Im freien Fall: Warum die Musik keine Rolle mehr spielt

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Musik spielt für die meisten Menschen schlicht keine Rolle mehr. Während sich unser Alltag zunehmend politisiert und die Welt auf eine Krise zusteuert, mutet es unzeitgemäß und passiv an, sich hin zu setzen und einfach nur den Klängen zu lauschen. Die Zeichen stehen auf einen tiefen Wandel unserer Art Musik zu konsumieren – und er wird keinen Beteiligten verschonen.

Sgt. Christopher Q. Stone (Bild: http://www.blackfive.net/)

Erkenntnisse ereilen einen in den seltsamsten Situationen. Am zweiten Morgen unseres Geburtsvorbereitungskurses fragte die Leiterin in die Runde, was wir alle am Vorabend, nach dem anstrengenden Programm des Vortages, noch gemacht hätten. Es war eine Smalk-Talk-Frage, die wir jedoch angesichts der frühen Uhrzeit durchaus dankbar annahmen. Der Großteil der Teilnehmer berichtete, noch ein oder zwei Folgen ihrer aktuellen Lieblings-Serie geschaut zu haben. Andere hatten kleine Aufgaben im Haushalt erledigt. Vereinzelte hatten sich kurz unterhalten oder waren einfach unmittelbar ins Bett gegangen. Die Aussagen waren komplett unbemerkenswert und doch nagte etwas an mir. Erst später ging mir auf, was es war: Nicht ein einziger hatte zu Protokoll gegeben, zumindest ein wenig Musik gehört zu haben. Wenn es sich hierbei um einen Einzelfall handeln würde, wäre dies wohl kaum Grund zur Sorge. Die Realität sieht aber eher so aus, dass dieses Szenario jeden Abend immer wieder aufs Neue statt findet. Es ist viel darüber gesprochen worden, dass Musik an Wert verloren habe, weil sie verschenkt und verscherbelt werde, weil es zu viel von ihr gebe und nicht genug davon gut genug sei, weil jeder heute meint ein Komponist sein zu können und wir von den lauwarmen Ergebnissen berieselt werden wie von einer Dusche, die sich einfach nicht ausschalten lässt. All das mag zutreffen. Doch handelt es sich dabei eher um den Nebenschauplatz einer weitaus dramatischeren Entwicklung.

Insbesonders für neue Label oder unbekannte Künstler spitzt sich die Lage zu. Sogar die auserwählten Wenigen, die in den Medien eine Erwähnung finden, deren Tracks vielleicht sogar in einigen Playlist auftauchen oder die eine Einladung zum Interview bekommen, können ein Lied davon singen, wie leidlich gering sich all das auf die Bilanz auswirkt – ganz egal, ob man diese in Seitenaufrufen, Verkäufen, Likes oder aufmunternden Worten misst. Ganz offensichtlich greifen einstmals routinemäßig abrufbare Mechanismen und Kausalketten heute einfach nicht mehr. Es ist keinesfalls so, dass Musikmagazine nicht mehr gelesen würden, dass niemand mehr das Radio einschaltet oder Videoclips nicht ein Publikum erreichen. Doch führt von diesen „Portalen“ kein auch nur ansatzweise zwingender Weg mehr zum Produkt oder zu einer näheren Beschäftigung mit ihm. Einst berichtete mir der ehemalige Besitzer eines alternativen Plattenladens in Berlin von einer Vergangenheit, als Kunden mit dem in kleinen Auflagen erscheinenden Kultmagazin „Auf Abwegen“ in den Laden kamen und eine Sammelbestellung aller Platten aufgaben, bei denen sie vorher ein Kreuz neben die Rezension gemacht hatten. Eine solche Wirkung entfaltet heute nicht einmal eine euphorische Besprechung auf Pitchfork, deren stündliche Zugriffsraten die Gesamtauflage der „Auf Abwegen“ bei Weitem in den Schatten stellen. Die einstmals spürbare Dringlichkeit, bestimmte Platte einfach besitzen zu müssen, scheint sich in Luft aufgelöst zu haben.

Verschiebungen im Konsumverhalten

Natürlich wäre die Behauptung falsch, Musik bedeute uns rein gar nichts mehr. Ein Teil des Phänomens beruht schlicht auf Verschiebungen im Konsumverhalten. 30 neue Songs schickt mir Spotify jede Woche, 120 im Monat, fast 1500 im Jahr, alle erstaunlich präzise kuratiert und auf meinen individuellen Geschmack abgestimmt. Hinzu kommen Playlists für jeden Anlass und jede Tageszeit, die sich schon bald über biometrische Sensoren an unsere Stimmung, Aktivitäten und Bedürfnisse anpassen werden. Ein Album, ganz egal wie gut es sein mag, wird niemals mit einem derart personalisierten, dynamischen, überraschenden und zudem (wenn man von Werbeunterbrechungen beziehungsweise monatlichen Mitgliedschaftsbeiträgen absieht) kostenlosen Angebot konkurrieren können. Nicht einmal die riesigen Kataloge der ganz großen Major-Labels sind für sich allein genommen umfangreich genug, außerhalb der Cloud Bestand haben zu können. Einer einzelnen Veröffentlichung Aufmerksamkeit zu verleihen, die über ihre Rolle im Stream hinausgeht, wirkt da ungefähr so sinnvoll, wie eine Analyse jedes einzelnen Tracks in einem 10-Stunden langen DJ-Set. Freilich: Das DJ-Set auf Spotify, Deezer oder Tidal endet gar nicht mehr. Wer heute noch künstlerisch ambitionierte EPs oder Alben veröffentlicht, tut dies deswegen im Wesentlichen für sich selbst – der Rest der Welt klinkt sich unterdessen in den uferlosen Mix ein und lässt sich auf den Schwingen der Algorithmen von einer Song-Insel zur nächsten tragen.

Auf einer rein rationalen Ebene spricht nichts dagegen, das diese Form des Hörens ebenso befriedigend sein könnte wie das Durchforsten der eigenen Plattensammlung. Aktuell zumindest scheinen die meisten Playlists aber eher als Hintergrundberieselung für morgendliches Joggen, das sonntägliche Putzmanöver oder das Überbrücken der Wartezeit zwischen Auftauen und Verspeisen einer Salamipizza genutzt zu werden – Tätigkeiten, die ein tieferes, emotionaleres Hören eher nicht begünstigen. So macht sich allmählich ein Gefühl der Bedeutungslosigkeit breit. Es mag noch ein wenig erhitzte Gemüter in den Amazon-Bewertungen geben, wenn sich Helene Fischer auf dem neuen Album in Richtung Dancefloor bewegt. Doch die Themen, die wirklich die Gemüter erregen, sind heute anderswo zu finden: Bücher, die auf 300 Seiten nichts anderes diskutieren als die Frage nach der besten Messerklinge und der richtigen Schneidetechnik erzielen Millionenauflagen. Ein hochkomplexer, mit Statistik-Vokabeln gepfefftert Post der Foodbloggerin Denise Minger über die umstrittene „China Study“ steht aktuell bei fast 1500 Kommentaren. Musik spielt gefühlt nur dann eine Rolle, wenn sie sich der Krücke eines anderen Mediums bedient. Unabhängig von der Qualität der Kompositionen ist es zumindest bemerkenswert, wie tief und vielschichtig noch immer über den Soundtrack zu „Bladerunner: 2049“ diskutiert wird - ohne die Einbettung in eine legendäre Franchise und die teilweise berauschenden Bildwelten Denis Villeneuve's jedoch würden die knarzenden Analog-Klänge wohl keinen Replikanten hinter dem apokalyptischen Ofenrohr hervorlocken. Nicht einmal diejenigen, die berufs- und berufungsmäßig mit Musik zu tun haben, können noch die Leidenschaft aufbringen, außerhalb der regulären Arbeitszeiten die Wärme des heimischen Sofas auf zu geben. Vor kurzem war ich auf der Listening Session eines bekannten Techno-Labels, bei der das lang erwartete Release eines namhaften Künstlers präsentiert wurde. Wir waren zu sechst. Nicht einmal das jedoch ging als Misserfolg durch.

Reizüberflutung

Der allgegenwärtige Zustand der Reizüberflutung ist eine der Hauptursachen für den wahren Bedeutungsverfall von Musik. Handys, die bei jeder neu eingegangen eMail knattern, Browser die uns auf Updates aufmerksam machen, soziale Medien die im Sekundentakt aktualisiert werden, aberwitzig schnell geschnittene Videos, maximal laut abgemischte Songs, das ununterbrochene Eingestöpseltsein in Nachrichtenmeldungen, Podcasts und Info-Feeds zehren tagsüber an unseren Energiereserven. Wenn wir dann am Abend nach Hause kommen, sind unsere Körper und Gehirne schlicht nicht mehr darauf eingestellt, herunter zu fahren. Wenn Serien wie „Games of Thrones“ oder „The Waking Dead“ auf einer Erfolgswelle schwimmen, die man ihrer extremen visuellen Ästhetik und krassen Geschichte niemals zugetraut hätte, dann liegt das auch daran, dass sie passiven (entspannenden) Fernsehkonsum mit stimulierendem (das Neuronenfeuer fütterndem) Storytelling zum perfekten Unterhaltungspaket verbinden. Mit der drastischen sensorischen Einschränkung reinen Musikhörens jedoch kommen wir schlicht nicht mehr zurecht. Es ist ein Trend, der noch zusätzlich erschwert wird durch eine Arbeitswelt, in der die Grenzen der Belastbarkeit immer wieder auf die Zerreißprobe gestellt werden, in der die email am Sonntag, das Home Office nach Feierabend und der Abschied vom Urlaub sowohl für Freiberufler als auch Angestellte keine Ausnahmen mehr darstellen. Musik verlangt uns nicht nur Konzentration ab, sondern auch Interesse, emotionale Beteiligung, die Bereitschaft, an unbekannte Orte zu gehen oder bereits Bekanntes neu zu durchleben. Dafür reicht oftmals schlicht nicht mehr die Kraft.

Musik erscheint auch in anderer Hinsicht immer mehr als unzeitgemäß. So spitzt sich überall um uns herum die Lage zu: Wir scheinen uns mittelfristig in Richtung eines ökologischen Kollaps zu bewegen; Viele von uns sind durch Stress schwer krank geworden; scheinbar banale Dinge wie die richtige Ernährung sind zu ebenso komplizierten wie kontroversen Themen geworden; rechte Ideologien und Volksverhetzer gelten plötzlich als „Alternative“; viele Regionen, ja ganze Kontinente sind gequält von Hunger, ausgemergelt von Krieg und Not. Die Politisierung des Alltäglichen nach einer langen Phase der oberflächlichen Ruhe zwingt jeden von uns dazu, uns entweder für passives Aussitzen oder entschiedenes Agieren zu entscheiden. Die Welt wird zunehmend offener, offensiver und öffentlicher, einstmals ferne Abstraktionen betreffen uns plötzlich ganz unmittelbar. Im Gegensatz dazu ist das aufmerksame Musikhören ein Akt, der uns nach innen führt, ins Private und Persönliche, der uns aus der physischen Realität entführt. All das wirkt kaum mehr angemessen, wenn um uns herum die Welt in Flammen steht. Die Potenz von Musik, politischen Ideen und Visionen eine Form und Sprache zu verleihen, scheint weitestgehend aufgebraucht, da sich einstmalige Protestbewegungen wie Punk oder Jazz zu kodifizierten Genres fixiert haben, der Hippie-Spirit des 70er Jahre Rocks allzu handzahm erscheint und der größte Teil der neuen Produktionen sich nur noch als reines Entertainment versteht.

Der Fluch des Funktionalen

Der kleine Bereich, der außerhalb des Politischen noch bleibt, wird von funktionalen, zweckgebundenen, praktischen und pragmatischen Erwägungen bestimmt. Junge Eltern haben andere Sorgen als die Frage, ob Mahler in seiner neunten Symphonie die Atonalität vorwegnahm. Wer unter einer chronischen Darmkrankheit leidet, zieht vermeintlich größeren Nutzen aus einem glutenfreien Brötchen als einem perfekt produzierten Triangelgroove. Und angesichts der unendlichen Wahlmöglichkeiten im kommerziellen Warenparadies kann es tatsächlich manchmal als lohnenswerter erscheinen, 300 Seiten über Messerklingen zu wälzen als sich damit auseinander zu setzen, ob die neue Aphex Twin wirklich so gut ist, wie alle meinen. Die Bereiche, in denen Musik noch funktioniert – im Konzert und Club oder als Installation im Museum – sind ausgerechnet diejenigen, in denen sie hinter einem anderen, als weitaus wichtiger empfundenen Gut zurücktritt: Dem Kontakt mit anderen, dem sozialen Element, das in der beschriebenen Dauerstresssituation unserer Alltags zu kurz kommt, dem Druckabbau durch Feiern, Drogen und Exzess.

Es beschleicht einen eine gewisse Hoffnungslosigkeit angesichts dieses freien Falls. In Wahrheit aber kann man das Nahen der Talsohle auch als erstes Zeichen einer bevorstehenden Veränderung werten, zu der jeder einzelne direkt aufgerufen ist. Wenn wir der Musik wieder zu mehr Wert verhelfen wollen, müssen wir das Vergangene hinter uns lassen, auf die Zeichen der Zeit achten und aus ihnen die richtigen Schlüsse ziehen. Das kommt letzten Endes auch uns selbst zu Gute. Denn nur eine Musik, die einen spürbaren Bezug zu den neuen Realitäten hat, hat letzten Endes auch wieder Relevanz für unser eigenes Leben.

Philipp05.12.2017 - 09:24 Uhr

Erschwerend kommt aber auch die perfektionistische Haltung, der Musikkenner hinzu. Ich bin mit meinen 20 Jahren ein riesiger Jazz Fan, spiele selbst ein Instrument, aber werde zum Beispiel nie, nie, niemals an einer Session in den wenigen verbleibenden Jazzclubs teilnehmen. Wenn da ein junger Mensch (vor kurzem sah ich einen Bassisten auf der Bühne) mit Freude an der Musik sich anschließen möchte, der sein Instrument nicht studiert oder mindestens auf diesem Niveau spielt fallen kurzum solche Sätze wie "Spiel den mal von der Bühne" oder "Junge, geh lieber heim und stör' uns richtige Musiker nicht". So etwas ist engstirnig und sehr schade. Klar sollte ein gewisses Niveau Voraussetzung sein, aber etwas so lebendiges wie eine Session muss nicht immer perfekt und "bereit fürs Studio" sein. Es sollte auch die Kommunikation der Spielenden und die Freude am Spielen berücksichtigt werden, Experimente gewagt und manchmal auch "schlechtes" ausgehalten werden. Diese Szene hat mich zutiefst geschockt, in Zukunft werde ich Sessions in München meiden und nur Konzerte besuchen, so schade das auch sein mag.

Musiker09.01.2018 - 19:16 Uhr

Bei allem Verständnis für Deine Sicht, musst Du als junger Musikschaffender auch mal die Sicht der Profimusiker verstehen. Sie haben studiert, was nicht nur viel Geld kostete, sondern auch viele Entbehrungen mit sich bringt. Sie konnten auch eine Zeit lang von ihrer Musik gut leben. Und seit einigen Jahren überschwemmen Massen von Möchtegernmusikern den Markt, die der Meinung sind, Musik machen zu können oder zu müssen, welche irgendwie so einigermaßen Musik machen können, welche ihre Leistungen den Veranstaltern zum Spottpreis anbieten. Dem Veranstalter ist es letztlich egal, so lange der Laden voll ist oder voll bleibt. Warum sollte er dann noch Musiker buchen, welche ihm Betrag X.XXX,- Euro pro Musiker für einen Gig (z. B. 2 Stunden) kosten, wenn sich jemand anbietet, der das Ganze für 50,- Euro den Abend macht? Der das für 50,- Euro am Abend macht, muss meist jedoch seine Miete nicht selbst bezahlen, weil er noch bei Mama und Papa wohnt, die ihm hierzu noch die Schnittchen mundgerecht schneiden, während die Anderen, die X.XXX,- Euro pro Musiker pro Gig verlangen z. B. davon ihr Tonstudio finanzieren müssen, um gute Musik für Zuhörer auf CD produzieren können, die ihre Angestellten im Tonstudio fair entlohnen möchten, weil diese ihre Familien vernünftig ernähren müssen und vielleicht sogar selbst schon eine Familie haben. Hinzu kommt, dass ihnen niemand - keine Eltern oder Großeltern - ein neues Musikinstrument kaufen können, wenn etwas mal kaputt gegangen ist, und sie sonst kein Instrument mehr hätten, um live auftreten zu können, mit dem sie ihr Geld verdienen können.

Wenn Du in deren Situation wärest, würdest Du dies mit Sicherheit genau so sehen, wenn Du Deine Existenz in Gefahr siehst. Aber leider fehlt vielen, jungen, unerfahrenen Musikern diese Weitsicht, da sie oft in einem behüteten Elternhaus groß geworden sind, immer noch in diesem Elternhaus leben, wo sie sich um Geld keine Sorgen machen müssen, und zuschauen müssen, wie sie ihren Lebensunterhalt auch in den nächsten Monaten und Jahren verdienen und ihre Existenz langfristig sichern können.

Peter Petersen05.12.2017 - 11:14 Uhr

Ich stelle jetzt mal die These auf, dass das auch daran liegt, dass einfach nur sehr wenig gutes Neues rauskommt. Ich habe mich früher sehr viel mit Musik beschäftigt auch beruflich bedingt, habe aufgrund dessen aber auch den Job gewechselt, weil mir die neue Musik einfach zu langweilig wurde. Ich will gar nicht sagen, dass sie schlecht ist, es ist mir aber schon sehr sehr lange nichts mehr untergekommen, was noch nie dagewesen ist. Bei ganz vielen Sachen kann ich auch die Indie-Platten der 90er rauskramen, die dem jetzt maximal gehypte neue Zeugs mindestens gleichwertig ist. Ich will beim besten Willen nicht behaupten, dass ich alles mitbekomme, was neu auf den Markt bekomme. Ich höre mir grad die Top-Alben eines angesagten Clubs durch, die meisten Bands und Interpreten sagten mir bis dato gar nichts...von 10 Bands, die ich mir bisher angehört habe, hat es eine in meine Playlist geschafft...den Rest finde ich langweilig. Jetzt könnte man sagen, dass man sich mehr Zeit für Musik nehmen sollte, um beurteilen zu können, ob etwas gut ist oder nicht. Mag sein, aber selbst zu Zeiten als ich noch beruflich damit zu tun hatte, habe ich mir eingebildet eine gute Band und einen guten Song beim ersten Mal hören zu können, ist das nicht der Fall, dann taugt die Band auch nichts, zumindest nicht viel...natürlich lag ich auch mal falsch, meistens aber richtig.
Ich bin ein verhältnismäßig alter Sack, und ich glaube die Generation vor mir hat schon an Band wie Deep Purple, den Rolling Stones oder den Beatles oder von mir aus auch Fleetwood Mac festgehalten, weil sie Bands wie Nirvana, später sowas wie die Strokes oder White Stripes langweilig fanden, und so geht es mir heute eben mit neuer Musik auch...ich finde die, die ich besitze einfach spannender als das was neu rauskommt. Und junge Menschen konsumieren Musik eben einfach anders als unsereins das tut bzw. getan hat. Musik muss immer und überall verfügbar sein, über Spotify, Deezer, Youtube...whatever...Alben werden auch aus Geldmangel nicht gekauft, das Produkt in der Hand zu halten ist nicht wichtig, es ist wichtig die Musik zu kennen und sie im Zweifel überall auf der Welt jederzeit hören zu können. Dafür sind sie bereit für ein Konzert einer angesagten Band auch mal 50 € für ein Ticket auszugeben, zumindest für die, die sich näher für Musik interessieren und nicht nur nebenbei beim Busfahren mal Musik hören. Ich bin momentan weder bereit 50,-€ für ein Konzertticket auszugeben (weil es keine einzige Band gibt für die ich bereit wäre soviel Geld auszugeben) noch für eine Platte (weil es im moment keine einzige Band gibt, wo ich sagen würde, da brauche ich unbedingt ein Album von). Ich bin allerdings bereit für eine mir unbekannte Band mal 8 oder 10,-€ auszugeben und einen schönen Abend in einem kleinen Club zu haben...und wenn die Band nciht ganz so dolle ist, hat man trotzdem einen schönen Abend, weil man Leute trifft, die die selbe Leidenschaft haben...und ja, die habe ich irgendwie immernoch, nur nicht so ausgepräft wie vor 10 oder noch mher 20 Jahren.

Musiker09.01.2018 - 19:37 Uhr

Was neue Musiken betrifft, kommt es natürlich auf den Geschmack an. Ich finde, dass sich die Zeiten wieder gebessert haben. Welche Musiken ich langweilig finde, sind die elektronischen Musiken, meist aus den USA, wo es eine Hook gibt, mit einem fürchterlich kreischenden Sägezahn-Sound, meist nur ein bis maximal zwei Takte lang, welcher sich gefühlt 100 mal im Track wiederholt, und einer fürchterlich klopfenden kick drum. Die Zeiten sind auch schnelllebiger geworden. Es gibt viele Interpreten der jüngeren Zeit, welche mal für ein oder zwei Jahre - sagen wir mal zumindest größere, mediale Aufmerksamkeit erhielten - und dann wieder auf Nimmerwiedersehen wieder in der Versenkung verschwunden sind, weil wieder andere Künstler hervorgekommen sind und das Interesse der Zuhörer geweckt haben. Und dessen sollte sich jeder junge Mensch heutzutage bewusst sein, welcher anstrebt, Musiker zu werden, dass die Wahrscheinlichkeit heutzutage noch viel geringer (für jeden Einzelnen) geworden ist, dass er / sie mit seiner / ihrer Musik früher oder später mal seinen / ihren Lebensunterhalt verdienen wird. Das liegt einfach auch daran, dass weiterhin überall und nirgends Studienplätze für Musikschaffende angeboten werden, obwohl es seit zig Jahren schon noch nicht mal ansatzweise so viel Bedarf an neuen Musikern gibt. Der Markt ist rettungslos überschwemmt von Leuten, die Musik machen und die damit auch ihren Lebensunterhalt verdienen möchten. Was ich mir wünschen würde ist, dass diejenigen, die nur aus Spaß an der Freude Musik machen möchten, dies auch selbstverständlich gern tun können, aber bitte nicht denjenigen den Platz streitig machen sollen, welche damit ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Es gibt Musiker, welche z. B. vor 20 - 30 Jahren damit begonnen haben, mit der Musik Geld zu verdienen, welche nun im Alter von 40 oder 50 Jahren dies aufgrund der aktuellen Situation nicht mehr können. Was soll aus denen werden? Die haben ihr Leben lang nie etwas anderes gemacht, da sie von ihrer Musik haben gut leben können. Die bekommen nirgends woanders einen Job. Und dies ist das, was ich in der Musik-Branche vermisse: Eine mehrheitliche Fairness untereinander.

Gast05.12.2017 - 13:18 Uhr

Interessanter Artikel!
Vieles ist richtig und leider traurig. Ich sage das nicht, um meinen eigenen Stand als Musiker zu wahren oder in Selbstmitleid zu vergehen. Aber es geht meines Erachtens noch viel mehr verloren: Nämlich eine Art emotionale Auseinandersetzung mit dem Kulturgut Musik, die erwiesenermaßen auch zu gewissen sozialen und neuronalen Entwicklungen führt. Musik - aktiv konsumiert und verstanden (nicht als Wohlfühl-Entspannungsmedium eingesetzt) - macht etwas mit dem Individuum, was sich nur zum Teil in Worte fassen lässt. Es hinterlässt Spuren in der Menschheitsgeschichte und leider wird trotzdessen schon in den Schulen nur noch wenig Wert auf musikalische Bildung gelegt. Diese "Bildung" findet stattdessen hauptsächlich durch die modernen Mainstream-Medien statt. Es ist ein bisschen, als würde der Deutsch-Unterricht ersetzt durch passives Lernen mit schlechten Billig-Comics. Wenn das stattfände, wäre niemand mehr in der Lage, einen komplexen Roman, hochwertige Poesie oder auch wissensschaftliche Texte zu lesen.
Auch das Auseinanderreißen von Alben durch die Streamingdienste, deren Flatrate-Modelle tödlich für Musiker sind (weniger als ein halber Cent pro Aufruf kommen bei den Musikern an), wirkt sich hier negativ aus. Es verhindert das Eintauchen in Stimmungen, Atmosphären oder - im Falle von Konzeptalben) - Geschichten. Und genau das ist ein wichtiger Aspekt in der heutigen high-Speed-Welt. Ich bin sehr gespannt, wohin das führt und jeder junge Mensch, der heute sein Herz an die so unglaublich schöne Sache Musik verliert, tut mir leid.

Moritz Micalef05.12.2017 - 17:29 Uhr

Vielen Dank für die präzise und vielleicht deshalb zwangsläufig unangenehme Bestandsaufnahme. Vieles von dem, was du hier an Gedanken entwickelst spiegelt meine Überlegungen und die zahlreichen Gespräche mit guten Freunden wider.

Davon ausgehend möchte ich ein paar Ideen formulieren, die mir beim Lesen des Texts gekommen sind: Wenn du dir nämlich mal anschaust, wie beispielsweise Adorno über die technologische Reproduzierbarkeit von Musik im Allgemeinen gedacht und geschrieben hat kann der Eindruck entstehen, ihm ging es vor 60 Jahren ähnlich wie dir heute. Überall herrscht angesichts einer damals noch analogen und heute zunehmend digitalen Moderne ein Mangel an Ernsthaftigkeit, Wille zur Auseinandersetzung mit dem Zauber der Musik und der Fähigkeit, sich auf so ein monosensuales Erlebnis überhaupt einzulassen. Verstehe mich nicht falsch: Ich glaube auch, dass sich die Art und Weise, wie wir Musik konsumieren grundlegend verändert hat. Nur sehe ich eben genau jene Veränderung als eine gegebene Kontinuität Nicht, dass ich von den neuen Modi des Musikkonsums begeistert wäre aber ich merke, dass Nostalgie andererseits wie ein lähmendes Gift wirken kann, dass verhindert, dass Positive am Status Quo (und damit meine ich ganz sicher nicht die Band)zu sehen.

Was mich allerdings wirklich sehr verunsichert ist, dass Musik die Rolle als der große Identifikator verloren hat. Soll heißen, wo es früher noch entscheidend war, welche Musik Du gehört hast, um zu gewissen sozialen Kreisen dazu zu gehören ist heute eine Crossover-Beliebigkeit getreten, die es mit einem Mal möglich macht, dass Rapper in engen Röhrenjeans über 4 to the floor beats von ihren MDMA-Erfahrungen berichten. Ist zu viel Toleranz aber am Ende nicht doch nur die kleine Schwester der Oberflächlichkeit?

Hyp05.12.2017 - 19:47 Uhr

solche stimmen hat es genauso gegeben, als tonträger aufkamen und musik statt im konzert nicht mehr gänzlich unabgelenkt auch zuhause hörbar wurde. und es gab solche stimmen wieder, als das radio aufkam und musik damit in noch höherem maß hintergrundberieselung sein konnte. und es gab diese stimmen, als der walkman und das autoradio aufkamen und die berieselung damit noch weiter ausgedehnt werden könnte. das sind zeiten, die aus sicht dieses artikels hier noch die guten zeiten waren.
und genauso wird es mutmaßlich in den nächsten jahrzehnten stimmen zur dann aktuellen entwicklung geben, in denen die jetzigen zeiten die besseren waren.

dass musik heute mit mehr digitalen ablenkungsmöglichkeiten konkurriert, stimmt, und auch dass man sich wegen der verfügbarkeit heute tendenziell weniger zeit für einzelne veröffentlichungen nimmt.

aber was ist denn objektiv höherwertig? das tiefere eintauchen in weniger musik oder das nicht so tiefe eintauchen in mehr musik, also mehr ausdrucksvariationen von mehr musikern? vielleicht sind die positiven effekte der musikwelt ja gerade durch letzteres größer als durch ersteres?

heute gewinnen die leute durch die masse viel eher verschiedentliche eindrücke, auf die sie früher nicht gestoßen wären. oder man hört musikernamen und guckt nach, was die so machen. sich wissen und höreindrücke zu verschaffen, war früher viel umständlicher.

die maßstäbe in dem artikel sind willkürlich angelegt, und der artikel schlägt auch keine möglichkeiten vor, wie man die verschiedenen eigenschaften früheren und heutigen musikhörens qualitativ abwägen könnte.

dass musikhören angesichts der weltlage nicht angemessen sei, ist abwegig. gerade in "schwierigen zeiten" kann und will sie als kraftspender wirken und als kulturelle anregung und leitbild für harmonie und utopie, inklusive dem zusammenbringen der menschen. zugleich gibt es in "unruhigen zeiten" mehr (zünd-)stoff zu verarbeiten in der musik.
...was z.b. dieser artikel als gegenposition in momentaner musik deutlich erkennt:
"...die Verdüsterung der Verhältnisse hat die Popmusik zwangsweise politisiert. Jedenfalls gibt es so viel engagierte Musik wie schon lange nicht mehr, die überdies nicht nur im Underground bleibt, sondern ein Mainstream-Publikum erreicht."
www.fr.de/kultur/musik/pop-die-macht-der-machtlosen-a-734790

ich wüsste auch nicht, dass musik als eskapismus, der ja zugleich ein auftanken für den aufgabenzentrierten teil des lebens ist, ausgerechnet in krisenzeiten weniger hoch im kurs stand als sonst in der weltgeschichte.
im gegenteil hat musik nicht vielleicht in weltregionen, in denen es übler zugeht als hier, gerade den höheren rang, der in dem artikel hierzulande als verloren angesehen wird?

auch die annahme, dass die leute heute weniger zeit hätten, sich zu beschäftigen mit der "Frage, ob Mahler in seiner neunten Symphonie die Atonalität vorwegnahm", steht in kontrast zur realität, dass gerade der klassikbereich immer weiter zulegt mit steigendem zuspruch jüngerer generationen - und das, obwohl die staatliche subventionierung weiter zurückgeht:
www.br-klassik.de/aktuell/news-kritik/deutsche-orchestervereinigung-sieht-klassische-musik-im-aufwind-100.html

Musiker09.01.2018 - 19:50 Uhr

Dem muss ich zustimmen, dass es vergleichbare Bedenken schon immer gab. Ich bin der Meinung bzw. hoffe ich natürlich auch, dass wir uns in der Musikwirtschaft in einer Art Umbruchphase befinden. Es wird sich vermutlich in den nächsten Jahren die Spreu vom Weizen wieder trennen. Damit meine ich, dass sich z. B. "Hans Zimmer & Co." weniger Gedanken um ihre Zukunft machen müssen, wie z. B. Tonstudios, welche sich z. B. Ende der 90er Jahre / Anfang der 2000er Jahre gegründet haben. Darunter gibt es etliche, welche sozusagen im Hintergrund ihren professionellen Betrieb schon längst eingestellt haben / einstellen mussten, und das Ganze nur noch mehr oder weniger als Hobby betreiben und sich damit etwas zu ihrem Alltagsjob dazu zu verdienen. Viele haben auch ganz aufgegeben und es werden noch mehr folgen. Und die, die übrig bleiben, werden wieder eine Chance haben auch finanziell erfolgreicher zu werden. Wie sagt man so schön: "Nur die Harten kommen in den Garten." :-) Das wird nicht heute und nicht morgen geschehen, und wird noch einige Jahre dauern, bis sich die Situation wieder relativiert hat.

CynicHater06.12.2017 - 10:02 Uhr

Was für ein trauriger Artikel für eine traurige Echokammer. Musikergebitche mit einer ordentlichen Portion "wir werden alle störben". Musik wird immer gebraucht. Deine langweilige, belanglose und ersetzbare Singer/Songwriter Band mit der du versucht gegen die Klonarmee (zu der du gehörst) anzukämpfen nicht. Wir leben in einer geilen Zeit in der Musik endlich wieder geil wird, nach den 17 Jahren Dünnpfiff im Mainstream.

Michael Huber 06.12.2017 - 16:11 Uhr

Ich weiß nicht: Beschreibt der Artikel eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung oder doch eher die persönliche Entwicklung des Autors? ich kann mich da in vielem Wiedererkennen: Musikbesessener, durchaus auch für abseitige und anstrendende Klänge aufgeschlossener Mensch wird älter, merkt, dass viele andere Faktoren (Kinder!) ins Leben drängen und merkt, dass einem für konzentriertes Hören dann doch Zeit und Nerven fehlen. All die genannten Faktoren (Reizüberflutung, ständige Präsenz von Unterhaltungselektronik etc.) sind sicher richtig diagnostiziert, aber daraus monokausal einen bleibenden Bedeutungsverlust von Musik abzuleiten, hielte ich doch für etwas überzogen. Es ließe sich argumentieren, dass jene, die in Musik nur Berieselung suchten, immer schon in der Mehrheit waren und durch die Vielfalt an Alternativen nun eben als "sichtbares" Musikpublikum wegfallen. Zugleich suchen nach wie vor viele Menschen bewusst Hör-Orte auf, und as Erleben von Musik durch eigenes Musizieren ist auch nicht wirklich verschwunden.

Olaf Bartsch06.12.2017 - 21:16 Uhr

Wieder ein sehr guter Artikel Tobias! Klasse! Kann das von dir geschilderte alles nachvollziehen. Vielleicht sieht ja die bevorstehende Änderung so aus, dass mehr und mehr Menschen Musik machen und nicht mehr hören. Ganz im Sinne von "etwas Erleben" und das Erlebte dann mit anderen teilen. Bin mir da aber unsicher. Es gab ja auch eine Zeit, wo die Menschen eher weniger Serien geschaut haben, jetzt tut das fast jeder. Diesbezüglich kann sich das Konsumieren von Musik auch wieder ändern. Musik gehörte schon immer zum Menschen, so wie der Mensch zur Musik.

hans werner07.12.2017 - 13:03 Uhr

jo,
du lässt auf der anderen Seite aber aus, dass es durch Spotify, soundcloud usw. es viel einfacher ist alle releases auch von unbekannteren artists zu bekommen. wennn Leute dann zu faul sind, ganze Alben zu hören oder sich selbst Playlisten zu machen, liegt es an ihnen nicht an der Technik.

Midlifecrisis hat dich echt hart getroffen, typischer früher war alles besser Kommentar. sieh es doch als etwas positives, dass man jedes noch so unbekannte release am tag der Veröffentlichung in guter Qualität auf seinem Endspielgerät haben kann. keks die sich aufregen über die Möglichkeiten heutzutage. die masse hat musik schon immer über radio konsumiert

Gast07.12.2017 - 19:02 Uhr

What´s up? Klar, ich bin abends platt, gucke Fernsehen, wie viele andere auch, und ja ich bemängele, dass mir allzu oft die Muße fehlt, mich einfach auf den Teppich zu legen und wunderbaren oder krassen oder harten oder schnulzigen Klängen zu lauschen, aber scheisse, wenn ich im Auto sitze geht der Punk ab! Klare Sache. Wenn ich irgendwo hingehe, trage ich meinen Soundtrack im Ohr und ich gucke Filme in meinem Kopf, die sich selbst entwickeln. In diesem Sinne: Don´t worry,...du weißt was kommt ;-)

Gast08.12.2017 - 02:31 Uhr

Deine Panikmache ist im Zeitalter der schnellen Entscheidungsmöglichkeiten für unendlich viele Freizeitbeschäftigungen im "Ad Hoc" Modus angebracht.
Mein Rezept ist einfach: ich suche mir aus, was ich mag und nehme dann auch Zeit dafür. Und das kannst Du jederzeit auch als Vorbild für Deine Umwelt leben und auch Menschen dazu einladen.

Waldmann08.12.2017 - 11:22 Uhr

Der Artikel trifft den Nagel auf den Kopf.

Ich habe noch die Zeit der Plattenläden erlebt, in denen man kurz in das teure Album reinhören durfte, um zu entscheiden, ob es das ganze Taschengeld wert war. War das gekaufte Album "nicht gut", war das Geld weg und man musste wieder bis Weihnachten warten.
Ich habe in dieser Zeit 3 Dinge gelernt:
1. Aufmerksames Musik-Hören
2. Beim 1. Hören kann man selten entscheiden, ob einem die Musik wirklich "gefällt"
3. Beim wiederholten Zuhören konnte es geschehen, dass Stücke, die einem zu erst gar nicht gefallen hatten, plötzlich zu Lieblingsstücken wurden. Das hat dann neugierig gemacht auf Musik, die man " nicht mag", weil man sie noch nicht kennt.

Trombone Girl08.12.2017 - 12:34 Uhr

Tut mir Leid, das ist verallgemeinert und Quatsch! Ich kenne genügend Personen unterschiedlichen Alters, die sehr gern Musik "hören" ... und das nicht banal beim Sporteln oder Putzen. Artikel wie dieser tragen weder zur verdienten Anerkennung der echten Musiker noch zur Aufwertung ihres zweifelsohne künstlerischen Schaffens bei. Das ist der falsche Weg!

Dominique H.09.12.2017 - 20:09 Uhr

Na, das ist mal ein interessanter und lesenswerter Artikel.
Meine Kinder können nicht nachvollziehen, warum ich Spotify nicht mag.
Vor (langen) Jahren hatte ich die gleiche Idee, habe sie dann aber - wie manch andere Projekte - wieder verworfen - irgendwie gefiel mir die Idee nicht, dass Musik keine Mühe mehr wert wäre. Denn sie würde einem ja automatisch präsentiert.
Heute sind wir da. Spotify hat seinen Job gut gemacht. Die Idee passt und trifft auf ein gesellschaftliches Bedürfnis: konsumiere ohne Aufwand. Für mich besteht da eine Äquivalenz zu Büchern. Es lesen immer weniger Menschen. Denn ein Buch muss man sich in gewisser Weise erarbeiten.
Wie schön kann es sein, sich ein Album erarbeiten zu müssen. Es mehrere Male anzuhören, bis man es fühlt; sich dem Künstler und dem Konzept näher fühlt und es dann einfach nur noch geniessen kann.
Wie traurig ist es, dass jüngere Generationen dieses Gefühl nicht mehr kennen, sich das gar nicht vorstellen können.
Als vor dem Geist der "Konsumgesellschaft" gewarnt wurde, ging es zwar auch um den Konsum von Gütern. Immer mehr, immer schneller, aber vor allem: immer einfacher.
Meine Tochter liebt und spielt Jazz. Sich Musik erarbeiten kennt sie also.
Trotzdem hat sie bei ihrem Auszug ihre CD-Sammlung da gelassen - zum Verkauf. "Vielleicht gibt es noch jemand älteres der sowas kauft, unsere Generation benötigt keine CDs - für was auch...". Bitter.
Der Markt und der Konsum von Musik haben sich grundsätzlich geändert. Trotzdem habe ich letztens in Berlin ein paar coole CDs gekauft und entdecke sie die Tage.
Ich behalte das, geniesse das und vielleicht - eines Tages - wird es mal ein Trend...
Möglich ist es. Schliesslich werden auch wieder Vinyls gepresst.
Bis dahin müssen Künstler die Situation akzeptieren. Individuelle Songs für Youtube, Spotify und co. Sperrigere Stücke gehen damit unter und die Gefahr besteht auf einem Niveau von Maroon5 oder ähnlichen zu landen. Aber ohne Einkommen auch keine Kunst.

ctraltu - Thomas11.12.2017 - 15:33 Uhr

Ach - das ist wie schon vermutet, eher ein persönliches Statement, denn eine Darstellung der Relevanz von Musik. Wir können uns heute auch nicht mehr vorstellen, dass the plastic people of the universe in Tschechien die Politik nachdrücklich verändert haben. Selbst im nachhinein erscheint uns die Kraft des Punk irgendwie surreal, die 80er-Jahre Depression ist eben schnell vergessen. Jan Gabarek ausverkauft, arte concerts mit tollen Projekten und dazu eine Verfügbarkeit dieser Musik, die der hochgelobte Plattenladen niemals hinbekam. Die Leute sprechen heute gerne über ihre Erfahrungen mit Meditation oder Marathon - das ist in, aber ebenso viele liegen auf der couch und hören ein Album von a bis z - das nennt man dann zeitgeistig Kopfkino und irgendwas, aber es ist das gute "aus der Welt stehlen" mit Musik. Und mal ganz ehrlich, unsere Relevanz in der Welt ist gering, wir werden nicht alle jeden Abend von der Kanzlerin angerufen und um Rat gefragt. Leben ist spülen, waschen, Zähne putzen und MUSIK. Wäre es einen Tag still in dieser Welt, ohne Musik, dann hätten wir ein Problem. Und by the way, es gibt Staaten, da darf man nicht singen und tanzen. Also hat Musik auch Kraft. Aber musik ist eben ein einsames Geschäft - kaum ein Paar hat den gleichen Musikgeschmack, es lebe der Kopfhörer, auch Familie taugt nicht als Musikort. Es treffen sich immer völlig unterschiedliche Bekloppte für eine Musik, die sonst nichts verbindet. Diese Kraft hat Musik, auch und gerade digital. Denn jetzt sind Grenzen und Importe absurd geworden. Die interessantere Frage ist, ob Musik für den Musiker noch die Bedeutung hat. Oder soll Musikerfolg nur den lästigen Arbeitsalltag ablösen? Wer brennt, kann andere entfachen. Wer nur glimmt, wird ausgepustet - auch von der Hebamme mit Klangschalengemurckse.

Thorsten13.12.2017 - 20:11 Uhr

Ein banaler Jammerartikel der mit unnötigen Wort- und Satzhülsen aufgebläht wurde. Digitale Umweltverschmutzung....

Daniel 27.12.2017 - 13:00 Uhr

Habe mir den Bericht jetzt komplett durchgelesen, denn Musik im freien Fall konnte ich nicht glauben - nach dem Bericht hier glaube ich das nun nach wie vor nicht. Ein Widerspruch nach dem Anderen, womit man das geschriebene begründen möchte ;-)

Wenn Musik doch im freien Fall ist, warum hat jeder Zweite Kopfhörer, worüber die Musik kommt? Ein Set vergleichen mit den Pages, wo man Musik streamt und angeblich damit endlos zugeschnissen wird, ist eine Beleidigung an die Künstler selbst, welche das Set dort rein stellten...

...Ihr seht doch nur Eure Umsätze weg schwimmen - das man hier drunter 4 Kreuze setzen kann, ist für mich mehr als ausreichend bewiesen ;-)

MoBe29.12.2017 - 15:40 Uhr

Ganz abgesehen vom Inhalt ist der Text, unserer Meinung nach, extrem plakativ und subjektiv geschrieben, was schade ist, denn die Themen die angesprochen werden sind teilweise sehr spannend und aktuell.

Folgendes Beispiel ist lächerlich:

"Junge Eltern haben andere Sorgen als die Frage, ob Mahler in seiner neunten Symphonie die Atonalität vorwegnahm. Wer unter einer chronischen Darmkrankheit leidet, zieht vermeintlich größeren Nutzen aus einem glutenfreien Brötchen als einem perfekt produzierten Triangelgroove."

Dieses Beispiel im Speziellen, aber auch andere, sind anmassend und aus einer sehr kleinkarierten Perspektive geschrieben. Natürlich haben junge Eltern und chronisch darmkranke Menschen andere Prioritäten als sich an perfekt produzierten Triangelklängen aufzugeilen.

Unser Fazit: Zwar diskutiert der Text zeitgemässe Themen, jedoch werden diese zu wenig und nicht gut ausgeführt.

MoBe29.12.2017 - 16:06 Uhr

Ganz abgesehen vom Inhalt ist der Text, unserer Meinung nach, extrem plakativ und subjektiv geschrieben, was schade ist, denn die Themen die angesprochen werden sind teilweise sehr spannend und aktuell.

Folgendes Beispiel ist lächerlich:

"Junge Eltern haben andere Sorgen als die Frage, ob Mahler in seiner neunten Symphonie die Atonalität vorwegnahm. Wer unter einer chronischen Darmkrankheit leidet, zieht vermeintlich größeren Nutzen aus einem glutenfreien Brötchen als einem perfekt produzierten Triangelgroove."

Dieses Beispiel im Speziellen, aber auch andere, sind anmassend und aus einer sehr kleinkarierten Perspektive geschrieben. Natürlich haben junge Eltern und chronisch darmkranke Menschen andere Prioritäten als sich an perfekt produzierten Triangelklängen aufzugeilen.

Unser Fazit: Zwar diskutiert der Text zeitgemässe Themen, jedoch werden diese zu wenig und nicht gut ausgeführt.

hattimusic13.01.2018 - 04:30 Uhr

Der Artikel trifft auf eine Art schon genau zu: Die aktuelle 'Radiomusik' weckt nicht mehr die Aufmerksamkeit der Zuhörer wie zu Zeiten, als solche Musik noch quasi ein zeitlicher Leckerbissen im Programm mal zwischendurch war.

Die wachsende Teilnahmslosigkeit vieler Menschen auf die aktuelle populäre Musik unserer Zeit erscheint mir aber eher wie ein Spiegel der musikalischen Entwicklung oder besser gesagt Rückentwicklung der Popmusik. Ich erinnere mich daran, dass große Bands der Rockgeschichte beispielsweise irgendwann meist später in ihrer Karriere nicht nur mit einem Orchester auftraten, nein es wurden Beat Opern oder gar sinfonische Werke komponiert.

Es gab auch so einige nur instrumentale Kompositionen in der Popmusik und nicht nur 'umsatzfreudige fast Schlager' wie heute z. B. in Techno verpackt. Damit meine ich jetzt nicht einmal den deutschen Schlager speziell, der von jeher nur zum verkaufen gemacht wurde. Leider brach diese musikalische Richtung in den 80ziger und 90ziger Jahren des vorigen Jahrhunderts fast völlig ein.

Heute kommt es nur auf einen 'guten Hook' und natürlich den amtlichen Sound an. Und was ist aus der gut ausgewogenen Komposition vielleicht auch mit Modulationen und anderen musikalischen Tiefen geworden.

"Diese Scheibe ist ein Hit.
Wann kriegt ihr das endlich mit.
Diese Scheibe müsst ihr koofen.
Das ist ne Scheibe für die Doofen!"

Ingo Insterburg/ Karl Dall hatten das vor Jahrzehnten schon parodiert. Massenkonsum und Volksverdummung wenn es in der Musik nur noch um die Verkaufszahlen anstatt um die Musik selber geht.

Und da jetzt Schlager und Popmusik schon zum Teil zu vieles gemeinsam haben ...

Das Interesse am Musik machen ist aber weiterhin ungebrochen.

Und dabei geht es mehr um anerkannte Kompositionen der Musikgeschichte und weniger um aktuelle brandheiße Popmusik. Das kann ich als instrumentaler Musiklehrer bestätigen.

Also ist es vielleicht doch mehr eine Schutzhaltung der Menschen vor einseitig verflachter Musik, die uns ständig immer mehr berieselt und weniger ein schwindendes Interesse an der Musik schlechthin!

XYZ!!!14.01.2018 - 20:59 Uhr

:-(

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