Massiver Poly-Synth im Test: Dreadbox Abyss

Quelle: http://www.beat.de/test/massiver-poly-synth-test-dreadbox-abyss-10072212.html

Autor: Jan Wilking

Datum: 17.08.17 - 12:21 Uhr

Massiver Poly-Synth im Test: Dreadbox Abyss

Synthesizer aus dem Hause Dreadbox garantieren fetten Vintage-Analog-Sound. Mit dem Abyss präsentieren die sympathischen Griechen ihren ersten polyphonen Synthesizer.

Features:

  • vierstimmiger Analogsynthesizer
  • nur diskrete, analoge Komponenten
  • Unison, Polyphony, Chords, Multi Channel
  • 1 VCO/Stimme
  • 1 Sub/Stimme
  • Waveshaping-Modulator
  • polyphone Glide-Funktion
  • 24dB-Tiefpassfilter
  • integrierte Effekte

Die Athener von Dreadbox, die Macher hinter Erebus, Hades, Murmux und diversen Modularsystemen, stellen mit dem Abyss ihren ersten polyphonen Synthesizer vor. Man darf die Klang-Messlatte durchaus hoch ansetzen, denn bislang brillierte Dreadbox mit kernig-klingenden und eigenständigen Synthesizern. Schon der paraphone Erebus sorgt mit seinem kompromisslosen Analog-Sound in Verbindung mit dem BBD-Effekt für sehr volle und organische Klänge, allen voran sahnige Leads und atmosphärische Pads. Mit vier Stimmen werden diese klanglichen Möglichkeiten noch einmal deutlich erweitert. Und der Hades hat bereits gezeigt, wie viel Power ein Dreadbox-Synthesizer mit nur einem Oszillator nebst Suboszillator erzeugen kann. Der Abyss basiert zum Teil auf den Schaltungen der vorgenannten Synthesizer, bietet aber auch einige neue Features.

Überblick: Dreadbox Abyss

Abyss besitzt vier komplett analoge Stimmen, die polyphon, unisono, als Akkord oder auch multi-timbral gespielt werden können. Pro Stimme steht ein Oszillator inklusive Suboktave zur Verfügung, dessen Schwingungsformen sich stufenlos einstellen lassen. Neben Vibrato und polyphonem Glide ist auch eine Detune-Funktion zum Verstimmen vorgesehen, die für interessante bis ultra-fette Sounds sorgen sollen.

Der Signalweg geht durch ein vierpoliges Tiefpass-Filter inklusive ADSR-Hüllkurve und Velocity, gefolgt von einem VCA mit einer zweiten Hüllkurve und einem Overdrive zur Sättigung des Signals. Vervollständigt wird die Klangformung durch zwei LFO, veredelt wird der Sound mit einem Reflector (BBD-basierte Effekteinheit für Chorus/Flanger/Echo), Delay und Phaser.

Große Regler und Fader

Wie alle Dreadbox-Produkte wird auch der Abyss komplett in Handarbeit gefertigt. Die Verarbeitung unseres Testgerätes war makellos, das Aluminiumgehäuse macht einen robusten Eindruck und ist mit 35 mal 20 mal 17 Zentimetern durchaus mächtig ausgefallen. Die Bedienoberfläche ist stark zum Benutzer hin abgeschrägt, was die Bedienung bei Aufstellung auf dem Desktop sehr erleichtert. Dreadbox hat den Bedienelementen viel Platz spendiert; auf der großzügigen Oberfläche, es geht lange nicht so eng zu wie zum Beispiel beim NYX. 17 große Drehregler im Moog-Style sind für wichtige Klang-formende Parameter wie Wellenformauswahl, Filterfrequenz und Drive zuständig, mit 26 Schiebereglern passen Sie u.a. die Hüllkurven sowie Modulationsstärke an.

Anschlüsse

Die Rückseite bietet einen Audioeingang zum Einschleifen von externen Signalen (vor den Effekten) sowie zwei Audioausgänge, einmal mit Effekten und einmal trocken und allesamt als 6,3-mm-Monoklinke ausgelegt. Über vier CV-Eingänge können Sie mit einem Sequenzer oder anderem analogen Equipment die Filterfrequenz oder die Effekte modulieren. CV/Gate zum Spielen des Synthesizers gibt es nicht, dies ist bei einem polyphonen Synthesizer aber auch schwieriger umzusetzen bzw. würde eine vierfache Ausführung erfordern. Angesteuert wird der Abyss daher allein über den MIDI-Eingang, der neben Notenlänge, Tonhöhe und Anschlagdynamik auch Modulationsrad-Daten und MIDI-Controller für Sustain/Hold (CC64) und Portamento an/aus (CC63) verwerten kann. Es verbleiben eine MIDI-Through-Buchse, der Anschluss für das externe Netzteil sowie eine Reihe von DIP-Schaltern. Über dieses „Mäuseklavier“ stellen Sie den MIDI-Kanal ein, aktivieren Auto- und Finetune sowie eine Verzögerung der LFO-Modulation und getrennte Hüllkurven bei multitimbraler Spielweise.

Vier VCO mit Waveshaper

Jede der vier Stimmen der rein analogen Klangerzeugung basiert auf einem Oszillator mit zusätzlichem Suboszillator. Der VCO bietet die Wellenformen Pulswelle mit regelbarer Weite, Rechteck, doppelter und einfacher Sägezahn sowie ein sehr durchsetzungsfähiges weißes Rauschen. Zwischen den Wellenformen kann mit dem Wave-Regler, Modulationsrad oder LFO frei übergeblendet werden. Jeder Oszillator verfügt über zwei eigene LFO für Pulsweitenmodulation und Vibrato, Modulationstiefe und Geschwindigkeit sind separat regelbar. Zwei Schiebereglern sind für die Stärke des Suboszillators sowie Portamento zuständig. In der Detune-Sektion können Sie die vier Oszillatoren sowie die Phasen der vier LFO gegeneinander verstimmen, was fette und lebendige Sounds ermöglicht. Alternativ kann der Regler für LFO Detune auch den Einsatz des Vibratos verzögern, um ein klassisches String-Ensemble nachzubilden.

Tiefpass-Filter mit Velocity-Steuerung

Das Tiefpass-Filter mit 24 dB Flankensteilheit klingt wie von Dreadbox bekannt warm, rund und packt kräftig zu, dünnt bei höherer Resonanz aber etwas aus. Es verfügt über eine eigene ADSR-Hüllkurve und kann auch durch einen oder beide globalen LFO moduliert werden. Als Besonderheit lässt sich das Filter per Anschlagdynamik steuern. Sie haben dabei die Wahl, ob die Anschlagstärke auf die Geschwindigkeit der Attackphase oder auf die Stärke der Modulation durch die Hüllkurve wirken soll. Drehen Sie den hierfür zuständigen Regler nach links, sorgen niedrige Velocity-Werte für eine lange Einschwingphase und hohe Werte für einen kurzen Attack. Drehen Sie den Regler nach rechts, steuern Sie mit Ihrem Anschlag die Hüllkurvenmodulation der Filterfrequenz. Beide Optionen erlauben ein sehr dynamisches Spiel, vor allem im Poly-Modus. Hinter dem Filter sitzt ein Operationsverstärker im Signalweg. Er verfügt ebenfalls über eine ADSR-Hüllkurve, mit dem großen Drive-Knopf treiben Sie den Sound in die Sättigung bis hin zur Verzerrung.

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LFO & FX

Abyss besitzt neben den zwei LFO je Oszillator noch zwei weitere analoge LFO (A und B), die jeweils über die Wellenformen Rechteck, Rampe, Sägezahn und Dreieck verfügen und getrennt in der Geschwindigkeit regelbar sind. Diese beiden LFO können die Filterfrequenz oder die Effekte modulieren. Ein weiterer Regler bestimmt, ob das Modulationsrad die Geschwindigkeit oder Stärke des Vibratos oder die Wellenformauswahl direkt oder per LFO beeinflusst.

Abyss bietet neben Drive noch drei weitere Effekte. Reflector basiert auf einem 1054 BBD Delay mit einer einstellbaren Verzögerungszeit von 5 – 50 ms, Feedback und Mischverhältnis sind regelbar. Bei Modulation durch LFO A sind damit jede Menge verschiedener Effekte möglich, von Chorus über Flanger bis hin zu Tape- und Space-Delay. Dahinter geschaltet ist ein weiteres Delay mit hybridem Schaltkreis und eher gedämpftem Charakter im Stil des Erebus. Die Verzögerung reicht von 40 – 200 ms, das Feedback geht bis zur Selbstoszillation und eine Modulation per LFO B ist möglich. Den Abschluss bildet ein Phaser, der in Feedback und Einsatzfrequenz angepasst werden kann und ebenfalls mit LFO B modulierbar ist.

Flexible Stimmenverteilung

Der Abyss lässt sich nicht nur klassisch polyphon spielen, sondern bietet drei weitere Optionen zur Verteilung der vier Stimmen. Multi Channel versetzt Abyss in einen multitimbralen Modus, jede Stimme lässt sich dann per eigenem MIDI-Kanal ansprechen. Wenn Sie jetzt hoffen, dass Sie auf diese Weise Abyss als vier eigenständige Mono-Synthesizer nutzen können, wie es z.B. beim Vermona PERfourMER möglich ist, müssen wir Sie leider enttäuschen. Denn die wesentlichen Klangparameter teilen sich die vier Sounds auch im Multi-Channel-Modus. Zumindest lassen sich bei per DIP-Schalter aktiviertem multi-timbralen Modus aber unterschiedliche Hüllkurvenverläufe für jede der vier Stimmen einstellen, was spannende dynamische und rhythmische Sequenzen erlaubt. Unison schichtet die vier Stimmen zu einem fetten Sound; auch der obligatorische Supersaw-Trancelead ist bei entsprechender Verstimmung in der Detune-Sektion möglich. Der Chords-Modus erlaubt das Spielen von bis zu vierstimmigen Akkorden mit einer Taste. Sechs vorgefertigte Varianten von Oktave über Quinte bis hin zu Dur, Moll und Septakkord stehen zur Verfügung. Variante 7 können Sie mit einem eigenen Akkord belegen, Abyss merkt sich hierfür die letzten vier von Ihnen gespielten Noten.

Klang und Eignung des Dreadbox Abyss

Sofort nach dem ersten Anspielen hört man den typischen Dreadbox-Charakter heraus. Es gibt aktuell kaum eine andere Firma, die es schafft, ihre Synthesizern mit solch einem überzeugenden Vintage-Analog-Sound auszustatten. Auch ohne umfangreiche Modulationen lebt der Sound und klingt nie langweilig oder statisch. Dies zahlt sich insbesondere bei polyphoner Spielweise aus. Ein großer Vorteil des Abyss sind dabei auch die Modulationsmöglichkeiten per Modulationsrad und Anschlagdynamik. Wenn Sie beispielsweise mit dem Modulationsrad zwischen den Wellenformen überblenden und gleichzeitig die Einschwingzeit der Filterhüllkurve per Anschlagdynamik variieren, gelingen sehr organische und atmosphärische Sequenzen. Die vier LFO erlauben auch spannende rhythmische Drones und Pads, insgesamt ist der Abyss – wenig verwunderlich – eher für atmosphärische Leads, Flächen und andere Ambient-Sounds geeignet und weniger für dicke Bässe und schneidende Leads – für Letzteres hat Dreadbox ja den Hades und NYX im Programm. Während die eingebauten LoFi-Effekte für schräge Sounds und Vintage-Charakter sorgen, reagieren auch externe hochwertige Effekte und Plug-ins sehr gut auf die rein analoge Klangerzeugung und lassen den Abyss richtig teuer klingen. Zu beachten ist aber, dass der Abyss ein typischer Dreadbox-Synth ist. Der reine Grundklang ist daher eher rau und wirkt auch bei heruntergedrehtem Drive schnell ein klein wenig angezerrt. Auch die Oszillatoren klingen zwar warm, rund und dick, aber nicht so sauber, rein und klar wie bei anderen Synthesizern insbesondere modernerer Bauart. Wer es etwas flexibler und durchsichtiger möchte, für den sind Prophet oder Mopho von DSI eventuell die bessere Wahl.

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Alternativen zum Dreadbox Abyss

Und damit sind wir auch bei möglichen Alternativen. Während analoge polyphone Synthesizer vor ein paar Jahren noch rar auf dem Markt waren, hat sich dies mittlerweile grundlegend geändert. So bekommen Sie jetzt für ungefähr den gleichen Preis einen Behringer Deepmind 12 mit zwölf analogen Stimmen und deutlich überlegener Ausstattung inklusive Sequenzer, Stereo-Multieffektgeräten und WLAN-Anbindung. Allerdings hat der Grundklang des Deepmind nicht annähernd den kompromisslosen analogen Vintage-Charakter des Abyss, und auch die Bedienung und Verarbeitung kann mit dem Dreadbox-Synthesizer nicht mithalten. Dichter dran sind da schon DSI Mopho X4 und Prophet08 bzw. dessen Neuauflage REV2, die sehr organischen und lebendigen Analogsound bei guter Ausstattung bieten, deren DCO aber etwas sauberer und gezügelter klingen. Eine preisgünstige Alternative wäre der Korg Minilogue, der einen ähnlich rauen Klangcharakter hat, aber nicht ganz die Tiefe und Ausdrucksstärke des Abyss erreicht. Der Analog Four von Elektron bietet eine flexible Klangerzeugung, die neben modernen Elektroniksounds auch atmosphärische Klänge ermöglicht, die Bedienung am Gerät ist aber deutlich komplizierter als beim Abyss. Nicht übersehen werden sollten auch Rolands virtuell-analoge ACB-Synthesizer vom (mit unter 300 Euro sehr preiswerten) JX-03 bis hin zum Flaggschiff System-8, die allesamt sehr warmen und lebendigen polyphonen Sound liefern.

Klanglich am ehesten vergleichbar ist aber aus unserer Sicht der Vermona PERfourMER, der ebenfalls überzeugenden Vintage-Sound liefert und mit seinen vier Synthesizerkanälen auch als vier vollwertige Mono-Synthesizer genutzt werden kann. Dafür müssen Sie auf eingebaute Effekte und die umfangreichen Modulationsmöglichkeiten des Abyss verzichten.

Fazit

Wer die anderen Dreadbox-Synthesizer kennt, der weiß, was ihn klanglich erwartet: warmer und kompromissloser Analogsound, der einfach fetter und voluminöser klingt als die meisten anderen neueren Analogsynthesizer. Dafür müssen Sie auf Speicherbarkeit, MIDI-Steuerung aller Parameter, USB-Anschluss und andere moderne Features verzichten, dies nehmen wir für diesen Sound aber gerne in Kauf. Die stufenlos wählbaren Wellenformen und das kräftige Tiefpassfilter erlauben in Verbindung mit den LFO sowie der Steuerung durch Modulationsrad und Velocity sehr organische und dynamische Sounds, auch wenn nur ein VCO pro Stimme zur Verfügung steht. Dabei fühlt sich Abyss vor allem im Bereich der Ambient-Klänge zu Hause, atmosphärische Flächen sowie polyphone Leads im Vangelis-Stil sind seine Stärken. Während die eingebauten Effekte mit LoFi-Charme und Modulierbarkeit per CV überzeugen, kann der Abyss bei nachgeschalteten edlen Effekten auch richtig teuer klingen. Ganz billig ist das in kleiner Auflage handgefertigte Gerät zwar nicht, und es gibt in dieser Preisklasse auch einige umfangreicher ausgestattete Synthesizer. Wer aber den eigenständigen und charaktervollen Sound von Dreadbox mag, für den gibt es kaum eine ernsthafte Alternative zum Abyss.

Dieser Artikel ist in unserer Heft-Ausgabe 140 erschienen.

Produktdaten
ProduktnameAbyss
HerstellerDreadbox
Preis1199 €
Webseitedreadbox-fx.com
Bewertung4.15/5 Sterne
Pro
  • Vintage-Analogklang
  • flexible Stimmverteilung
  • umfangreiche Modulationen
  • dynamisch spielbar
  • 4 integrierte Effekte
  • CV-Modulationseingänge
Contra
  • eingeschränkte Klangerzeugung
Bewertung
1.9
gut