Billig ist geil!

Quelle: http://www.beat.de/news/billig-geil-10066320.html

Autor: Tobias Fischer

Datum: 24.04.17 - 15:34 Uhr

Billig ist geil!

Das teure Equipment auf eBay verhökern? Die klugen Ratgeber zum Altpapier geben? Spitzen-Mikros durch Elektro-Schrott ersetzen? Der Produzent Gabriel Roth hält das für eine glänzende Idee. Leider wird er dabei dauernd völlig falsch verstanden.

Gabriel Roth wird gemeinhin als Produzenten-Genie verehrt. Die von ihm betreuten Bands gelten als Bewahrer des ursprünglichen Funk-Sounds, sein Label Daptones als ein Musterbeispiel einer wahrhaft unabhängigen Plattenfirma. Und dank seiner zentralen Rolle bei den Aufnahmen zu Amy Winehouses Album-Klassiker „Back to Black“ wird er auch im Mainstream eifrig umworben. Dennoch ist Roth weniger für all diese Errungenschaften bekannt denn für einen zweiteiligen Artikel, den er vor vielen Jahren und in einem bewusst schnoddrigen Tonfall für das eher obskure und längst eingestellte englische Magazin Big Daddy herunter rotzte (Big Daddy Magazine #4 & #5). Was zunächst eher nach einer Randnotiz aussah, hängt heute – als Fotokopie des Originals oder Ausdruck eines der überall im Netz herumschwirrenden PDF-Kopien – an den Wänden vieler Studios und Roth wird aufgrund des Artikels selbst bei den Speichel-leckenden Anzugträgern verehrt, deren kreative Mentalität er in selbigem verhöhnt. Der Titel des Beitrags: „Shitty is Pretty“. Sein Inhalt: Eine totale Umkehrung der gängigen Vorstellungen davon, wie Musik aufgenommen und produziert werden sollte sowie eine leidenschaftliche Absage an die Equipment-Industrie und deren Vorstellung, dass sich kreative Fragestellungen durch hohe Budgets lösen lassen.

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Vieles an „Shitty is Pretty“ liest sich wie eine Satire. So empfiehlt Roth an einer Stelle: „Wenn du dir nicht vorstellen kannst, einen ganzen Song lang nur einen einzigen Akkord zu spielen, dann solltest du dieses Heft sofort zur Seite legen und dir lieber ein schönes Beatles-Songbook zur Hand nehmen.“ Sein Rezept für den richtigen Groove: Er muss brutal repetitiv sein. Und in seinen bemerkenswert konkreten Anweisungen zum Komponieren einer Melodie bricht er ganz bewusst alle Tabus des guten Geschmacks und lässt nur gelten, was möglichst einfach und stumpf klingt und sofort in Beine und Bauch geht. Diese Ausführungen sind von seinem Anspruch geleitet, dass eine wirklich aufregende Funk- oder Soul-Platte so klingen sollte, als ob sie live und für ein Publikum aus verschwitzten Tänzern aufgenommen wurde – und eher amüsant als wirklich bahnbrechend. Spannend jedoch wird es, sobald er auf das Thema Recording zu sprechen kommt. „Vergiss alles, was du darüber gelernt hast, wie professionelle Aufnahmen gemacht werden“, so Roth, „ich garantiere dir, dass du einen besseren Drum-Sound in deiner Garage und aus einem $20-Mikrophon herausholen kannst als mit einem $5000 U-47 in einem „professionellen“ Studio mit einem Stundensatz von $300.“ Dass millionenschwere Rapper allesamt lieber Beats sampeln, als sie live im Studio neu einspielen zu lassen, gilt ihm als Beweis dafür, dass sich der wahre, dreckige Sound der Klassiker nur abseits kommerzieller Vorgaben produzieren lasse. Roth behauptet, er habe schon mit Kopfhörern komplette Aufnahmen durchgeführt, das beste Reverb lasse sich mit einigen einfachen Handgriffen selbst aus einem billigen Ersatzteil für einen Fender-Amp basteln und er empfiehlt zum Aufnehmen und Abhören grundsätzlich Tape. Das „Billige“ daran sei das Gute darin – „shitty“ sein kein Notbehelf, sondern offenbare erst die wirkliche Schönheit der Musik.

Lofi hat Konjunktur

Roths Thesen werden all zu leicht falsch verstanden. Das liegt nicht nur an dem offensiven und zynisch überdrehten Ton seines Artikels. Sondern auch daran, dass ähnliches Gedankengut bereits seit Mitte der 90er auf einer ganz anderen Ebene Konjunktur hat. Auch wenn „Lofi“ als eine Genrebezeichnung inzwischen weitestgehend den Zenit überschritten hat, so ist doch die damit verbundene Ästhetik so präsent wie eh und je. In einem Artikel für die Zeitschrift Electronic Beats hat Adam Harper die Ideen hinter der Bewegung charakterisiert: „Statt alle bestehenden Konventionen hinwegzufegen und ganz von vorne anzufangen, entwickelte sich innerhalb von Punk und Post-Punk eine zunehmend einflussreiche Bewegung, die meinte, dass der beste Weg darin bestünde, das genaue Gegenteil dessen zu tun, was die Konventionen vorschreiben. Statt also das Bild zu zerreißen und es von Grund auf neu zu malen, stellten sie es einfach auf den Kopf. Dieser Ansatz war deutlich beliebter, weil er einfacher zu verstehen war als eine Welt ohne Regeln und Kompass.“ „Lofi“ ist also ohne „Hifi“ gemäß dieser Interpretation überhaupt nicht zu verstehen und hat in letzter Konsequenz nicht einmal mehr einen Bezug zu den finanziellen Möglichkeiten der Beteiligten. Niemand, so Harper, käme auf den Gedanken, die Musik von Aphex Twin heute noch als Schlafzimmer-Musik zu bezeichnen, obwohl sie genau dort produziert werde. Schlafzimmer-Musik klinge vielmehr nach Künstlern wie Ariel Pink, die zwar in teilweise teuren Studios aufnehmen, aber ihren Songs den Hauch von Schäbigkeit einhauchen. „Lofi“, angeblich entstanden aus der Suche nach Authentizität und der Sehnsucht nach Ehrlichkeit und Emotionalität, wurde zu einer Einstellung im Effektprozessor, zu einer nüchternen produktionstechnischen Entscheidung.

Nirgendwo wird das deutlicher als in der Musik des britischen Labels PC Musik. Gleichermaßen als Gralshüter des Pop gefeiert und als Schandfleck auf der musikalischen Landkarte verachtet, hat die Plattenfirma einen Sound geprägt, der anmutet, als sei er mit den Presets eines auf dem Flohmarkt ergatterten Casio-Keyboards mit gebrochenen Tasten produziert worden. Ausgestattet mit diesen klanglichen Ressourcen arbeiten die PC-Musik-Produzenten an Songs, welche die Helium-Stimmen des Happy-Hardcore mit den Bleeps und dem Brummen von Dubstep verbinden, sie an klischeehafte Texte koppeln und daraus brutal eingängige Pop-Songs schmieden. Auch wenn einige Kritiker in diesem Ansatz einen Angriff auf die nackte Oberflächlichkeit der uns umgebenden Konsumgesellschaft sehen, so darf man solche Interpretationen doch ruhigen Gewissens als intellektuellen „Hurz“ betrachten. Einer der bekanntesten Vertreter der PC-Musik-Crew, Sophie, hat vielmehr offen zugegeben, dass es im Pop darum gehen müsse, „das lauteste, grellste Ding zu kreieren“ und die einem zur Verfügung stehende Technologie zu nutzen, um die Intensität der Musik ins Unermessliche zu steigern. Passenderweise muten viele der auf dem Label vertretenen Künstler wie reine Erfindungen an. Andere – wie Hannah Diamond – tummeln sich in in Bildbearbeitungs-Programmen entworfenen Plastikwelten, die sie wie Retortenkreationen anmuten lassen – passenderweise bezeichnet sich Diamond selbst als „Popstar und Image-Macher“. Das digitale Lofi ist somit, ähnlich wie das Hinzufügen von Vinylknistern für ein heimeliges Gefühl, ein Retro-Ansatz, der versucht, die Naivität der 90er und der Eurodance-Jahre in eine weitaus weiter entwickelte Zukunft, in der mit billigstem Equipment eigentlich fette Hochglanzproduktionen möglich wären, hinüberzuretten.

Die Wurzel des Übels

Es ist diese Philosophie, die Adam Harper als „reaktionär“ bezeichnet und die er für die Wurzel vielen Übels hält. Denn es sei durchaus kein Zufall, dass die unter dem Überbegriff „Lofi“ zusammengefasste, weitestgehend harmlose Singersongwriter-Musik schon sehr schnell von Kaffeehausketten und Handyanbieterwerbespots verinnahmt worden sei. Weil die gängigen Regeln und der Kompass in dieser Musik bestehen bleiben, dient sie der Industrie vor allem dazu, den Lofi-Sound als eine Art Gütesiegel auf ihre sorgfältig glattgebügelten Veröffentlichungen zu kleben, während die tatsächlich mit billigsten Mitteln operierenden Künstler weiterhin keine Chance auf Erfolg haben. Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommt letztendlich auch Monte Vallier, Bassist und Produzent der Indie-Band Swell, die vielleicht mehr als jede ander Formation der 90er für den „Lofi“ Sound verantwortlich zeichnete. „Wir wollten so gut wie nur irgend möglich klingen“, so Vallier, „Wir konnten uns nur einfach kein besseres Equipment leisten“. Als die mit einfachsten Geräten zusammengekratzten Songs wieder jede Erwartung ein großes Publikum ansprachen, erhielten sie für ihr erstes und einziges Major-Label-Album plötzlich $200,000 in die Hand gedrückt. Das damit erworbene Equipment nutzt Vallier bis heute, gibt aber auch zu, dass es nicht einfach war, die Magie der frühen Werke in dieser neuen, vermeintlich „besseren“ Umgebung zu reproduzieren.

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Genau hier greift Gabriel Roths „Shitty is Pretty“-Ratgeber. Denn Roth liebt einen großartig produzierten Track so sehr wie jeder andere auch. Worum es ihm geht, ist, sich nicht von den Versprechen der Equipment-Industrie ablenken zu lassen, nicht die eigene Kreativität in die Hände von elektrischen Schaltungen und Platinen zu legen. Es gehe darum zu wissen, was man wolle und die Mittel zu nutzen, die einem zur Verfügung stünden. Dazu gehören vor allem auch die eigenen Ohren. So hat Roth in einem späteren Interview auf der Red Bull Music Academy verraten, dass er viele Sessions mit unterschiedlichen Mikrofonen aufnehme, darunter sowohl sehr teure als auch die benannten $20 Amateur-Mikros. Beim Abmischen wähle er schlicht den Kanal, der ihm am besten gefalle, aber ohne vorher zu wissen, um welches Mikrofon es sich dabei handle. Genauso hilfreich auch ein Tipp dazu, die Spannung und Dringlichkeit eines Club-Gigs in die Studio-Situation zu übertragen: „Am Computer kannst du einige Stunden verbringen, sechs oder sieben Soli ganz ohne Druck einspielen, ohne zu wissen, welches auf dem Album landet. Vielleicht nimmst du auch einfach eine Note von hier und eine von dort und nachher werden die Produzenten es schon richten. (…) Wenn du aber nach deinem Solo zu mir in den Aufnahmeraum kommst und sagst: „Ich glaube, da geht noch was“, dann sage ich dir: „Wenn du glaubst, da geht noch was, dann solltest du dir sicher sein. Denn ich werde dein nächstes Solo über das legen, was du gerade gespielt hast, und danach ist das andere weg. (…) Und was passiert dann bei dem Musiker? Ihm laufen kalte Schauer über den Rücken. Er spielt genau das, was auch auf der Platte landen wird. Er macht etwas, das Bestand haben wird. Das gibt dem Musiker ein Gefühl, im Hier und Jetzt zu sein – und das ist das lebendige Gefühl, das du auf den Platten hörst.“

Es wäre einfach, Roths Empfehlungen als Nischen-Tipps für Funk-Freaks abzutun. Doch die Wahrheit sieht anders aus. In den frühen Tagen der Bewegung war Rave reinster Punk und mehr als wohl jede andere Musikrichtung mit einer „Shitty is Pretty“-Philosophie ausgestattet. Früher Techno war rüde, roh, billig und fast schon peinlich, aber genau deswegen so ungemein echt, fassbar und packend. Ganz egal, wie viel „shitty“ man mag und verträgt – davon können auch heutige Elektronik-Produktionen ein Quäntchen mehr vertragen. – wenn die Philosophie stimmt.