein Instrument schreibt, das er beherrscht – das Gehirn simuliert sozusagen den Vorgang des Spielens im Kopf und aktiviert dabei die entsprechenden Areale. Andere Gehirnschaltzentralen hingegen werden faszinierender Weise gezielt unterdrückt. Besonders betroffen ist der präfrontale Kortex in der linken Gehirnhälfte, der Sitz unseres Verstands. Die Unterversorgung dieses Knotenpunkts erlaubt es einströmenden Informationen, nunmehr ungefiltert durch Logik und rationale Vorbehalte unsere Wahrnehmung zu erreichen. Man hat ähnliche Zustände bei Hochbegabten beobachtet, deren scheinbar unfassbare mathematische Fähigkeiten oder extremes Erinnerungsvermögen auf eine dauerhafte Hypofrontalität zurückzuführen sind. Im Prozess des Musikmachens entsteht temporär ein ähnlicher Zustand, man könnte auch sagen: Im Zustand des Komponierens und Spielens erleben wir mehr und werten weniger, fühlen intensiver und unterdrücken die Reflexion, sind im wahrsten Sinne des Wortes offener und durchlässiger.

Die Deaktivierung des frontalen Kortex und somit das Ausschalten von rationalen Gehirnbereichen ist interessanterweise ebenfalls typisch für den sogenannten Subspace des unterwürfigen Partners in einer SM-Szene. Es ist ein Zustand, der von den Beteiligten trotz der dabei entstehenden Schmerzen eher selten als sexuell und vielmehr als spirituell bezeichnet wird und als ein Gefühl des sich Treiben-Lassens empfunden wird, als ein völliges Aufgehen im Moment, als ein Verschwinden des Ich und ein Auflösen im Anderen. Könnten ähnliche Prozesse auch das Gefühl tiefer Entspannung erklären, das bei ASMR so oft vermittelt wird? Die Antwort auf diese Frage wird noch eine Weile auf sich warten lassen, doch kann man schon jetzt festhalten: Durch die Ohren geht eine Menge mehr, als so mancher sich je hätte träumen lassen.

Dieser Artikel ist in unserer Heft-Ausgabe 121 erschienen.