Testbericht Kilpatrick Phenol: Komplettes Modularsystem unter 1000 Euro

Geschrieben von Henning Schonvogel
04.07.2017
13:02 Uhr

Kaum größer als ein Laptop, aber dennoch ein ausgewachsener Modular-Synthesizer. Mit dem Phenol kann man sich ein komplettes Einsteigersystem ins Studio holen. Der perfekte Weg, um die Welt der Steck-Instrumente zu erkunden?

(Bild: Kilpatrick Audio)Nicht nur die Bananenbuchsen des Phenols weichen von bekannten Standards ab, auch klanglich bietet das Instrument eine gehörige Portion frischen Wind.
(Bild: Kilpatrick Audio)Kilpatrick Audio Phenol

Features:

  • modularer Kompaktsynthesizer
  • Bananen-Stecksystem
  • zwei Oszillatoren
  • Dreieck-, Rampe-, Puls-Welle
  • PWM-, FM- & Sync-Funktionen
  • zwei externe Eingänge
  • Tiefpass- und Bandpass-Filter
  • zwei Verstärker
  • Mixer mit zwei Kanälen
  • Echo-Effekt
  • zwei Hüllkurven mit drei Betriebsmodi
  • ein LFO mit Sinus und Zufallsschwingung
  • MIDI-CV-Interface
  • Addierer/Inverter
  • Divider
  • Sequenzer

Das Konzept des Phenol wurde von Kilpatrick Audio im Dezember 2014 an die Öffentlichkeit getragen, im Rahmen einer Kickstarter-Kampagne. Bereits nach 24 Stunden war das Projekt zu 91 Prozent finanziert, angesichts der Featureliste und des angepeilten Preises kein Wunder. Für 899 Euro bekommt man mit der Neuerscheinung ein komplettes Modular-System im kompakten Metallgehäuse geliefert. Zur Klangerzeugung stehen zwei Oszillatoren bereit, die Nachbearbeitung übernehmen zwei Filter, zwei Verstärker und ein Mixer mit Echo-Effekt. An Modulatoren gibt es einen LFO und zwei Hüllkurven. Letztere, soviel sei an dieser Stelle bereits verraten, setzen sich gekonnt von herkömmlichen ADSR-Schaltungen ab. Als Hilfsbausteine sind Addierer- und Divider-Stufen vorhanden, zur Steuerung wurde ein MIDI-CV-Interface mit verstecktem Sequenzer integriert. Damit steht der Phenol gängigen Einsteiger-Modulsystemen in Sachen Funktionsumfang nicht nach. Während die aus Einzelteilen zusammengesetzten Boliden allerdings in großen Racks oder Koffern daherkommen, lässt sich Kilpatrick Audios Instrument ganz einfach in einem Rucksack transportieren. Länge und Breite sind mit einem handelsüblichen 15 Zoll Laptop vergleichbar. Lediglich in seiner Höhe überragt der Synthesizer, schon allein aufgrund der Potentiometer, herkömmliche Mobilcomputer ein Stück weit.

Stecken

Im Gegensatz zu semi-modularen Klangerzeugern wie Korgs MS-20 oder dem von Moog angekündigten Mother-32 gibt es beim Phenol keinerlei interne Verdrahtungen zwischen den einzelnen Synthesebausteinen. Ohne Patch-Kabel bekommt man also keinen Sound aus dem Gerät heraus. Während die meisten Modular-Systeme mit 3,5mm- oder 6,3mm-Klinkenanschlüssen arbeiten, hat Kilpatrick Audio bei seiner Neuentwicklung auf Bananenbuchsen gesetzt, um Verbindungen zu knüpfen. Der Vorteil: Kabel lassen sich ineinander stecken, was zu einer passiven Summierung führt. Kilpatrick Audio gibt an, dass bis zu drei Stecker gefahrlos kombiniert werden können. Lediglich bei einigen Ports des MIDI-CV-Interfaces darf man dieses Verfahren nicht anwenden. Im Lieferumfang sind bereits zehn Kabel verschiedener Länge enthalten. Genug für einfache Patches, bei komplexem Sounddesign stößt man aber schnell an Grenzen. Daher empfiehlt es sich, beim Kauf des Instrumentes auch gleich ein paar extra Kabel anzuschaffen. Eine Eigenart von Bananensteckern ist, dass sie keine Masse führen. Der Synthesizer muss daher anderweitig geerdet werden, was im Regelfall mittels einer extra hierfür eingebauten Bananen-Schnittstelle oder den in Klinkentechnik ausgelegten Audio-Eingängen geschieht.

Abgesehen von seinem Buchsenformat ist der Phenol voll kompatibel zu gängigem 3HE- und 5HE-Equipment sowie vielerlei semi-modularer Klangerzeuger. Adapterkabel von Bananen- auf Klinkenstecker sind bei Kilpatrick Audio erhältlich, zudem bieten mehrere Hersteller Module zur Übersetzung zwischen den Formaten an. Das Spiel von Noten erfolgt nach dem Standard 1V pro Oktave, Gate-Signale sind positiv und Steuerspannungen liegen zwischen ±5V. Eine Besonderheit gibt es trotzdem, denn selbst die Hüllkurven nutzen den kompletten Bereich von 10 Volt aus. Daher ist ein klein wenig umdenken angeraten. Beispiel: Möchte man ein Filter komplett via Hüllkurve öffnen, muss sich der Regler für die Grenzfrequenz in Mittelstellung und nicht, wie üblich, auf Linksanschlag befinden.

Design

Optisch macht der Phenol eine hervorragende Figur. Grund hierfür ist nicht nur das kompakte Format, sondern auch die durchweg hochwertig anmutende Verarbeitung. Bei einem ersten Griff in Richtung der Potentiometer fällt allerdings auf, dass sie ein wenig wabbelig sind. Für modulares Equipment eher ungewöhnlich. Ansonsten gibt es am Aufbau nichts auszusetzen. Hervorzuheben ist die hervorragend strukturierte Oberfläche des Gerätes. Sämtliche Baugruppen sind sauber voneinander abgegrenzt und ordentlich beschriftet, LEDs visualisieren an mehreren Stellen die gerade anliegende beziehungsweise generierte Spannung. Die Bananenbuchsen verfügen über eine farbliche Kodierung: Audio- und CV-Eingänge sind schwarz gehalten, für die Ausgänge wurde ein grauer Farbton gewählt. Die Ausgabe von Gate- und Trigger-Signalen erfolgt durch rote Anschlüsse, in den Synthesizer einführen lassen sich derartige Spannungen an weißen Schnittstellen. Einziges „Mini-Manko“: Den Stimmungs-Reglern hätten Wertekränze gut gestanden, um die eingestellte Tonhöhe besser einschätzen zu können.

Am Steuer

Das MIDI-CV-Interface des Phenols kann via DIN-Schnittstelle oder USB-B-Port beschickt werden. Ausgangsseitig gibt es Buchsen für durch Tonhöhen- und Modulationsrad-Daten generierte CV-Spannungen sowie Gate- und Clock-Signale. Neben den eigentlichen Notenwerten lassen sich für schnelle Stimmungsveränderungen auch Pitchbend-Informationen heranziehen. Ihre Spannweite ist per Program-Change-Befehl editierbar, möglich sind ein bis zwölf Halbtonschritte. Mit Hilfe der weiter oben schon erwähnten Klinkeneingänge kann Audiomaterial in das Gerät eingespeist werden, es steht dann an dedizierten Bananen-Anschlüssen in den Oszillator-Sektionen zur Weiterverarbeitung bereit. Die Master-Audioausgänge, zwei Stück an der Zahl, sind ebenfalls in 6,3mm-Klinkentechnik gehalten. Ergänzend hat man einen Kopfhörerweg zur Hand. Strom wird durch ein externes Netzteil zugeführt.

Kilpatrick Audio Phenol: Der Sound

Die Oszillatoren des Phenol produzieren Dreieck-, invertierte Sägezahn- beziehungsweise Rampen- und in ihrer Breite justierbare Pulswellen. Wie im Modular-Sektor üblich, lassen sich alle Schwingungen gleichzeitig abgreifen. Tonhöhenanpassungen sind durch Drehregler für Grob- und Feinstimmung machbar. Entgegen vieler Modular-VCOs decken die Schaltungen von Kilpatrick Audio nicht nur fünf, sondern mehr als acht Oktaven ab. Für Modulationen hat jede Oszillator-Sektion zwei CV-Wege mit Abschwächern dabei, die auf Frequenz und Pulsweite einwirken. Ferner gibt es Hard-Sync-Eingänge.

Das klangliche Bild der Schwingkreise ist druckvoll, aber dennoch neutral. Der Puls kann, je nach Weiteneinstellung, entweder fett oder aber sehr nasal daherkommen. Die Sync-Funktion erlaubt typisch „scharfkantiges“ Material. Frequenz-Modulationen zwischen den Oszillatoren ziehen zum Beispiel metallische, aggressiv-schmatzende oder ungleichmäßige, verzerrte Klänge nach sich. Einen Rauschgenerator sucht man im Phenol vergeblich, allerdings lässt sich der LFO als solcher missbrauchen. Eine gesonderte Schaltung wäre dennoch schön gewesen.

Subtraktion

Die Filter des Phenol teilen sich in einen Tiefpass und einen Bandpass auf. Beide Schaltungen verfügen über eine Flankensteilheit von 12 dB pro Oktave. Eigentlich war anstelle des Bandpasses ein Hochpass geplant. Erst im Verlauf der Entwicklung fiel die Entscheidung, in diesem Punkt vom ursprünglichen Konzept abzuweichen. Daher tragen Geräte der ersten Produktionsserie auch die Beschriftung „Hochpass“, obwohl bereits ein Bandpass verbaut ist.

Klanglich heben sich die Filter erfrischend vom Durchschnitt ab. Ihre Resonanzwerte reichen nicht bis zur Selbstoszillation, sondern werden kurz vorher limitiert. Das Ergebnis ist ein sehr „nasser“ Sound, der entfernt an Rolands TB-303 erinnert. Zudem wirken die Filter füllig, ohne dabei aber so sehr in die Breite zu gehen wie etwa Moog-Schaltungen. Grund hierfür ist, dass die Resonanz umliegende Frequenzen in keiner Einstellung deutlich beeinflusst. Durch die Kombination beider Filter sind komplexe Signalbeschneidungen möglich, zum Beispiel nach Vorbild einer Vowel-Stufe. Für Modulationen gibt es pro Instanz einen regelbaren CV-Eingang, der auf die jeweilige Filtergrenzfrequenz einwirkt. Führt man anstelle von etwa einer Hüllkurve und/oder des LFO einen Oszillator in diesen Kanal ein, quittiert der Phenol dies mit rauen, blubbernden bis störend-zerrenden Sounds.

Doppelpack

Die Verstärker sind identisch aufgebaut. Beide Sektionen verfügen über einen Eingang und Ausgang, einen nicht dämpfbaren Modulationsweg und ein Lautstärke-Poti. Sie eignen sich gleichermaßen für Audio- und CV-Signale.

Vor den Master-Klinkenausgängen ist ein Mixer positioniert. Er umfasst zwei Kanäle mit Lautstärke- und Pan-Reglern, sodass sich auf Wunsch zwei unabhängige Synthesestränge aus VCO, VCF und VCA bilden und anschließend im Stereobild verteilen lassen. Ferner ist ein Summen-Pegelelement vorhanden. Der im Mischer integrierte Echo-Effekt bietet mit Zeit und Mix betitelte Drehregler. Letzterer justiert allerdings nicht nur das Mischverhältnis von rohem und bearbeitetem Signal, sondern auch das Feedback. Extremeinstellungen führen zu sich lange hinziehenden Echo-Fahnen, sich stetig weiter aufbauende Klänge sind aber nicht möglich. Somit kann auch in Live-Situationen beherzt zum Effekt gegriffen werden, ohne Angst für Ohren-unfreundlichen Feedbacks haben zu müssen. Dass die Bearbeitungsstufe digital aufgebaut ist, hört man sofort. Negativ auffassen sollte man diesen Umstand aber nicht, denn sein grober LoFi-Charakter besitzt einen wohligen Charme. Schade ist hingegen, dass Echo-Parameter nicht moduliert werden können. Für einige Anwendungen wäre es zudem toll gewesen, wenn Kilpatrick Audio den Effekt als eigenständige, flexibel verknüpfbare Baugruppe und nicht als Teil des am Ende des Signalweges stehenden Mixers konzipiert hätte.

(Bild: Kilpatrick Audio)Kilpatrick Audio Phenol

Neuland

Die Hüllkurven des Phenol können als AD- oder A(S)R-Modulatoren arbeiten. Alternativ lassen sie sich in einen Loop-Modus schalten, womit sie zu Oszillatoren mit regelbarem Tempo und Pegel werden. Die Geschwindigkeit reicht bis in den hörbaren Bereich hinein, ansteigende und abfallende Flanke stehen einzeln im Zugriff. Ergänzend ist in drei Stufen wählbar, wie die Hüllkurven tätig werden. Im Einzelnen können die Schaltungen den gesamten Bereich von ±5 Volt durchfahren, invertiert zu Werke gehen oder sie beschränken sich auf positive Spannungen. Zudem sind Delay-Parameter vorhanden. Um stufige Ergebnisse zu erzielen, gibt es einen Parameter für die Glättung der CV-Signale. Ein praktisches Beispiel: Nehmen wir an, eine Hüllkurve befindet sich im AD-Modus und soll das eigentlich geschlossene Tiefpassfilter öffnen. Bei minimaler Glättung stehen dem Modulator lediglich zwei Spannungswerte bereit. Das Filter wird daher zu Beginn der Attack-Phase ruckartig geöffnet, am Ende des Decay-Zeitfensters schließt es sich wieder. Maximale Glättung liefert hingegen eine sanfte Filterfahrt. Mittelwerte führen zu mehr oder weniger grob aufgelösten Treppenabstufungen, mit denen man zum Beispiel „zitternde“ Sounds bewerkstelligen kann. Zu guter Letzt gibt es dann noch eine Skalen-Quantisierung. Mit ihrer Hilfe lassen sich, unter Zuhilfenahme der anderen Parameter, allerhand Arpeggios kreieren. Die Geschwindigkeit kann von außen per Speed-CV-Eingang manipuliert werden.

Der LFO wirkt im Vergleich zu den Hüllkurven geradezu trivial. Er bietet Ausgänge für Sinus- und Zufallsschwingungen. Die Geschwindigkeit reicht auch hier bis in den hörbaren Bereich hinein. Bei hohen Frequenzen kann die Zufallsschwingung, wie schon angesprochen, als Rauschersatz verwendet werden.

Helferlein

Der Addierer des Phenols besteht aus zwei Eingängen, einem gemeinsamen Pegelregler und zwei Ausgängen. Letztere teilen sich in einen normalen und einen invertierten Weg auf. Der Divider ist für Clock-Signale gedacht, die vom MIDI-CV-Interface generiert werden. Genauer teilt die Schaltung eingehendes Material durch zwei, drei, vier und sechs, die Ergebnisse stehen an dedizierten Buchsen zum Abgriff bereit. Da Signale nicht gleichmäßig durch drei geteilt werden können, unterscheiden sich An- und Aus-Zeiten in diesem Fall voneinander. Wenn per MIDI ein Neustartbefehl im Phenol ankommt, setzt sich der Divider zurück. Somit erzeugt der Synthesizer stets die gleichen Rhythmen, es kann also präzises Sounddesign betrieben werden.

Kilpatrick Audio Phenol: Der Sequenzer

Der Sequenzer des Phenols ist nicht mit vollwertigen MIDI-Kompositionswerkzeugen vergleichbar, sondern eher als kleine Ergänzung anzusehen. Noten und Pausen lassen sich schrittweise oder in Echtzeit aufnehmen. Bei der zweiten Variante können zusätzlich Pitchbend-Informationen festgehalten werden. Die anschließende Wiedergabe erfolgt entweder einmalig oder in einer Endlosschleife. Hierbei lassen sich Melodien per angeschlossenem Keyboard transponieren. Der Speicher des Sequenzers umfasst über 500 Schritte, eine Aufteilung in mehrere Pattern ist allerdings nicht möglich. Das Tempo kann entweder vom Phenol selbst oder durch eine externe MIDI-Clock bestimmt werden, bei der zweiten Option ist ein Teiler wählbar. Soweit, so gut, doch bei der schrittweisen Aufnahme gibt es allerdings einige Einschränkungen. So lassen sich keine verschieden lange Noten eingeben, für Pausen muss ein Control-Change-Befehl an den Phenol gesendet werden. Auch für Anpassungen der internen Taktung sind CC-Werte erforderlich. Mit anderen Worten: Ohne externe MIDI-Kontrollelemente oder einen Computer ist der Sequenzer nur sehr eingeschränkt nutzbar.

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Fazit

Wer Vintage-Sound nach Vorbild berühmter Kult-Instrumente sucht, ist beim Phenol an der falschen Adresse. Das Mini-Modular-System hat einen markanten, eigenständigen Klang. Die Ergebnisse wirken rund bis roh, teils ungestüm und immer druckvoll. Das Repertoire an Baugruppen macht vielfältige Klangexperimente möglich. Besonders hervorzuheben sind die fülligen Filter mit breit tönender Resonanz und die in ihrer Flexibilität wohl einzigartigen Hüllkurven. Dank derartiger Features ist die Neuerscheinung nicht nur für Einsteiger in die Welt der Stecksynthesizer ein heißer Tipp, sondern auch für Musiker und Produzenten mit einem bereits großen Gerätepark.

Dieser Artikel ist in unserer Heft-Ausgabe 123 erschienen.

Testergebnis
ProduktnamePhenol
HerstellerKilpatrick Audio
Preis899 €
Webseitekilpatrickaudio.com
Pro
  • kleines Format
  • voll-modular
  • eigenständiger Sound
  • durchdachte Modulauswahl
  • kernige Oszillatoren
  • ungewöhnlicher Filtersound
  • innovative Hüllkurven
  • warmes LoFi-Echo
  • einfache Bedienung
  • Preis
Contra
  • kein Rauschgenerator
  • Echo fest im Mixer-Signalfluss
  • rudimentärer Sequenzer
Bewertung
1.4sehr gut
 
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