Interview mit Tin Man - Das goldene Zeitalter des Acid

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Johannes Auvinen hat sich als Koch und Bühnenbildner verdingt, mit Klassikmusikern gespielt und seine RnB Wurzeln erkundet. Doch zieht es ihn immer wieder zu seiner großen Liebe zurück: Dem Acid-Techno, den er unter dem Namen Tin Man so tief und leidenschaftlich erkundet hat wie kaum ein Anderer. Auf „Dripping Acid“ setzt Auvinen dem Genre nun ein episches Denkmal – und sich selbst gleichzeitig auch.

Tin Man (Bild: Christiano Tekirdali)

Beat / Du scheinst in deiner Kindheit einen sehr engen Bezug zur bildenden Kunst gehabt zu haben. Wie hat sich das geäußert?
Tin Man / Kunst war überall in unserem Haus präsent. Es gab Gemälde und Skulpturen, Drucke von Picasso und Dalí. Als ich noch sehr jung war, haben wir das MoMA in San Francisco besucht, so bin ich zum ersten Mal mit einer großen Stadt und Kultur in Kontakt gekommen.

Beat / Hat dir etwas besonders gefallen?
Tin Man / Heny Moore und Robert Rauschenberg. Ich war auch fasziniert von Bruce Naumen's leuchtendem Neonsymbol „The True Artist Reveals Mystic Truths“. An der Schule hat man dann meine eigenen Zeichnungen und Gemälde gefördert, bis ich dann irgendwann an die Kunstschule in Los Angeles gegangen bin, um bei meinem damaligen Helden, dem Performance-Künstler und Bildhauer Paul McCarthy zu studieren.

Beat / Du bist also in gewisser Weise schon als Künstler aufgewachsen. Wie hat dich das beeinflusst, meinst du?
Tin Man / Ich glaube, es hat mir eine sensible und kritische Überzeugungskraft gegeben. Als ein künstlerischer Typ verfüge ich über ein sehr spezielles Wissen über die historischen und theoretischen Aspekte der Künste. Ich glaube, ich passe auch in das Klischeebild eines nachdenklichen und launischen Künstlers. Aber das soll jetzt nicht heißen, dass ich eine sehr starre Sicht auf die Kunst habe. Ich finde, man kann sich der Kunst nähern, wie man es selbst möchte. Gerade lese ich zum Beispiel eine Kunstgeschichte des Realismus, ein Buch über [den italienischen Renaissance-Maler] Giotto und ein Werk über die Grundlagen der Metaphysik. Wenn ich mich einem Thema nähere, nehme ich in gewisser Weise einen Schritt zurück. So kann ich die kleinen Punkte zu einem größeren Gemälde verbinden.

Beat / Du bist dann aber nicht sofort Künstler geworden, sondern erst einmal Bühnenbildner und Koch. Vielleicht nicht ganz offensichtliche Jobs, aber irgendwo sind es auch kreative Berufe. Siehst du Verbindungen zu deiner späteren Arbeit als Musiker?
Tin Man / Ja, in gewisser Weise schon. Bei all diesen Berufen geht es darum, eine ungenaue Idee in ein fertiges Produkt zu verwandeln. Hinter den Jobs steht immer auch eine Infrastruktur, die aus Geschäftskunden, Finanzierungsfragen und Überstunden besteht … Bei selbständigen Künstlern spielt all das genau so eine Rolle, nur sind diese Faktoren nicht ganz so klar ersichtlich. Das ist mir aber erst klar geworden, nachdem ich verschiedene solcher Tätigkeiten durchlaufen habe.

Beat / Wahre künstlerische Unabhängigkeit gibt es also gar nicht?
Tin Man / Du arbeitest doch immer innerhalb bestimmter Rahmenbedingungen. Im Restaurant bestanden diese meistens darin, den Plan zu erfüllen, ohne dabei alles zu vermasseln oder an Erschöpfung zu sterben. Wir haben saisonal gekocht und mussten einen vollen Monat in die Vorbereitungen und Organisation investieren. Am Ende eines Abends habe ich dann die Befriedigung gespürt, viele Mahlzeiten serviert und die Küche für den nächsten Tag sauber gemacht zu haben. Das ist ein Unterschied zur Kunst, in der die Belohnungen eher undeutlicher sind und du ständig ganz neue Konzepte ersinnen musst. Da war der Bezug zum Bühnenbild klarer. Bei dem Job ist es ein tolles Gefühl, aus recht vagen Vorgaben ein detailliertes Produkt zu erstellen. Das ist nicht ganz unähnlich wie in der Musik, wo du unzählige Details bearbeiten musst, damit sich alles zusammen fügt. Du wechselst ständig zwischen der Makro- und Mikro-Ebene hin und her. Wie viel von diesem Gewürz, wie viel von den anderen? Passt es zum Rezept? Kann es das Gericht zu etwas Besonderem machen?

Beat / Du hast gerade zu Anfang so viele verschiedene Dinge ausprobiert, dass es bemerkenswert ist, dass du der Musik dann bis heute treu geblieben bist.
Tin Man / Ich habe mich tatsächlich oft gefragt, ob meine Leidenschaft für Musik Bestand haben wird. Zum Glück hat sie das. Aber diese Sorge hat auch etwas für sich gehabt. Ich hatte ständig das Gefühl, dass ich unter Druck stand, dass ich alles korrekt und ehrlich machen und neue Ansatzpunkte entdecken musste. Dieses Interesse ist für mich in gewisser Weise schon spannend genug. Jetzt hoffe ich nur, dass es sich nicht auflösen wird.

Equipment aus Ersparnissen

Beat / Mit was für einem Set-Up hast du angefangen, als du um das Jahr 2004 herum zum ersten Mal als Tin Man dein erstes Album „Places“ veröffentlicht hast?
Tin Man / Ich hatte zu dem Zeitpunkt bereits mit den Ersparnissen meiner Jobs in Los Angeles eine Menge Equipment gekauft. Ich hatte einen Roland CR-8000, eine 707 und ich glaube auch schon eine 808. Ansonsten noch ein RE-501 Space Echo, einen Eventide H949 sowie ein Lexicon LXP-1 Effektgerät. An Synthies hatte ich eine 303, einen Yamaha CS-15 und einen ARP Axxe. All diese Geräte kannst du auf dem „Places“-Album hören. Dazu habe ich mit meinem MiniDisc kurze Loops erstellt und Flächen mit dem Rechner komponiert. Zum Schluss habe ich alles dann über ein Mackie 1604 auf DAT abgemischt. So bin ich auch für das „Acid Acid“-Album und die „Keys of Life Acid“-12inch vorgegangen. In den ersten fünf Jahren habe ich einfach nur alles mögliche ausprobiert und die Musik nachempfunden, die mich inspiriert hat.

Beat / „Places“ war ja interessanterweise kein Acid-, sondern eher ein Ambient-Drone-Album. Wie kam es dazu?
Tin Man / Es gab verschiedene Einflüsse. Ich hatte schon seit einiger Zeit angefangen, Platten zu sammeln. Viele davon hatte ich in billigen Gebrauchtwarenläden gefunden und sie gingen in die Ambient-Richtung: Edgar Froese, Tangerine Dream, John Carpenter und Tomita, zum Beispiel. Ich habe mich gleichzeitig auch sehr für Noise und Computer-Musik interessiert. Labels wie Sähkö, Mego und Touch waren damals wichtig für mich. Passend dazu habe ich mich von der Literatur von Borges und von den Filmen von Tarkovsky an andere Orte transportieren lassen. Für mich war „Places“ als Ambient-DJ-Tool angelegt und hat alle diese verschiedenen Interessen miteinander verwoben. Und natürlich war es auch ein hervorragender Ansatzpunkt, um in Sachen Sound Design voran zu kommen, während ich mein Studio um immer mehr Geräte erweiterte.

Beat / Du hast einmal gesagt, dass die 303 immer eine Geschichte erzählt. Was hast du damit gemeint?
Tin Man / Man verwendet die 303 meistens so, dass man den Tiefpassfilter von dunkel nach hell dreht, von 0 auf 100. Darin sehe ich bereits eine Art erzählerische Struktur: Die Dinge beginnen ruhig und werden zunehmend intensiver, bewegen sich auf ein Crescendo und eine Auflösung hin. Die Modulation anderer Parameter, einschließlich der Effekte, fügt dieser narrativen Struktur dann weitere Aspekte hinzu.

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Beat / Meinst du, man kann auch Acid ohne eine 303 machen?
Tin Man / Es ist eine Frage deiner Definition des Begriffs „Acid“. Natürlich kann man sagen: Acid besteht aus den quatschenden, schlitternden, aufblühenden und fremdartigen Lauten der 303. Man kann aber auch sagen: Acid besteht darin, Regeln zu brechen und dich zu irritieren. Und wenn du den letzteren Standpunkt vertrittst, gibt dir das eine Menge mehr Flexibilität. Ich benutzte die 303 übrigens immer noch. Irgendwie ist sie eine Erweiterung von mir selbst. Ich fühle mich mir ihr verbunden.

Beat / Diese Idee, Regeln zu brechen ist in der Tat sehr passend für Acid. Das ganze Genre basiert schließlich auf einer Art Missverständnis.
Tin Man / Genau, dieses Knöpfchendrehen an der 303 war ein Missbrauch der Technologie. Aber daraus ist eine neue Syntax enstanden, die uns mehr Ausdrucksmöglichkeiten gegeben hat. In den 80ern war es überhaupt üblich, Parameter, die überhaupt nicht zum Musikmachen gedacht waren, um zu deuten und sie zum zentralen Ausdrucksmittel zu machen. Aber das ist keineswegs neu. Wenn ich Bach höre, dann merke ich, wie die Möglichkeiten des Keyboards als Interface seine Kompositionen beeinflusst haben. Bei Jimi Hendrix ist es ähnlich: Er hat Feedback und Tremolo genutzt, um mit einer persönlichen und neuen Stimme zu sprechen.

Beat / Was gibt dir im Vergleich zur 303 die 707?
Tin Man / Sie tritt dir in den Brustkorb. Dieser spezielle Chicago-Sound der 707 verführt dich dazu, zu „jacken“. Irgendwie funktioniert sie einfach.

Beat / Ein Aspekt, der in deiner Musik immer wieder zum Mittelpunkt wird, ist die musikalische Verwendung von Raum. Warum eignet sich Acid dafür besonders gut?
Tin Man / Es gibt eine lange Tradition, Raum als einen Effekt ein zu setzen. Für mich beginnt diese Tradition im Rock Steady, [einem der Vorläufer von Reggae und Dub]. Es gibt eine wunderschöne Melancholie, wenn du den Harmoniegesang eines von R&B beeinflussten Rock-Steady-Songs dubbst. Im Acid gibt es eine Aufeinanderschichtung von Energien durch Modulation. Du kannst in Acid Raum zu verschiedene Zwecken verwenden, um verschiedene Aspekte dieser Schichtungen zu betonen: Du kannst sie größer machen, dampfförmiger, sie näher heranbringen oder sie weiter weg schieben. In Loop-basierter Musik ist Zeit ein Mysterium aus Übergängen und Stillstand.

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Groove und Klangfarbe

Beat / Effekte werden bei solchen Operationen zu Instrumenten. Das wird ganz besonders wieder auf deinem neuen Album „Dripping Acid“ deutlich. Welche Effekte sind für dich am inspirierendsten?
Tin Man / Groove und Klangfarbe sind die wichtigsten Aspekte im Acid. Deswegen sind diejenigen Effekte am wichtigsten, die sich auf die Dauer und das Timbre eines Klangs beziehen. Solche Effekte können deinen Fokus verändern und die Akzentuierung – oder sie können auch einfach nur Sounds fremdartiger machen. Auf „Dripping Acid“ habe ich zudem einige Gitarren-Pedale eingesetzt: Ein fixiertes Wha-Wha, einen Phaser, einen analogen Chorus, und Bandpassfilter. Ich habe auch den Eventide H3000 verwendet, der sich hervorragend für Zeit, Farbe und Raum-Effekte eignet, die miteinander verbunden sind. Die Algorithmen des H3000 erlauben es dir, eine Art granulares Delay zu erzeugen, bei dem du jedes einzelne Klangkörnchen einzeln auf sein Timbre und seine räumliche Platzierung bearbeiten kannst. Und natürlich nutze ich auch Ableton's Filter Delay.

Beat / Nimmst du grundsätzlich in Echtzeit auf?
Tin Man / Bei meinen Acid-Stücken ja, weil die Knöpfe in Echtzeit gedreht werden müssen. Ich entwerfe Sounds so, dass sie die 303-Linie ergänzen und dann dubbe ich sie. Das Abmischen besteht im Wesentlichen nur noch darin, aus den Arrangements alles Überflüssige zu entfernen. Manchmal füge ich später noch zusätzliche Elemente hinzu, aber die Essenz eines Tracks muss bereits ganz zu Anfang stehen. In der Hinsicht ähnelt die Herangehensweise sehr meinem Live-Ansatz. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass ich in einer Live-Situation die Party zum Klimax bringen muss, während ich im Studio einfach nur ich selbst zu sein brauche.

Beat / Ganz egal, wie flexibel man Acid definiert, die klangliche Palette bleibt trotzdem recht eingeschränkt. Worin besteht nach all diesen Jahren der andauernde Reiz von Acid für dich?
Tin Man / Wie in der Malerei kannst du dich endlos auf bestimmte Details einschießen oder dich auf allgemeinere Faktoren konzentrieren. Die eigentliche Frage ist: Was ist eigentlich das Objekt, auf das du dich beziehst? Für mich hat ein Genre eine eigene Geschichte und eine eigene Form. Es wird von verschiedenen Aspekten definiert, von einer sozialen Seite, einer persönlichen Seite und auch einer technischen. All diese Aspekte beeinflussen deine Entscheidungen. Und du kannst ständig deinen Fokus von einem dieser Bereiche zum nächsten verschieben. Wenn du das machst, können plötzlich Ideen, die sich zu widersprechen scheinen, ganz wunderbar zusammen passen. Stell dir vor, du betonst gleichzeitig die Underground-Club-Seite einer Stilrichtung und Elemente, die für das Hören zu Hause geeignet sind. Von dieser Komplexität lebt die Kunst.

Beat / Bei „Dripping Acid“ scheinst du vor allem den Fokus auf die Wurzeln des Genres gelegt zu haben. Auf „Perfume“ und „Vienna Blue“ hattest du dich eine Zeit lang sehr weit davon entfernt.
Tin Man / Stimmt. Auf „Perfume“ und „Vienna Blue“ habe ich stilistisch expandiert und mit dem Singer/Songwriterformat gespielt. Auf „Perfume“ habe ich meine R&B Einflüsse erkundet und „Vienna Blue“ war eine Gelegenheit, mich von dem analogen Synthesizer-Studio zu entfernen. Es gab da auch bestimmte „Head Spaces“, die ich erkunden wollte. Vor allem auf „Vienna Blue“ habe ich meine Gefühle bezüglich meines neuen Wohnorts verarbeitet. Ich bin nach Wien gezogen und war plötzlich ein Bohemien. Es waren einige harte Jahre für mich, aber gleichzeitig ging von diesem Dasein als ein sich durchbeißender Künstler auch ein Reiz aus, dieses ständige Umgebensein von Kunst und das Ausleben meines Wunsches Musik zu machen. Ich habe Musiker getroffen und mich von den DJs inspirieren lassen, die im Donau-Club aufgelegt haben – und die interessanterweise im allgemeinen sehr von Detroit beeinflusst waren. Ich habe Zeit in der Kunstszene verbracht und viele junge Künstler kennen gelernt. So kamen die Dinge für „Vienna Blue“ ganz natürlich zusammen. Ich hatte irgendwann einen Job, bei dem ich Elektronik mit einem Trio aus Violine, Cello und Clarinette gespielt habe. Alles lief über Physical Modelling und mir haben die Klangfarben gefallen, die ich mit dieser Gruppe erkunden konnte.

Beat / Kann man von „Vienna Blue“ als deiner klassischen Platte sprechen?
Tin Man / Ich werde solche Einschätzungen immer herunter spielen, weil sich die Musik gegenüber richtiger klassischer Musik nicht behaupten kann. Ich habe das eher als eine Art kitschige Postkarte gesehen, die ich aus Wien schreibe. Ich stehen dem klassischen Erbe der Stadt auch ambivalent gegenüber. Ich habe mich immer für die Musik unserer Zeit interessiert und ich fühle mich in keinster Weise schuldig dafür, dass ich lieber zu DJ-Gigs gehe als zu einem Kammermusikkonzert. Schubert war großartig und Bach vielleicht der beste Komponist aller Zeiten. Aber mein Leben spielt sich eben im Zeitalter des Acid ab.

Beat / Und „Dripping Acid“ zelebriert dieses Zeitalter wie kein Werk vorher in deiner Diskographie.
Tin Man / Als die Fäden des Albums zusammenkamen, habe ich bemerkt, dass dies wirklich zu 100% eine Tin-Man-Scheibe werden würde. Und das hat sich gut angefühlt. Ich habe damit den Tin Man Sound gewissermaßen total überbetont – und in zehn Jahren werde ich darauf zurück blicken und glücklich darüber sein.

www.tinmanmusic.com

Diskographie:

  • Places / 2004
  • Acid Acid / 2005
  • Scared ‎/ 2010
  • Perfume / 2011
  • Vienna Blue / 2011
  • Neo Neo Acid / 2012
  • Ode / 2014
  • Dripping Acid / 2017

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