Inspirierend: Underworld​ im Porträt

Quelle: http://www.beat.de/news/inspirierend-underworld-portraet-10066344.html

Autor: Tobias Fischer

Datum: 28.04.17 - 12:00 Uhr

Inspirierend: Underworld​ im Porträt

In über einem Vierteljahrhundert haben Karl Hyde und Rick Smith als Underworld eine musikalische Sprache entworfen, die weit über die Fusion von Techno und Rock hinausgeht. Maßgeblich für diesen Sound waren Hydes Texte und die Suche nach der Zerstörung des Bewusstseins. Auf dem aktuellen Studio-Album ist die Band dabei weiter gegangen als je zuvor – und hat gerade dadurch zu sich selbst gefunden.

Der freundliche, etwas erschöpft aussehende Mann, der mir gegenübersitzt, liest mir das Gedicht eines berühmten amerikanischen Dramatikers vor, das ihm sehr wichtig ist. Er hat das Buch – mit Eselsohren an den Ecken und den Spuren unzähliger Lesestunden – aus dem obersten Fach seines Koffer entnommen. In wenigen Stunden schon wird er den Koffer zurück in seine Heimatstadt London bringen, nachdem er eine Woche lang nahezu ununterbrochen gesprochen hat. Auch jetzt wird er reden, sich mit mir über das neue Album seiner Band unterhalten, das erste nach sechs Jahren. Doch zuerst möchte, will, muss er mir dieses Gedicht vorlesen, das er „liebt, liebt, liebt“. Es ist ein langes Gedicht, und um so tiefer er in es eindringt, um so aufgeregter wird er und um so leidenschaftlicher wird sein Tonfall, bis er ganz darin aufgeht, bis der Ton des Gedichts und seine eigene Stimme eins werden. Die Worte handeln von dem Drum-Solo, das eine vom Wind hin- und hergerissene Abdeckplane auf der Fensterscheibe eines Wagens spielt, vom Abtauchen eines Schwans und dem Sturzflug eines Habichts, von den Rhythmen von knackenden Knochen, vom „Furzen, Scheißen und Ficken, von blinzelnden Augen und von Nasen, die geschnäuzt werden.“ Und während der voll im Moment aufgehende, nun plötzlich gar nicht mehr erschöpft aussehende Mann mir vorliest und mich mit in diesen Strudel von Rhythmen und Klängen reißt, kann ich ihn dabei beobachten, wie er sich vor meinen Augen in Karl Hyde verwandelt. Der Soundtrack ist die uns umgebende Stille eines schmucklosen Konferenzraums in einem Berliner Hotel, doch wäre da nur eine einzige Bassdrum – vielleicht aus einem Zimmer nebenan oder von der dicht befahrenen Straße hinter der Fensterscheibe – so bin ich mir sicher, würde es nach Underworld klingen, dieser einzigartigen Band, die mehr als ein Vierteljahrhundert lang mit einem denkbar radikalen Kunstansatz den Code des Mainstreams geknackt hat. Die Bassdrum kommt nicht. Karl liest einfach weiter.

Vor ihm liegt ein kleines schwarzes Notizbuch. Seit Jahrzehnten ist es das gleiche Notizbuch, dieselbe Marke, dieselbe Farbe, dieselben dünnen, dicht mit Tintenbuchstaben gefüllten Seiten. Irgendwann hat sich Hyde zu einem Ritual entschieden. Jeden Morgen geht er in ein Café, um die Ecke, bestellt Porridge und Tee und schreibt eine halbe Stunde lang. Er schreibt über das, was er sieht und gesehen hat, das, was er hört und von dem man ihm erzählt hat, das, was ihn umgibt und das, was ihn auf eine unerklärbare Weise anzieht und fesselt. Die Texte sind keine üblichen Songverse, weder Poesie noch Kurzgeschichten. Sie sind Stimmungs-Seismografie, mit schneller Hand stenografiert und dann ohne abschließende Redaktion zu Papier gebracht. Später, im Studio mit seinem Weggefährten Rick Smith, bei der Arbeit an neuer Musik, werden diese Verse zu Samen von Lied-Texten, werden die kleinen schwarzen Notizbücher, von denen er inzwischen einen ganzen Berg angehäuft hat, zu einem Reservoir für Reisen durch Sprache und Zeit. Er sei noch nie gut darin gewesen, so Hyde, seine Gefühle auszudrücken. Stattdessen borge er sich Objekte aus der Welt um ihn herum aus – „dein T-Shirt, der Stuhl da drüben“ – und benutze sie, um seine eigene Befindlichkeit aus zu loten. Doch sogar so wird er noch oft falsch verstanden. Während er die Lyrics für das zweite Album „Second Toughest in the Infants“ sowie den Durchbruch-Hit „Born Slippy (Nuxx)“ geschrieben habe, sei er oft ganze Nächte lang als Alkoholiker durch die dunklen Straßen der Stadt gelaufen und habe die Hölle seiner eigenen Existenz dokumentiert. Er habe gehofft, man werde seine Hilferufe irgendwann begreifen und ihn aus seinem Sumpf herausziehen. Nachher aber grölten besoffen Raver in Großraumdiscos „Lager, Lager“ und pumpten ihre Fäuste in die Luft. Das habe geschmerzt, so Hyde, denn jeder Text sei wie ein Hologramm, wie ein Schalter, der umgelegt werde. Er brauche nur die kleinste Anhäufung von Worten zu lesen und schon mache es „Klick“ und er werde an den Entstehungsort versetzt: „Jeder Song war eine neue Weltsicht, eine Speicherkarte. Und sobald ich sie eingesteckt habe, durchfährt es mich: Oh mein Gott, ich bin wieder zurück.“

Bilder aus der Vergangenheit

Es ist kein Wunder, dass solche Erinnerungen auch im Hörer so viele Bilder aus der Vergangenheit wecken. Schon macht es auch in mir „Klick“ und ich bin wieder in dem kleinen Zimmer eines Freundes in Frankfurt. Es ist der Sommer 1998 und wir hören uns ein aus dem Radio aufgenommenes Tape an, auf dem er mir „Cups“ vorspielt. Elf Minuten, in denen die Zeit stehen bleibt, elf Minuten, in denen ein trockener Groove aus einer filmischen Streichermelodie aufsteigt und dann, unglaublich langsam, von einem sinnlichen Flüstern zu einer von Percussion durchgeschüttelten, ekstatischen Eruption anwächst – meine Faszination für Underworld ist geboren. „Beaucoup Fish“ ist mein Album des Jahres, das irgendwie immer irgendwo spielt, das sich weiter und weiter öffnet und neue Bedeutungen annimmt. Es ist die Musik, die mich zuerst in diese Welt hineinzieht, doch dann packen mich auch die Texte und verblüffen, verwundern, verwirren. „Tina lives in Berlin. Her voice, so seldom on my machine, is here tonight. And I'm on the market, and when I'm on a market, words move faster“, heißt es in „Push Upstairs“, „Daily daily daily daily to dream like Tom and Jerry thing. And drink drink drink, and you go ping.“ in „King of Snake“. Man ertappt sich dabei, diese Zeilen mitzusingen, doch wenn man merkt, was man da singt, kratzt man sich am Kopf.

Fast 20 Jahre später nach meinem eigenen Erweckungserlebnis sitze ich mit Hyde an einem mit Thermoskannen gefüllten Tisch, aus denen wir absurde Mengen heiß dampfende, dunkel glänzende Flüssigkeit in unsere Tassen kippen – er Tee, ich Kaffee. Hyde muss laut lachen, als ich ihm von meiner seltsamen Faszination für seine Lyrik erzähle. Genau das, so meint er, sei immer seine Absicht gewesen. Fast hätte ich unser Treffen heute verpasst. An der Rezeption hat man noch nie von Underworld gehört, behauptet aber, Kraftwerk seien im Haus. Ich widerstehe der Versuchung, mich zu ihnen führen lassen und bitte stattdessen Sven, den Promoter, uns in der Lobby abzuholen. Im Aufzug auf dem Weg nach oben erzählt er mir von der unglaublichen Energie, die Hyde an den Tag lege, die physische Fitness dieses inzwischen schon über 60-Jährigen. Und wie er reden könne! Ein Stichwort reiche bereits und das Interview sei am Rollen. Tatsächlich fließen die Worte schon wie ein Strom aus ihm heraus, bevor ich den Aufnahmeknopf drücken kann. Beim Schreiben, wie er halb beglückt, halb sorgenvoll betont, sei es genauso. Nachdem er dem Alkohol abgeschworen habe, habe es eine Phase gegeben, in der er sich für erledigt hielt, seine Muse verloren zu haben meinte. Heute hingegen sei es nahezu unmöglich, den Ideen einen Riegel vorzuschieben, seine Hand schnell genug zu bewegen, um jede Zeile rechtzeitig vor dem Verglühen zu Papier zu bringen.

Der Mann, der mir heute gegenübersitzt, mag von den Strapazen eines einwöchigen PR-Marathons gezeichnet sein, doch wirkt er zugleich unglaublich entspannt und so selbstsicher, wie nur jemand sein kann, der weiß, dass er gerade genau das tut, was er schon immer tun wollte. Doch hat Hyde lange gebraucht, um die Mittel zu finden, um an diesen Punkt zu gelangen. Denn vor dem Traum der Gegenwart stand der Albtraum einer Sinnkrise, vor dem Aufbau eines Imperiums, zu dem inzwischen eine Design-Agentur und eine eigene Akademie gehören, der Zusammenbruch einer Welt. Underworld mussten sich erst völlig verlieren und auflösen, ehe sie wirklich zu sich finden konnten. Bei dieser Wiedergeburt spielte die Rave-Bewegung der frühen 90er eine ebenso entscheidende Rolle wie Lou Reeds Album „New York“. Und dann war da noch dieses unglaubliche Buch, aus dem mir Hyde ein Gedicht vorlesen und das sein Leben für immer verändern wird.

Schnitt an der Jahrzehntenwende

Der Schnitt findet ziemlich genau an der Jahrzehntenwende statt. Underworld haben zwei Alben als Pop-Funk-Band veröffentlicht und es zur Vorband der Eurythmics gebracht. Der Durchbruch steht, so zumindest sieht es die Außenwelt, kurz bevor. Dann, beim letzten Gig der Tour, durchfährt es Hyde, das dies nicht das ist, was er will. Die Band löst sich auf, es bleiben nur noch Smith und er selbst, ohne einen Vertrag, ohne einen konkreten Plan, wohin die Reise gehen soll. Die in England aufkeimende Club-Kultur verleiht ihnen frische Inspiration. Bei einem Grooverider DJ-Set entdecken die beiden ihre Liebe für elektronische Grooves und entscheiden sich, dass sie Tanzmusik produzieren wollen. Nach ihrem Bruch mit der Industrie haben sie kein Budget mehr. Doch Smith besitzt bereits einen Roland MT-32, einen Boss Doctor Rhythm sowie eine 909 und mit dem gerade einmal 17-jährigen DJ Darren Emmerson finden sie einen idealen Berater, der ihre zuerst recht rohen Vorstellungen zu funkelnden Diamanten für den Dancefloor poliert. Unter dem Projektnamen Lemon Interrupt entstehen zwei brillante EPs, die rückblickend bemerkenswert ähnlich wie das klingen, was kurz danach auf dem dritten Underworld-Album „Dubnobasswithmyheadman“ landen wird. Die Musik aber ist rein instrumental. Als euphorischer Tänzer hat Karl Hyde die Neuorientierung von Underworld maßgeblich eingeleitet. Jetzt aber sieht es so aus, als ob für ihn in dieser neuen Formation kein Platz mehr sein könnte. Smith fordert ihn heraus, provoziert ihn dazu, für seine Texte tiefer zu gehen als jemals zuvor und neue Pfade zu erkunden. Hyde hat noch keinen Schlauch, in den er seine Worte gießen kann. Aber er hat Hinweise.

Eine Freundin, die in Hamburg für das Radio arbeitet, hat ihm Lou Reeds „New York“ in die Hand gedrückt – er müsse sich das anhören. Eher zufällig greift er einige Monate später zu der LP und wird von ihr weggeblasen. Die von geschrammelten Lagerfeuer-Gitarren, Bass und Schlagzeug getragene Musik klingt, wie es John Mellencamp einmal trefflich beschrieben hat, als sei sie von einem Achtjährigen aufgenommen worden. Dafür schlagen die Lyrics ein wie ein Trommelfeuer. Aus Versatzstücken von Zeitungsmeldungen, Zitaten von Freunden und beiläufig mitgehörten Gesprächen hat Reed eine Form entwickelt, die sich wie ein packendes Buch liest und wie ein grobkörniger Film klingt, eine Bühne geschaffen, auf der er predigt und geifert, die Absurdität unserer Zeit zugleich feiert und ins Lächerliche zieht. Das Alltägliche wird zum Mittelpunkt seiner Kunst – das Einzige, was auf „New York“ fehle, so der Kritiker Robert Christgau, sei eine Abhandlung über den Immobilienmarkt. Für Hyde ist der Ansatz eine Offenbarung: „Ich habe mich gefragt, wie zur Hölle er das geschrieben hatte“, erinnert er sich, „Er muss sich in ein Café gesetzt und einfach aufgeschrieben haben, was die Leute sagen. Und das hat er dann gesungen. Irgendwann habe ich erkannt: Ich werde einfach nur die Dinge beobachten. Ich versuche erst gar nicht, ein Dichter zu sein.“ Schon einige Zeit zuvor war ihm Sam Shepards „Motel Chronicles“ in die Hände gefallen, ein kleiner Band mit Vignetten-artigen Episoden, die später die Basis für Wim Wenders „Paris, Taxis“ bilden sollten. Teilweise autobiographisch, teilweise Fiktion, waren die meist knappen, teilweise in Gedichtform notierten Kapitel wie Schnappschüsse – „ein Buch ohne Anfänge und Enden“, wie Hyde es empfand, „nur Mittelteile“. Die dunkle Romantik, die in den Episoden zum Tragen kommt und sich in unzähligen Bildern von toten Vögeln und zerdrückten Schmetterlingen am Rand leergefegter Highways ausdrückt, entsprach zudem sehr genau seiner damaligen Geisteshaltung: „Es gibt in dem Buch eine tolle Story über einen Stuntman bei einem Filmdreh, der abhaut und dann einen Unfall baut. Darin habe ich mich wiedererkannt. Ich hatte alles genau geplant, ich wollte, dass man mich tot in einem billigen Motel-Zimmer findet, mit einer Menge Katzen um mich herum. Das war mein großer Plan.“ Er sieht, dass ich überrascht bin. „Nein, im Ernst. Irgendwie habe ich mich dann aber doch dagegen entschieden …“

Dass sowohl Reed als auch Shepard lange Alkoholiker waren, lässt die Versuchung, in der Flasche Inspiration zu suchen, seltsam plausibel erscheinen. Dass die Notizen, die sein mit einem dicken Schädel aufwachendes Ich am Morgen nach seinen nächtlichen Spaziergängen auffindet, absolut fantastisch sind, trägt zudem zu seiner Überzeugung bei, auf eine Goldader gestoßen zu sein. Mit dem Notizbuch unter dem Arm begibt er sich in das Studio, das er und Smith inzwischen in einem Haus in dem eher unscheinbaren Londoner Stadtteil Romsford aufgebaut haben. Hier setzen Underworld ihre eigene Version von Club-Musik um, visionär, stur und gänzlich gegen die Empfehlungen eines Industrie-Experten, der ihnen geraten hat, „entweder den Sänger rauszuschmeißen oder sich einen Drummer zu besorgen und eine richtige Band zu werden“. Auch wenn es keinen festen Arbeitsablauf oder Prozess gibt, so besteht doch eines der Grundprinzipien von Hyde darin, dass ihm Smith neue Musik vorspielt, während er dazu sein Notizbuch durchblättert. Dann, ohne große Reflexion, beginnt er Stellen vorzulesen, die ihn spontan packen. Nichts wird ein zweites Mal aufgenommen, sogar die so erkennbaren Wiederholungen bestimmter Wortgruppen, die manchmal wie ein spontaner Refrain aus dem stampfenden Hexenkessel an die Oberfläche blubbern, sind nicht am Rechner geloopt, sondern entstehen aus der Performance heraus: „Manchmal weiß ich beim Durchblättern nicht mehr, wo ich mich genau befinde und dann wiederhole ich einfach die aktuelle Stelle, bis ich meine Orientierung wieder gefunden habe. Und nachher merke ich dann, dass sich das gut angefühlt hat. Manchmal wiederhole ich auch einfach so ein paar Worte. Sie klingen zwar etwas seltsam, aber ich mache es trotzdem.“ Warum? „Einfach, weil es sich richtig anfühlt. Das ist keine bewusste Angelegenheit. Es ist einfach nur ein Gefühl.“

Hässliches Bewusstsein

Mit den beiden letzten Sätzen hat Hyde ein Thema angeschnitten, das die Entwicklung und den Sound von Underworld maßgeblich prägen wird: Das als „hässlich“ empfundene Bewusstsein beim Erschaffen eines Kunstwerks. Schon bei der ersten Inkarnation von Underworld fühlen sich die Stimmgeräusche, die er als Platzhalter für spätere Gesangsmelodien ins Mikro improvisiert, weitaus interessanter an als die konventionellen Melodien, die letztendlich den Weg auf die Produktion fanden. Und die spannendsten Augenblicke während der Konzerte sind stets die, in denen etwas schiefläuft und alle Musiker gezwungen sind, mit der Situation fertig zu werden: „In diesem kurzen Zeitfenster war das Publikum wie elektrisiert. Es war ganz so, als ob die Zuhörer das Gefühl hatten, dass wir als Band erst jetzt bei ihnen angekommen waren. Ich finde, es muss die Möglichkeit geben, dass Fehler passieren. Die Leute müssen spüren, dass du in diesem Augenblick und an diesem Ort mit ihnen zusammen bist. Irgendwann wurden die improvisierten Strecken dann zu einem Erkennungsmerkmal unserer Shows. Wir haben uns gegenseitig Streiche gespielt, damit Dinge schiefgehen, damit wir nicht mehr bewusst agieren. Wir wollten Chaos, wir wollten voll da und dabei sein, wir wollten, dass alle sehen konnten, wie planlos wir waren. Und im Studio sind wir genauso vorgegangen. Man sollte niemals erkennen, dass wir diese Songs sorgfältig durchgeplant hatten.“ Die Bühne wird für Underworld zu einem Labor, in dem sie neue Ideen ausprobieren und ihre bestehenden Songs immer wieder umdeuten. Manchmal überrumpelt ihn Rick mit der Bitte, einfach eine halbe Stunde nicht zu singen, eine Set-List gibt es erst gar nicht. Ein Großteil des dritten Albums „Beaucoup Fish“ entsteht auf der Bühne, das auf der legendären Giorgo-Moroder-Bassline aus Donna Summers „I feel Love“ basierende „King of Snake“ entsteht in Echtzeit bei einem Gig in Dublin. Das Publikum weiß nie, was es erwartet – doch Hyde und Smith wissen es genau so wenig.

Wie radikal sogar einige der bekanntesten Hits dabei transformiert werden, die bei anderen Bands schlicht originalgetreu heruntergeleiert würden, belegt die letzte CD des umfangreichen „Second Toughest in the Infants“-Box-Sets, auf dem sich sieben verschiedene Konzert-Versionen von „Born Slippy (Nuxx)“ befinden, von denen einige sich meilenweit von dem ursprünglichen Track entfernen. Ist die Albumversion also überhaupt nicht die endgültige Version? „Es ist eine endgültige Version von vielen, genauso wie es nicht die Wahrheit gibt, sondern nur eine Wahrheit unter verschiedenen“, meint Hyde, „Es gibt eine nette Geschichte, wie ich zum ersten Mal „Riders on the Storm“ gehört habe. Das war auf Radio Luxemburg, und weil der Sender schlecht zu empfangen war, verschwand der Song manchmal komplett hinter Rauschen und klang fast wie gefiltert. Du hast nie das ganze Stück gehört. Ich hatte damals nicht genug Geld, um mir die Platte zu kaufen und habe es immer nur in dieser Version gehört. Als dann ein Freund das Original auf einer guten Anlage aufgelegt hat, konnte ich es nicht fassen – das klang ja entsetzlich! Ich habe ihn sofort gebeten, das auszuschalten. Zu meinem Geburtstag hat er dann eine 7inch gefunden, die bereits in einer Jukebox zum Einsatz gekommen und total zerkratzt war. Er hat sie angespielt und ich war wie im Himmel: „Ja, das ist es! Das ist „Riders on the Storm“! Toller Song!“

Uneuphorische Triumphe

Irgendwann freilich verkehrt sich sogar ein Zustand der totalen Aufgabe jeglicher Kontrolle in das genaue Gegenteil. Schon bei „Beaucoup Fish“ empfindet Hyde es so, als gebe es eine zu genaue Vorstellung davon, was Underworld sind und wofür sie stehen. „100 Days Off“ und das von ihrer Installations-Arbeit geprägte, intime „Oblivion with Bells“ werden zu Triumphen von Smiths Produktionsgenie, wissen aber kaum zu euphorisieren. Das mit einer Riege ausgesuchter Kollaborateure umgesetzte „Barking“ wiederum hat einen frischen Sound, spaltet aber mit seiner funktionellen Clubtauglichkeit, die mit den bis zu 20-minütigen Epen ihrer Frühphase nichts mehr zu tun hat, die Fangemeinde. Als sich Underworld deswegen nach langer Pause entschließen, überhaupt wieder ins Studio zu gehen, steht von Anfang an fest, dass alle vorher bestehenden Konzepte über Bord geworfen werden müssen. Ironischerweise führte das zu dem vielleicht traditionellsten Ansatz überhaupt: Zwei Menschen, die im selben Zimmer miteinander Musik machen. Für Underworld hingegen stellt diese Konstellation ein Experiment dar. Denn trotz nahezu vierzig gemeinsam verbrachter Bühnenjahre waren ihre Aufgabenbereiche stets klar umrissen, wie durch unsichtbare, doch um so klarer definierte Grenzen voneinander abgetrennt. Zu groß die Distanz zwischen dem schüchternen Smith, der Elektrotechnik studierte, um seine eigenen Synthies bauen zu können, und dem nach außen gewandten Freigeist Hyde. Erst nachdem man mit dieser Konstellation alles erreicht, Musik für die Olympiade und einige klassische Filme komponiert hatte, wurde der Blick frei für das eigentliche Herz von Underworld: Einer unwahrscheinlichen und doch so ungemein fruchtbaren Partner- und Freundschaft, die trotz Tiefpunkten einige der bewegendsten Momente elektronischer Musik geschaffen hat. Wie bei „Dubnobasswithmyheadman“ hätte das Experiment schiefgehen und überhaupt kein Album dabei herauskommen können. Letztendlich waren die Sessions dann aber derart inspirierend, dass sie es kaum erwarten können, nach absolvierter Tournee wieder gemeinsam ins Studio zu gehen, um ihrer „kindlichen Begeisterung für Klänge“ nachgehen zu dürfen.

Das Faszinierendste an „Barbara, Barbara, we face a shining future“ ist, dass es sich trotz all dieser Kurswendungen und Korrekturen wieder ganz und gar nach Underworld anhört. Es ist ein sanfterer Ton als noch vor 25 Jahren und die Höhepunkte sind diesmal weniger die offensiv an den Anfang gestellten Club-Tracks, sondern vielmehr die introvertierten Schwebe-Stücke der zweiten Hälfte, darunter das traumhafte „Ova Nova“ oder der durch chorartig aufeinander geschichtete Vocals tröstend-schöne Abschluss „Nylon Strung“, welche die wahren Höhepunkte dieses auf eine stille Weise beeindruckenden Werks bilden. Doch so ganz können Smith und Hyde dann doch nicht aus ihrer Haut. Und vielleicht wollen sie das ganz heimlich, tief drinnen auch gar nicht. Während mir Karl immer feuriger vorliest und seine Stimme sich in die von Underworld verwandelt, wird mir klar, dass ihn seine Vorliebe für Veränderung und Wandel überhaupt nicht an neue Ziele führen sollte, sondern immer nur an den einen Ort, an dem er ganz in seiner eigenen kleinen Welt der Worte aufgehen darf. Es sieht ganz so aus, als sei ihm das gerade gelungen.

Diskographie:

1988 | Underneath The Radar

1989 | Change The Weather

1993 | Dubnobasswithmyheadman

1996 | Second Toughest In The Infants

1998 | Beaucoup Fish

2002 | A Hundred Days Off

2007 | Oblicion with Bells

2010 | Barking

2016 | Barbara Barbara, We Face A Shining Future