Erica Synths Fusion Box im Test: Darum ist diese Röhren-Effektbox so einzigartig

Quelle: http://www.beat.de/test/erica-synths-fusion-box-test-darum-diese-roehren-effektbox-so-einzigartig-10072557.html

Autor: Jan Wilking

Datum: 27.10.17 - 08:20 Uhr

Erica Synths Fusion Box im Test: Darum ist diese Röhren-Effektbox so einzigartig

Die Fusion Box von Erica Synths sorgt mit analoger BBD-Schaltung für jede Menge schräge und einzigartige Echo- und Modulationseffekte. Braucht man so eine Effektkiste dann?

Features:

  • analoges Desktop-Effektgerät
  • Echo, Chorus
  • Flanger, Phaser
  • Vintage-Ensemble Stereo-Effekt
  • Röhrenverzerrung
  • FX-Send- & Return-Buchsen
  • Fußschalter-Buchse
  • zwei BBD-Chips (1024 / 4096 Stages)
  • Lowpass Filter für extremen Subbass Sound

Die lettische Firma Erica Synths dürfte Analog-Liebhabern bereits aufgrund einiger Eurorack-Module bekannt sein, vor allem die Nachbauten des russischen Analog-Klassikers Polivoks erfreuen sich großer Beliebtheit. Mit der Fusion Box verlässt Erica Synth das Eurorack und präsentiert einen Stand-alone-Multi-Effekt im Desktop-Gehäuse. Die Fusion Box ist ein vollanaloges Echo-, Chorus- und Ensemble-Effektgerät mit Röhren-Overdrive und integriertem Tiefpassfilter. Die verbauten BBD-Chips eignen sich in Verbindung mit den phasenverschobenen Kanälen hervorragend, um metallische Klangfärbungen und breit-wabernde Stereoeffekte zu erzeugen.

Erica Synths Fusion Box: Gute Haptik

Die Fusion Box ist mit 19 mal 14 mal 6 Zentimetern und 700 Gramm sehr kompakt und leicht ausgefallen. Die acht Regler sowie die zwei Schalter sind aber ausreichend groß und bieten eine gute Haptik, die weiße Beschriftung erleichtert das Ablesen auch bei schlechteren Lichtbedingungen. Unübersehbar prangt in der Mitte die Röhre, die für Sättigung und Verzerrung zuständig ist. Auf der Rückseite des robusten mattschwarzen Gehäuses finden Sie neben dem Anschluss für das externe Steckernetzgerät und dem Ein-/Ausschalter den Pegelregler, der um bis zu +48dB verstärken kann und damit auch den Anschluss von Gitarren oder anderen Instrumenten mit niedrigem Pegel erlaubt. Es folgt der Mono-Eingang für das zu bearbeitende Audiosignal, alternativ kann die Fusion Box über den FX-Loop-Anschluss auch als Insert-Effekt eingebunden werden. Über ein angeschlossenes Fußpedal können Sie den Effekt ein und ausschalten. Den Abschluss bildet der Stereoausgang.

Direkte Bedienung

Bedient wird der Effekt über acht große und griffige Regler. Auf der rechten Seite passen Sie den Eingangspegel an und stellen das Mischverhältnis zwischen Original und Effekt ein. Darüber liegen die beiden Regler für Verzögerungszeit und Anzahl der Verzögerungen (Feedback). Per Schalter wählen Sie zwischen kurzen und langen Verzögerungszeiten, bei Letzterem wird der per Regler eingestellte Wert mit dem Faktor 9 multipliziert. Ein weiterer Schalter aktiviert die Bypass-Funktion, wenn kein Fußschalter angeschlossen ist. Die Delay-Zeit kann per eingebautem LFO moduliert werden, Geschwindigkeit und Stärke der Modulation lassen sich mit den Reglern auf der linken Seite einstellen. Der Colour-Knopf regelt die Filterfrequenz des Tiefpassfilters, und Overdrive ist für die Stärke der Röhrenverzerrung zuständig.

Eimerkettenspeicher in der Fusion Box

Im Innern der Fusion Box werkeln zwei BBD-Chips mit 1024 und 4096 Stages. Bis vor wenigen Jahren war der Begriff Bucket Bridge Device oder abgekürzt BBD bestenfalls Gitarristen ein Begriff. Denn diese Urform des analogen Delay fand man in erster Linie in Fußtreter-Effekten. In den letzten Jahren wurde der Effekt aber auch in einigen Synthesizern wie Dreadbox Erebus oder Arturia MatrixBrute verbaut und hatte maßgeblichen Anteil an dem charaktervollen Klang dieser Geräte. Bucket Bridge heißt übersetzt Eimerkette und tatsächlich orientiert sich die zugrunde liegende Schaltung an der Feuerlöschtechnik, bei der das Löschwasser per Eimer von der Wasserquelle über einer Kette von Menschen weiter zum Feuer gereicht wird. Bei der analogen Schaltung werden wie bei einer Eimerkette die Ladungen der einzelnen Bauteile von einem zum anderen weitergereicht, der Transport wird dabei von einem Taktgenerator synchronisiert. Und wie bei einer echten Eimerkette bleibt es nicht aus, dass aufgrund der vielen Übergaben (bis zu 4096!) auch mal kleinere Mengen daneben gehen und verschüttet werden. Im Audiobereich macht sich dies durch Ungenauigkeiten, Nebengeräusche sowie Frequenzverluste und -schwankungen bemerkbar. Aber genau diese Unperfektheit macht den Charme eines analogen BBD-Effekts aus, der dadurch für unser Ohr organischer, wärmer und runder klingen kann als eine perfekte zeitverzögerte Reproduktion des Originals.

FX galore

Die Fusion Box beherrscht alle gängigen Verzögerungseffekte, von sehr kurzen bis zu etwa 800 ms langen Echos bis hin zu Chorus und Flanger. Das Feedback kann bis zur Selbstoszillation hin aufgedreht werden, mithilfe des Tiefpassfilters lassen sich typische analoge Echos mit dumpfer werdenden Wiederholungen erzeugen. Als Besonderheit reproduziert Fusion Box auch den aus alten Synthesizern und String Machines bekannten Stereo-Ensemble-Effekt. Hierbei wird das bearbeitete Signal am Ende der Signalkette phasengedreht auf den zweiten Kanal kopiert, was besonders breite Stereoeffekte ermöglicht. Dies ist natürlich nur sehr eingeschränkt monokompatibel, aber für audiophile Feingeister und HiFi-Enthusiasten ist die Fusion Box ohnehin nichts.

Denn insbesondere bei vollaufgedrehtem Filter und nachgeschaltetem Verzerrer rauscht und knarzt es an allen Ecken. Und bei heruntergeregeltem Tiefpass und hohem Feedback lassen sich problemlos auch ohne angeschlossene Signalquelle tiefe Drones erzeugen. Genau dieses dreckige, oftmals schwer vorhersehbare Verhalten macht aber auch den Charme gegenüber blitzsauberen High-End-Effekten aus. Wichtig ist allerdings, dass Sie die Fusion Box nicht mit zu komplexem Klangmaterial füttern, sonst endet das Ganze schnell in einem wilden Klangbrei. Einen simplen Drumcomputer-Beat zu einem metallischen Industrial-Loop verfremden oder einer statischen und sterilen Minimal-Sequenz mehr Leben, Breite und Bewegung einprügeln, das kann die Fusion Box wie kaum ein anderer Effekt. Die Fusion Box entfaltet ihr Potenzial aber erst richtig, wenn Sie den Effekt wie ein Instrument „spielen“, also aktiv über die Regler in den Sound eingreifen und mithilfe des Bypass-Schalters und des Dry/Wet-Reglers an den richtigen Stellen die passenden Akzente setzen. Etwas Einarbeitungszeit müssen Sie daher einplanen.

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Fazit

Die Fusion Box ist ein sehr eigenständiges Effektgerät, das sich vor allem für härtere und experimentelle Musikstile empfiehlt. Die Mischung aus analogen Verzögerungseffekten inklusive Stereo-Ensemble und Röhrenverzerrung ermöglicht jede Menge schräger und breiter Effekte bis hin zur völligen Verfremdung des Eingangsignals. Bei kurzen Delay-Zeiten lassen sich schön metallische Sounds erzeugen, mit dem Tiefpassfilter sind auch fette Bässe möglich und irgendwie verzerrt klingt es eigentlich fast immer. Auch nach mehrtägiger Nutzung überraschte uns die Fusion Box immer wieder mit einzigartigen Ergebnissen, die allerdings meist schwer voraussehbar waren und oftmals durch Zufall entstanden sind – was ja durchaus seinen Reiz hat!

Dieser Test wurde in unserer Heft-Ausgabe 143 veröffentlicht.

Produktdaten
ProduktnameFusion Box
HerstellerErica Synths
Preis525 €
Webseiteericasynths.lv
Bewertung4.15/5 Sterne
Pro
  • analoge BBD-Schaltung
  • bis 800 ms Verzögerungszeit
  • Röhrenverzerrung
  • Tiefpassfilter
  • Stereo-Ensemble
  • eigenständiger Klang
  • gute Haptik und Verarbeitung
Contra
  • teilweise starke Nebengeräusche
Bewertung
1.9
gut