Behringer will CEM3340-Chips bauen: Werden Synth-Legenden wieder Normalität?

Quelle: http://www.beat.de/news/behringer-will-cem3340-chips-bauen-werden-synth-legenden-wieder-normalitaet-10066635.html

Autor: Tobias Fischer

Datum: 14.06.17 - 18:16 Uhr

Behringer will CEM3340-Chips bauen: Werden Synth-Legenden wieder Normalität?

Mit der Ankündigung, den legendären CEM3340-Chip neu aufzulegen, hat Uli Behringer in ein Wespennest gestochen und sich unzähligen Anfeindungen ausgesetzt. Dabei steht das Unternehmen im Recht und bedient langjährige Bedürfnisse vieler Musiker. Ganz offensichtlich brodelt es unter der Oberfläche des Unbewussten – warum lösen rein funktionale Teile wie Oszillatoren derart tiefe Reaktionen aus?

Emotionale Ausbrüche, aufgebrachte Fans, erhitzte Foren-Beiträge, persönliche Anschuldigungen – die Nachwehen eines Fußballspiels? Debatten rund um eine kritische politische Entscheidung? Preiserhöhungen beim Benzin? Nein, der Stein des Anstoßes war diesmal ein winziges, gerade einmal Fingernagel-großes schwarzes Element, der Austragungsort waren die Equipment-Foren und -Blogs. Die erhobenen Anschuldigungen: Behringer habe mit seiner Entscheidung, die in vielen namhaften Synthesizern verbauten CEM3340-Chips vierzig Jahre nach ihrer ursprünglichen Markteinführung neu aufzulegen, das Erbe des Entwicklers Doug Curtis beschmutzt. Auch wenn Witwe Mary Courtis in einem Facebook-Posting keine Namen nannte, war sie recht eindeutig in ihrer Wortwahl angesichts ihrer Befindlichkeiten: „Doug hätte sich geehrt gefühlt angesichts des Vermächtnisses seiner Produkte. Doch war er ein Mensch höchster Integrität und wäre deswegen zutiefst betrübt darüber, wie nun andere versuchen, seinen Namen auszuschlachten und nicht belegbare Behauptungen darüber machen, ihr Produkt sei seinem ebenbürtig.“ Für einen kurzen Augenblick sah es tatsächlich so aus, als liege hier ein klarer Fall von Ausbeutung vor, ein Triumph von Marktmacht und Big Business über Ideale, Ideen und Inspiration. Die wahrlich interessanten Fragen jedoch waren zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gestellt worden.

Gefühl vor Gesetz

Zunächst einmal wurde schnell klar, dass Mary Courtis' Unrechtsbewusstsein eher ihrer Gefühlswelt entsprang als der Gesetzeslage. Denn die Patente des spannungsgesteuerten Oszillators ihres Mannes sind längst ausgelaufen, obwohl bereits seit Langem ein stetiger Bedarf bestand. Curtis selbst konnte diese Nachfrage niemals bedienen, wohl auch deswegen, weil die erforderlichen Fixkosten sehr hoch und der Gewinn pro Chip recht gering sind. In den immerhin zwanzig Jahren seit dem Auslaufen der Schutzfrist hatte man die Option, selbst mit einem Angebot in die Öffentlichkeit zu treten, niemals wahrgenommen, sodass nach Verlautbaren vollkommen funktionsfähige Synthies für ihre Chips geplündert wurden. So gesehen wäre es schlichtweg falsch, Behringers Vorstoß als „Unrecht“ oder „unethisch“ zu bezeichnen. Hätte man, wie von einem Diskussionsteilnehmer vorgeschlagen, Curtis ein faires Angebot machen können, um sowohl das Einverständnis der Familie als auch die offiziellen Namensrechte einzuholen? Wäre es für die Community nicht netter und versöhnlicher gewesen, das signifikante Erbe zumindest mit einem kleinen Obolus zu ehren? Zweifelsohne. Doch ist es genauso plausibel, dass ein solcher Schritt die betriebswirtschaftliche Logik gerade eines Nischenprodukts gefährdet hätte. Damit verkommt die Frage zu einer von Anstand und Takt – wohl kaum der Stoff, aus dem Skandale gemacht sind.

Wahrhaft verwunderlich ist an den Diskussionen, die in den Foren von Seiten wie Gearslutz oder Synthtopia munter weiter gesponnen wurden, vielmehr, dass wir inzwischen über Chips so emotional reden, als handele es sich hier um künstlerische Kreationen. Zwar war Doug Curtis nicht nur als Elektronik-Nerd, sondern auch als Audiophiler bekannt, der stets die klanglichen Auswirkungen seiner Erfindungen im Visier hatte. Doch bleiben seine Produkte letzten Endes technische Komponenten, kleine Zahnräder in der überkuppelnden Vision eines Synthesizer-Herstellers. Ihnen einen besonderen Wert zuzusprechen macht insofern Sinn, als dass jedes qualitativ hochwertige Element einen Beitrag zum bestmöglichen (Sound-)Erlebnis leistet. Doch rechtfertigt alleine dies bereits die Gleichstellung eines solchen Chips mit den musikalischen Ergebnissen, welche aus der künstlerischen Arbeit mit ihnen entstehen? Erklärt es die Empörung über einen Vorgang, der überall auf der Welt zum Tagesgeschäft gehört? Man kommt angesichts der wahrgenommenen Sonderstellung des CEM3340 nicht umhin, diese Thematik als die logische Konsequenz eines längerfristigen Trends zu sehen, als Teil dessen neue Technologien die Vorstellungskraft des Publikums stärker anzufachen in der Lage ist, als Film, Musik und bildende Kunst. Michal Matlak und Tabita Hub's Buch „R is for Roland“ ist ein gutes Beispiel für eine solche Faszination: Ein tonnenschweres, aufwendig produziertes Kaffeetischbuch, in dem Equipment im alleinigen Mittelpunkt steht, abgelichtet wird, wie elegante Models und die Musiker nur noch für ein paar kurze Interviews und Statements zu den Geräten zu Wort kommen. Auf den besagten Technik-Foren tummeln sich längst mehr Musiker als in den entsprechenden Pendants der Musik-Magazine, werden zu Kompressoren inzwischen die leidenschaftlichen Pros und Kontras diskutiert, die einstmals von den neuen Veröffentlichungen führender Bands ausgelöst wurden. Was ist also seltsamer: Dass wir Chips und Halbleiter jetzt so behandeln wie Musik – oder dass wir Musik immer noch anders behandeln als Chips?

Die Psychologie lebloser Objekte

Für mögliche Antworten steht die Psychologie bereit, die unseren tiefen Verbindungen zu leblosen Objekten nicht nur aufwendige Studien, sondern sogar eigene Disziplinen gewidmet hat. Dass Gegenstände Erinnerungen konservieren – von dem T-Shirt beim ersten Date bis zur Schallplatte beim ersten Kuss; von einem Foto, das an einen besonderen Augenblick erinnert, bis hin zu Briefen, die schmerzhafte oder wunderschöne Momente in Worte fassen – ist ein bekanntes Phänomen. Dass man dieselben Gefühle auch mit Marken aufbauen kann, mag uns weniger bewusst sein, ist aber eine logische Schlussfolgerung. Marken und die mit ihnen verbundenen Produkte, so die Theorie, setzen an unserem aktuellen Selbstbild an. Erlauben sie es uns, dieses Selbstbild zu bestätigen, zu verstärken und positiv zu besetzen, entsteht dabei ein emotionaler Feedback-Loop. Die erfolgreichsten Marken erzeugen aus dieser Wechselwirkung eine Bindung und aus Bindungen resultieren Abhängigkeiten und Trennungsängste. Kommt es dann tatsächlich zum Bruch, etwa wenn Coca Cola seine Formel anpasst und die „New Coke“ im Gegensatz zum Werbeversprechen, ganz furchtbar schmeckt, kann dies zu sehr realen Schmerzen führen. Andersherum kann die Wiedereinführung einer beliebten Marke deren wahrgenommenen Wert sogar stärken, wie beispielsweise geschehen bei den Revivals früherer Ritter-Sport-Schokoladen-Rezepturen wie der Olympia. Wenn die Trennung aufgehoben und die Beziehung wieder aufgenommen würde, so meinen einige Autoren, könne sich sogar wahre Liebe einstellen.

Was bei Schokolade und Cola gilt, gilt bei technologischen Objekten um so mehr. Denn keine andere Branche versteht es so gut, unser Selbstbild zu umgarnen und zu bedienen, wie die IT: In den fein abgestuften Nuancen ihrer Produkte spiegeln sich sogar derart genau verschiedene Ich-Konzeptionen, dass wir mit diesem Selbstbild spielen und dabei verschiedene Persönlichkeitstypen durchprobieren können. Darüber hinaus verfügen ihre Entwicklungen über eine sofort einleuchtende praktische Nützlichkeit. Smartphones erlauben es uns, mobil zu arbeiten, zu kommunizieren, zu spielen, Musik zu hören, Filme zu gucken und Wissen zu sammeln. Roboter sind imstande, pflegebedürftigen Personen unter die Arme zu greifen und smarte künstliche Intelligenzen geben bereits Empfehlungen dazu ab, welcher Pulli und welche Hose am besten zusammen passen. Man kann sich über die Relevanz einiger dieser Funktionen streiten – Stichwort: Pokémon GO – doch sprechen die Zahlen für sich: 75% aller Nutzer beschleicht ein tiefes Gefühl des Unwohlseins, wenn sie ihr Smartphone verlegt haben oder, welch Horror, längere Zeit an einem Ort ohne Steckdose für ihr Ladekabel verbringen müssen. Das Telefon rangiert in der Liste der schlimmstmöglichen Verluste noch über dem des Eherings – klare Zeichen dafür, dass wir diese Technologien längst als eine Erweiterung von unserem eigenen Körper und Geist sehen. Die Emotionalität, die mit einer solchen Identifizierung einhergeht, hat enorme Implikationen, ganz gemäß der alten Weisheit: Der Verstand führt (nur) zu Erkenntnis, unsere Gefühle hingegen bewegen uns, etwas zu tun.

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Emotionale Instrumente

Elektronische Musikinstrumente verbinden nun zwei zutiefst emotionale Bereiche: Den der Technologie und den der Musik – der vielleicht gefühlsbetontesten, subjektivsten und selbst bezogensten aller Künste. Instrumente gelten wohl auch aus diesem Grund als eine Objektkategorie mit ihren ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten. Angeblich ließ sich Beatle George Harrison mit seiner Ukulele begraben, werden immer wieder hohe Finderlöhne für verlorene Gitarren oder sogar Picks ausgesetzt und ist es unter Klassikmusikern durchaus üblich, Cello, Klavier oder Geige einen Namen zu geben und das Instrument auf die Beziehungsebene einer guten Freundin zu heben, mit der man Leid und Freude, Trauer und Triumphe gleichermaßen durchlebt und durchsteht. Einer der Gründe, weswegen Vintage-Analog-Equipment aktuell einen enormen Zuwachs genießt, besteht eben darin, diese Art tiefer Beziehungen zu versprechen, die mit virtuellen Synthies und Software-Emulationen undenkbar wären. Hinter jedem Gerät steht nicht nur eine lange Tradition, sondern auch die persönliche Geschichte der vorherigen Besitzer, die ihm mit Kratzern und wackligen Tasten die Wunden und Narben zugefügt haben, die auch bei Menschen viel mehr sagen als tausend Worte. Es ist vor allem in diesem Kontext, dass scheinbar unscheinbare Teile wie Oszillatoren oder auch reine „Tools“ wie Kompressoren, Filterbänke oder Hallgeräte eine Resonanz erhalten können, die der von ruhmreichen Synthesizern in nichts nachsteht. Ihr Anteil an historischen Sagen – klassischen Alben und Performances, spektakulären Entwicklungsgeschichten und revolutionären Durchbrüchen – verleiht ihnen eine Aura des Mystischen, die man gemeinhin eher in Museen verortet. Dass sie nicht mehr produziert werden und ihr Bestand damit für immer festlegt ist, verstärkt diese Empfindungen noch und macht eine Form der Verehrung möglich, über die man unter rationalen Erwägungen nur den Kopf schütteln kann.

Ich behaupte einmal: Worin für viele der eigentliche Affront von Behringer im künstlich hochgeputschten Chip-Gate besteht, ist, diese Seifenblase zum Platzen zu bringen. Plötzlich wird aus einem romantisch verklärten Platinenaufsatz wieder ein kleines, Daumennagel-großes Element in einem Synthesizer, werden aus Legenden wie dem Moog schlichte Musikinstrumente, die nicht nur zum Anschauen und Bewundern dienen, sondern sich anfassen lassen, die für die eigene Kreativität genutzt werden, aber keine Wunder bewirken können, wo es an dieser mangelt. Manche werden das als respektlos betrachten. In einer Welt aus Abhängigkeiten und Trennungsängsten aber dürfte es einen wichtigen Schritt in Richtung Normalität darstellen.

Dieser Artikel ist in unserer Heft-Ausgabe 139 erschienen.

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